Analyse

Nach Anschlag in El Paso: 8chan ist offline – vorerst

Das Logo von 8chan auf Twitter. (Screenshot: t3n)

Lesezeit: 6 Min. Gerade keine Zeit? Jetzt speichern und später lesen

Drei rechtsextreme Anschläge stehen in direktem Zusammenhang mit dem Messageboard 8chan. Die Plattform ist jetzt offline, weil verschiedene Provider 8chan ihre Dienste nicht mehr zur Verfügung stellen.


Das Messageboard 8chan, das in Zusammenhang mit mehreren rassistischen Anschlägen steht, ist down. Seit der Nacht auf Montag haben mehrere Serviceprovider die Zusammenarbeit eingestellt. Gleichzeitig ist in sozialen Netzwerken eine Diskussion über die Rolle von 8chan bei verschiedenen Hassverbrechen und über die Verantwortung von Internetfirmen entbrannt.

Anlass ist der rassistisch motivierte Anschlag im texanischen El Paso, der vom mutmaßlichen Täter auf 8chan angekündigt worden war. Direkt, bevor der 21-Jährige aus Texas seinen Angriff startete, veröffentlichte er ein Dokument, in dem er seine Tat mit einer „hispanischen Invasion“ und weiteren rassistischen Verschwörungsinhalten begründet. Der 21-Jährige aus Texas hatte am Samstagmorgen 22 Menschen in und im Umfeld einer Walmart-Filiale erschossen. Von den US-amerikanischen Behörden wird der Vorfall als Inlandsterrorismus gewertet.

Zwei weitere Anschläge wurden auf 8chan angekündigt

Es ist schon der dritte Anschlag in diesem Jahr mit direktem Bezug zu 8chan. Der australische Terrorist Brenton Tarrant, der am 15. März 51 Menschen bei einem Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch getötet hatte, teilte sein Manifest und einen Link zum Lifestream der Tat auf 8chan. Auch der Mann, der Ende April eine Frau in einer Synagoge im kalifornischen Poway erschoss und drei weitere Personen verletzte, hatte auf 8chan einen offenen Brief veröffentlicht, in dem er seine antisemitische und rassistische Motivation darlegt. Beide Täter hingen der Verschwörungsideologie des „großen Austausch“ an, die behauptet, es gebe einen Plot, um die weiße Bevölkerung durch Einwanderung und Vermischung zu vernichten.

Für Cloudflare ist der Anschlag von El Paso Anlass, nicht mehr mit 8chan zusammenzuarbeiten. Der IT-Sicherheitsdienstleister kündigte seinem Kunden und stellte in der Nacht zu Montag seine Dienstleistungen ein. 8chan ging offline. Obwohl schon länger bekannt ist, dass viele der Forumsbeiträge auf 8chan rassistisch, antisemitisch und frauenfeindlich sind, tat sich Cloudflare nicht leicht mit der Entscheidung.

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Das Geschäftsmodell von Unternehmen wie Cloudflare ist es, Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, mit den Inhalten ihrer Kunden haben sie nichts zu tun. Die Palette von Cloudflare umfasst ein Content-Delivery-Network (CDS), DNS-Dienste und Sicherheitsdienste, nach eigenen Angaben nutzen mehr als 19 Millionen Webauftritte das Netzwerk der Firma. Dass einem Kunden aus inhaltlichen Gründen gekündigt wird, kommt äußerst selten vor. Im Fall von Cloudflare war das zuletzt im August 2017 so, als es die antisemitische und rassistische Website The Daily Stormer aus seinem Netzwerk verbannte.

Warum Cloudflare jetzt doch eingegriffen hat

Matthew Prince, CEO von Cloudflare, erörtert in einem Blogpost die Entscheidung, jetzt auch 8chan zu kündigen. „Die Begründung ist einfach: Sie haben bewiesen, dass sie gesetzlos sind und diese Gesetzlosigkeit hat mehrere tragische Todesfälle verursacht“, schreibt Prince. Cloudflare toleriere widerwillig auch Inhalte, die das Unternehmen selbst verwerflich findet. Die Grenze werde dort gezogen, wo Plattformen demonstrieren, dass sie zu „tragischen Vorkommnissen“ anregen und dem Design nach gesetzlos sind. Erwartungen, dass sich durch die Kündigung grundsätzlich etwas ändert, hat er keine. „Während es Druck von uns nimmt, 8chan aus unserem Netzwerk zu entfernen, trägt das nicht dazu bei, zu adressieren, warum hasserfüllte Seiten online vor sich hin gären.“, schreibt Prince. Dadurch fände noch keine Auseinandersetzung damit statt, warum Anschläge passierten, warum Teile der Bevölkerung dermaßen desillusioniert seien, dass sie dem Hass verfielen. Cloudflare habe das eigene Problem gelöst, aber nicht „das Problem des Internets“. Auch ging er davon aus, dass 8chan schnell einen neuen Dienstleister finden werde.

Das war bei 8chan zu sehen, als die Seite am Montagnachmittag noch einmal online war. (Screenshot:t3n.de)

Ganz einfach hat 8chan es aber nicht, denn weitere Unternehmen wollen mit der Seite nichts zu tun haben. Am Montagnachmittag war 8chan für kurze Zeit wieder online, doch seitdem ist die Seite weitestgehend down. Der neue DNS-Provider ist Epik, zusammen mit seiner im Februar 2019 übernommenen Tochter Bitmitigate dürfte er eigentlich auch die notwendigen Sicherheitsdienste zur Verfügung stellen können. In seiner Selbstbeschreibung bezeichnet sich Epik als „die Schweizer Bank der Domains“ und als „Verteidiger der verantwortungsvollen Redefreiheit“. Epik und Bitmitigate sind dafür bekannt, auch mit Anbietern rechtsradikaler und illegaler Web-Inhalte zusammenzuarbeiten, seit dem Rauswurf bei Cloudflare ist auch The Daily Stormer dort angesiedelt.

Doch die Offenheit für 8chan wurde Epik nun selbst zum Verhängnis. Wie sich herausstellte, verließ sich Epik auf Server von Voxility, statt eigene Hardware einzusetzen. Und auch Voxility will offenbar nicht in Verbindung mit 8chan gebracht werden und stellte die Zusammenarbeit mit Epik und Bitmitigate ein. Nicht allein 8chan ging offline, sondern auch die Seiten von Epik und Bitmitigate waren eine zeitlang nicht verfügbar. Auf Twitter bestätigte Voxility, dass es den Reseller aus seinem Netzwerk verbannt hat.

Laut Facebooks ehemaligen Sicherheitschef Alex Stamos nutzt Epik nun die Provider AWS, OVH und Linode. Auf Twitter stellt er die Frage, ob 8chan wohl mit deren Allgemeinen Geschäftsbedingungen in Einklang zu bringen sei. Es bleibt abzuwarten, ob sich auch diese Anbieter gegen 8chan positionieren.

Die Vorkommnisse rund um 8chan lösten in sozialen Medien eine Reihe an Diskussionen rund um Redefreiheit und die Rolle von Providern aus. Tragen Unternehmen eine Mitverantwortung für Inhalte auf den Websites ihrer Kunden oder sollen sie sich vollkommen neutral verhalten und ihre Dienste allen zahlungsfähigen Kunden zur Verfügung stellen, ungeachtet der Inhalte?
Viele Unterstützer von 8chan berufen sich auf Redefreiheit und sehen die Abschaltung der Seite als Zensur.

8chan hat viele Gegner

Das Argument der freien Meinungsäußerung wird von Verteidigern von 8chan besonders häufig genannt. Die Seite war 2013 vom Software-Entwickler Fredrick Brennan gegründet worden, um eine Alternative zum Imageboard 4chan zu bieten, dessen Moderation er als zu restriktiv empfand. So wurde das Forum zum Hafen für User, deren Äußerungen zu radikal und beleidigend für die größeren Plattformen war. Hier konnten Inhalte geteilt werden, die andernorts nicht willkommen waren, von der sexistischen Gamergate-Kampagne bis zu rassistischen und antisemitischen Verschwörungsideologien.

Brennan hat sich von 8chan zurückgezogen und fordert inzwischen die Abschaltung der Seite. Auf Twitter zeigt er sich wenig überrascht über den Anschlag von El Paso und fordert vom aktuellen Eigentümer, Jim Watkins, die Seite zu löschen. „Die Seite wird nie Geld einbringen, tu der Welt einfach einen Gefallen und schalte sie ab“, schrieb Brennan am Sonntag auf Twitter.
In einem weiteren Tweet nennt er die Gründe, warum seiner Meinung nach Terroristen ihre Manifeste auf 8chan veröffentlichen: ein geneigtes Publikum, das das Manifest weiter verbreite, Fälle in der Vergangenheit, in denen Manifeste bereits erfolgreich weiterverbreitet worden sind, und lasche bis nicht-vorhandene Moderation.

Studie über die radikale Sprache auf 8chan

Auch die NGO Anti-Defamation-League, die sich gegen Antisemitismus und Diskriminierung einsetzt, sieht 8chan als eine Plattform, die zu Radikalisierung und Gewalt beiträgt. Im April hat sie gemeinsam mit dem Network Contagion Research Institute eine Studie über Extremismus auf 8chan und der Online-Community Gab veröffentlicht.

Anlass waren der Anschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh mit elf Toten im Oktober 2018 und der Anschlag von Christchurch im März 2019. Während sich der Christchurch-Attentäter vor allem auf 8chan mit Gleichgesinnten austauschte, war der Attentäter von Pittsburgh auf Gab aktiv. Beide Täter kündigten den Anschlag in ihrer jeweiligen Online-Community an und sprachen die Leser wie Mitverschwörer an. Beide waren überzeugt, es drohe ein „Genozid an den Weißen“ durch Einwanderung. Neben beiden konkreten Fällen befasst sich die Studie auch mit dem Vorkommen rassistischer Begriffe, bestimmten sprachlichen Assoziationen in Zusammenhang mit der Ideologie des „White Genocide“ und in Hinblick auf Genozide übliche Terminologie. Die Verfasser der Studie kommen zu dem Schluss, dass die Idee einer „muslimischen Invasion der Weißen“ und „genozidale Sprache“ im untersuchten Zeitraum auf 8chan besonders stark ausgeprägt ist.

Das Schlusswort warnt davor, dass sich weitere Menschen von den Ideologien, die auf den Plattformen verbreitet werden, zu Taten inspirieren lassen könnten. „Diese Plattformen dienen rund um die Uhr als Rallyes von White Supremacists, die ihre gehässigen Fantasien verstärken und erfüllen“.


t3n meint:

Nach dem Anschlag von El Paso und der Diskussion um die Mitverantwortung von 8chan ist für Teile der Tech-Branche eine Zusammenarbeit mit der Plattform undenkbar geworden. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die 8chan-Betreiber die passenden technischen Rahmenbedingungen schaffen beziehungsweise Partner finden, die sich nicht an den Inhalten stören. Doch auch jenseits von 8chan gibt es noch genügend Orte im Netz, an denen Menschen sich radikalisieren und zu Hassverbrechen anstacheln lassen. Ziemlich sicher ist, dass uns die gesellschaftliche Debatte um extremistischen Echokammern und die Rolle von Plattformen noch länger begleiten wird. Johanna Kleibl

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4 Kommentare
Ribert Lirert
Ribert Lirert

Hassverbrechen gibt es nicht. Das ist ein ausgedachtes Wort um die Meinungsfreiheit einzuschränken.
Wie kann Hass, eine Gefühl, ein Verbrechen sein?

Antworten
Tobias
Tobias

Hassverbrechen und Hate Speech sind Erfindungen, um eine ganz bestimmte politische und faschistische Agenda zu etablieren. Die Benachteiligung auf Basis der politischen Ansichten ist eh so eine Sache… Hauptsache den MSM folgen.

Antworten
Ettore Atalan
Ettore Atalan

Die Attentäter in den genannten Fällen wurden durch ihren Hass auf Einwanderer und/oder Moslems zum Verbrechen Mord motiviert.

Mit einer angeblichen Einschränkung der Meinungsfreiheit, die im rechten Spektrum gerne als „anonyme und straffreie Volksverhetzung im Internet“ uminterpretiert wird, hat das nichts zu tun.

Antworten
Ettore Atalan
Ettore Atalan

Es wäre schön, wenn es einen Plot gäbe, um Rassisten durch Einwanderung und Vermischung zu vernichten.

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