Kolumne

Aufmerksamkeit als Geschäftsmodell: Die Spielregeln der neuen Welt

(Foto: Shutterstock / hxdyl)

Alle Welt trachtet nach unserer Aufmerksamkeit. Das grenzt an Belästigung. Doch der Spuk könnte bald enden. Dank des Internets.

Seit geraumer Zeit schreibe ich andernorts über unsere moderne Aufmerksamkeitswirtschaft. Sie entwickelt sich an der Schnittstelle zwischen Technologie, Medien und digitaler Wirtschaft. Dort geht es bekanntermaßen seit Jahren turbulent zu, inklusive immer neuer Herausforderungen: von der ewigen Suche nach Geschäftsmodellen für den Journalismus über Filter Bubbles bis zur Macht der Plattformen.

Im Hintergrund all dessen hat sich über die letzten zwei Jahrzehnte eine spannende Entwicklung gezeigt. Dank neuer Technologien und der mit ihnen einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen (#Beschleunigung, #alwaysOn etc.) ist die menschliche Aufmerksamkeit immer knapper bemessen. Die Folge: Sie wird zum Gut. Das ist keine neue Einsicht. Bereits 1997 formulierte sie Michael H. Goldhaber im Wired Magazine. Doch sie gewinnt zunehmend an Relevanz.

Denn Unternehmen leben zunehmend von unserer Aufmerksamkeit. Auf immer mehr Screens (und bald Lautsprechern) lassen sie wenig unversucht, um sie zu erhaschen. Diese Entwicklung steht gerade erst am Anfang: Das allgegenwärtige Smartphone ist noch immer ein junges Phänomen. Langsam aber sicher kommen Augmented, Mixed und Virtual Reality in unserer Welt an. Und Unternehmen jeglicher Couleur werden sich verstärkt dieser Mittel bedienen.

Das hat diverse Konsequenzen. Zwei sind mir besonders wichtig:
a) Ihr Einfluss auf uns Menschen. Wie passen wir uns an eine Welt an, in der wir jederzeit verbunden sind und in der es ein unbegrenztes Angebot an Informationen gibt?
b) Ihr Einfluss auf unser Wirtschaftssystem. Welche Folgen hat der Wandel weg von angebotsbestimmten Massenmärkten –  die darauf fußten, mit Hilfe von Massenmedien den Großteil der Menschen eines Marktes erreichen zu können –  hin zu einer On-Demand-Wirtschaft?

Beide Themen sind eng miteinander verflochten. Immer mehr Unternehmen aus aller Welt wollen sich ein Stück vom Aufmerksamkeitskuchen sichern (was dadurch erschwert wird, dass es sich um ein Nullsummenspiel handelt). Ihre Bemühungen werden zusehends aufdringlicher. Das Web hat sich in weiten Teilen in eine extrem lästige Werbeplattform verwandelt. Vermeintlich nützliche virtuelle Assistenten beginnen inzwischen, unsere Wohnungen in personalisierte Werbeflächen zu verwandeln.

Doch das Problem betrifft nicht allein die Werbung. Etliche Web-Services versuchen, ihren Aufmerksamkeitsanteil zu erhöhen, um darauf basierend ein Geschäft zu etablieren (welches meist auf Werbung basiert). Das Resultat: Eine Flut von Benachrichtigungen auf all unseren Bildschirmen. Anscheinend ist es angemessen, uns zu unterbrechen, wann immer monumentale Ereignisse wie diese eintreffen:

  • Zwei Personen, mit denen du vage bekannt bist, besuchen eine Veranstaltung in deiner Nähe.
  • Ein obskurer Produzent, der einen Song gemacht hat, den du geliked hast, hat einen neuen Track hochgeladen.
  • Irgendeine Person  –  deren Identität du nur herausfindest, wenn du bezahlst –  hat dein Profil auf einem Netzwerk besucht, bei dem du vor Jahren mal einen Account angelegt hast.

Wir beginnen gerade erst zu verstehen, welchen Effekt all das auf unsere mentale Verfassung hat. Allen Anzeichen zufolge jedoch keinen besonders guten. Daher häufen sich die Kommentare, die jene ständige Verschmutzung unserer Aufmerksamkeit kritisieren. In einem lesenswerten Wired-Beitrag hat Tim Wu unlängst über Aufmerksamkeitsdiebstahl geschrieben:

Inzwischen ist ziemlich gut verstanden, dass wir regelmäßig auf andere Weise als mit Geld für Dinge bezahlen. Manchmal zahlen wir noch mit Geld. Doch oft zahlen wir mit Daten und noch öfter mit unserer Zeit und Aufmerksamkeit. […]
Ob der Zentralität dieses Deals in unseren Leben ist es so unverschämt, dass es Unternehmen gibt, die unsere Aufmerksamkeit ohne irgendeinen Gegenwert kapern, und zwar ohne jegliche Form der Zustimmung – auch „Aufmerksamkeitsdiebstahl“ genannt. Nimm beispielsweise die „Innovation“ des Tankstellen-TVs – also die in Zapfsäulen eingebauten Fernseher, die den gefangenen Tankenden mit Werbung und anderem Pseudo-Programm zuballern. — Tim Wu, Wired

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Dein t3n-Team

5 Kommentare
Thomas Euler
Thomas Euler

Danke für den Hinweis, Lisa. Ein lesenswerter Beitrag! Meine Antwort habe ich Dir als Kommentar hinterlassen :)

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Ghoffmann1969
Ghoffmann1969

Ich finde viele Werbemaßnahmen auch einfach nur lästig. Manche kann man ja beeinflussen, z.B die Benachrichtigungen, die am Ende auf dem Smartphone landen, aber vieles eben auch nicht. Und das nutzen die großen Firmen, wie Facebook und Google natürlich gerne aus.
Machen kann man dagegen natürlich nicht wirklich viel, aber die Frage, wie viel man selbst von sich im Netz preisgibt, beeinflusst auch, wie viel Werbung letztendlich bei eniem selbst ankommt. Hat man beispielsweise kein Facebook Profil (ja, ich weis, das ist für viele Menschen undenkbar), kommt auch weniger maßgeschneiderte Werbung bei einem an.

Es ist sicherlich nicht leicht die Balance zwischen „lästig“ und „informativ“ zu finden wenn es um Werbung geht. Aber gerade wenn man an dieses Thema als Anfänger herangeht, sollte man auch wirklich genug Zeit und Geld investieren um die richtigen Werbemittel zu nutzen. Eine Schulung und Beratung sollte daher für jeden Firmengründer auf der To-Do Liste stehen (eine Anlaufstelle sind hierbei natürlich Promotion Agenturen, wie z.B [url=https://www.barongmbh.com/leistungen/]hier[/url] ) und selbstredend die Einstellung von Mitarbeitern, die hierbei gut ausgebildet sind und Erfahrung im Business haben. Dann kann es gelingen, Werbung gezielt einzusetzten, ohne das Nervenkostüm der potenziellen Kunden zu überbeanspruchen. ;)

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Ghoffmann1969
Ghoffmann1969

Fehler beim Senden des Kommentars, ich versuche es nochmal.

Ich finde viele Werbemaßnahmen auch einfach nur lästig. Manche kann man ja beeinflussen, z.B die Benachrichtigungen, die am Ende auf dem Smartphone landen, aber vieles eben auch nicht. Und das nutzen die großen Firmen, wie Facebook und Google natürlich gerne aus.
Machen kann man dagegen natürlich nicht wirklich viel, aber die Frage, wie viel man selbst von sich im Netz preisgibt, beeinflusst auch, wie viel Werbung letztendlich bei eniem selbst ankommt. Hat man beispielsweise kein Facebook Profil (ja, ich weis, das ist für viele Menschen undenkbar), kommt auch weniger maßgeschneiderte Werbung bei einem an.

Es ist sicherlich nicht leicht die Balance zwischen „lästig“ und „informativ“ zu finden wenn es um Werbung geht. Aber gerade wenn man an dieses Thema als Anfänger herangeht, sollte man auch wirklich genug Zeit und Geld investieren um die richtigen Werbemittel zu nutzen. Eine Schulung und Beratung sollte daher für jeden Firmengründer auf der To-Do Liste stehen (eine Anlaufstelle sind hierbei natürlich Promotion Agenturen, wie z.B hier ) und selbstredend die Einstellung von Mitarbeitern, die hierbei gut ausgebildet sind und Erfahrung im Business haben. Dann kann es gelingen, Werbung gezielt einzusetzten, ohne das Nervenkostüm der potenziellen Kunden zu überbeanspruchen. ;)

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Thomas Euler
Thomas Euler

Die großen Werbeplattformen (Facebook, Google) sind in Sachen Aufmerksamkeitsdiebstahl erstaunlich zurückhaltend. Sie müssen es sein. Denn sie können sich schlicht nicht erlauben, ihre Nutzer mit den schlimmsten Formen der Werbung zu belästigen. Anders gesagt: sie haben begriffen, dass die User Experience kritisch für ihren Erfolg ist. Insofern sind die Werbeformate die sie anbieten, vergleichsweise respektvoll.

Egal ob Newsfeed-Ads oder Anzeigen in Google’s Suchergebnissen: sie fügen sich relativ nahtlos in das Nutzererlebnis ein. Google arbeitet an einem in Chrome integrierten „Light Ad-Blocker“ (kann man wettbewerbsrechtlich durchaus kritisch beäugen) und bietet in Android ein passables Benachrichtigungsmanagement. Die schwarzen Schafe muss man also woanders suchen. Etwa unter diversen Publishern, Ad-Tech-Anbieten und Werbenetzwerken und natürlich bei den Firmen, die entsprechende Anzeigen einkaufen (Mediaagenturen und Unternehmen).

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