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Barcelona: Von der Touristen-Hochburg zum Open-Source-Hub

Während sich manche öffentliche Verwaltung nur zögerlich an Softwareprogramme mit offenem Quellcode wagt, unterstützt die Regierung Barcelonas seit einigen Jahren aktiv die Entwicklung und Nutzung von Open Source. Ein Einblick in die Projekte und Pläne der spanischen Stadt.

Von Kim Richters
5 Min.
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(Foto: Shutterstock)

Die meisten Menschen denken bei Barcelona wahrscheinlich an Strand, Gaudí, Touristenmassen oder neuerdings auch Unabhängigkeitsdemonstrationen. Weniger offensichtlich ist, dass sich die Hauptstadt der spanischen Region Kataloniens über die Jahre einen Ruf als Vorreiter im Bereich Smart City aufgebaut hat. Und auch in darüber hinausreichenden Technologiesparten wie Open-Source-Software hat sich Barcelonas Regierung als durchaus experimentierfreudig bewiesen.

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So hat die Stadt unter anderem einen Digitalplan entworfen, der 2016 anlief und in dem sich die Touristenhochburg der Verbesserung der digitalen Infrastruktur des öffentlichen Sektors widmet. Transparenz gegenüber den Bürgern spielt in der Agenda eine große Rolle und geht einher mit der Nutzung und Entwicklung von Open-Source-Software. Aufgrund der offen gelegten Quellcodes und der Erlaubnis die Programme zu teilen und zu verändern, sind diese naturgemäß transparenter als sogenannte proprietäre Software, also Produkte wie Microsoft Office, für dessen Nutzung man zahlen muss und deren Quelltext für Außenstehende nicht einsehbar ist. Dabei soll 70 Prozent des für neue Programme eingeplanten Budgets für freie Software ausgegeben werden.

Open Source als Aushängeschild für Transparenz

Im Rahmen der Digital-Agenda betreibt die Stadt zum Beispiel die Plattform Decidim, dessen katalanischer Name „Wir entscheiden“ bedeutet. Auf der Webseite Decidim können die Bürger Barcelonas die Ideen und Vorhaben der Regierung diskutieren oder neue vorschlagen. Das Ziel des Projektes ist es, die Bewohner der Stadt in die Gestaltung derer miteinzubeziehen. Bislang haben dies nach Angaben der Stadtregierung 40.000 von ihnen gemacht. Ganz im Sinne der Transparenz ist der Quellcode auf Github einseh- und benutzbar.

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Vertreter aus Politik und Digitalwirtschaft fordern: Software, die staatlich finanziert wird, sollte auch allen gehören und unter eine Open-Source-Lizenz gestellt werden. Im Folgenden die Unterstützer des Appells und ihr Statement.

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Alexander Sander von der Organisation Free Software Foundation Europe, die die Nutzung von Free-Open-Source-Programmen unterstützt, sieht Barcelona als Vorbild für andere Städte. Die Stadt schaffe es, „auf den digitalen Wandel auch mit angemessen digitalen Lösungen“ zu reagieren. „Die Agenda der Regierung wird heute zu 70 Prozent aus den Vorschlägen, die über Decidim eingebracht werden, bestimmt“, sagt der Public-Policy-Manager. Er glaubt, Verwaltungen könnten mit der Nutzung von Free-Open-Source-Software auf lange Sicht Geld sparen: Verschiedene Kommunen könnten sich etwa Programme und Kenntnisse teilen, neue Software müsste nicht teuer eingekauft oder komplett neu entwickelt werden. Der Verbund betreibt derzeit die „Public Money? Public Code!“-Kampagne, die sich dafür einsetzt, dass von Steuergeldern bezahlte Software auch der Öffentlichkeit zur Verfügung steht (Anm. d. Red. auch t3n unterstützt die Kampagne). Barcelona war laut Sander auch die erste europäische Großstadt, die diese Aktion unterstützte.

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Neben Decidim testet die Regierung Barcelonas auch die Plattform Decode. Das bis Ende 2019 laufende Projekt wird von der EU gefördert und außer in Barcelona auch in Amsterdam getestet. In beiden Städten können Nutzer entscheiden, welche Daten sie mit der Regierung oder teilnehmenden Unternehmen teilen möchten. Zum Beispiel kann sich ein Teilnehmer bereit erklären, einen Sensor in seinem Haus oder der Nachbarschaft aufzustellen. Die gesammelten Daten zur Luft- oder Lärmverschmutzung können dann an die Stadt abgetreten werden – und diese will sie zur Verbesserung der Stadt nutzen. Ziel von Decode ist es, den Nutzern ihre Datenhoheit wieder zu geben, indem diese bewusst entscheiden können, wer ihre Daten bekommt und wie diese genutzt werden sollen. Ihre Freigaben werden in der Blockchain gespeichert.

Die Regierung Barcelonas wolle weg „von einem Modell des Überwachungskapitalismus, bei dem Daten undurchsichtig und nicht transparent sind“ und hin zu Bürgern, die ihre Daten selbst besitzen, erklärte Francesca Bria, die die Stadt als Chief Technology und Digital Innovation Officer betreut, die Gründe für die Projekte kurz nach deren Start gegenüber der britischen Ausgabe von Wired.

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Während diese beiden Projekte die wohl prominentesten sind, gibt es noch eine Reihe weiterer Konzepte, die in den Bereich „Tech, Transparenz und Partizipation“ fallen. Ausprobiert wird etwa das Projekt Barcelona Housing Observatory, das Immobiliendaten der Stadt frei gibt und analysiert und die Metropole plant weiterhin, neu entwickelte App-Ideen mit offenem Quelltext und teilbar zu entwickeln.

„Der öffentliche Sektor ist voller Horrorgeschichten“

Doch nicht nur eigene oder neu eingeführte Software, die die aktive Mitarbeit der Bürger fordert und mit der Schnittstelle von Demokratie und Technologie experimentiert soll in Barcelona mit offen gelegtem Quellcode entwickelt und betrieben werden. Wie die Regierung vor einem Jahr gegenüber der spanischen Zeitung El País ankündigte, soll die technische Infrastruktur der Verwaltungen bis spätestens 2020 teilweise auch von proprietärer zu freier Software wechseln. So sollen Mitarbeiter nicht mehr mit Outlook sondern mit Open Xchange arbeiten, den Internetbrowser Mozilla Firefox und das Schreibprogramm Libreoffice nutzen. Zudem testet die Stadtverwaltung 1.000 Computer, die mit dem Betriebssystem Linux statt Windows laufen. Sollte das gut funktionieren, will sie den Test eventuell ausweiten. Damit will die Stadt Geld für Softwarelizenzen sparen und die lokale Wirtschaft stärken, indem sie kleinere Softwareunternehmen vor Ort für Outsourcing-Projekte nutzt.

Wie viel Geld tatsächlich gespart wird, wenn eine Verwaltung digitaler wird und auf Open-Source-Software umsteigt, ist nicht allgmein zu beantworten. Zwar fallen potentiell hohe Kosten wie Lizenzgebühren weg, gleichzeitig gibt es aber neue: So muss Personal geschult, neues angestellt oder mit dem Software-Support beauftragt werden. Die Stadt Barcelona will für die Umsetzung des Digitalplans über 60 neue Mitarbeiter einstellen. Wie weit die Verwaltung der katalanischen Hauptstadt mit der Umstellung ist oder wie viel Geld sie tatsächlich mit den neuen Programmen sparen kann, verrät die für Transparenz werbende Regierung auf Nachfrage gegenüber t3n nicht. Es heißt lediglich, man habe bereits vor der Bekanntgabe mit der Umsetzung angefangen.

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Javier Ruiz Diaz, Policy-Chef der Organisation Open Rights Group, die sich für digitale Rechte von Bürgern einsetzt, half bei dem Erstellen des digitalen Plans der Regierung in Barcelona und unterstützt die Umstellung der Stadt. „Der öffentliche Sektor ist voller Horrorgeschichten über die Verlängerung von IT-Verträgen zu überhöhten Preisen“, glaubt er. Unternehmen kämen damit durch, weil sie geschlossene Infrastrukturen anböten. Dieser sogenannte Vendor-Lock-in bedeutet, dass Nutzer wie eben Stadtverwaltungen von Konzernen und ihren Produkten abhängig sind. Laut Ruiz Diaz sei es deshalb wichtig, dass Verwaltungen Open-Source-Software nutzten, um die Kontrolle über ihre IT zurückzubekommen und flexibler arbeiten zu können.

Auch Sander sieht Barcelonas Entwicklung positiv. „Dass ein Umstieg möglich ist, sieht man aber nicht nur in Barcelona. Paris verfolgt seit vielen Jahren ähnliche Ziele, in Großbritannien und den USA etwa gibt es ebenfalls konkrete Maßnahmen, auf freie Software umzustellen“, betont er. Im Gegensatz dazu sieht er das Verhalten der Bundesregierung kritisch. Nicht zuletzt wirkt der Fall der Münchener Verwaltung, die über zehn Jahre versuchte ihre IT von proprietärer auf Open-Source-Software umzustellen, nur um dann wieder zurückzuwechseln, hierzulande als Negativbeispiel. Zwar hätten einige Bundesländer auch entsprechende Vorstöße gemacht, glaubt Sander. Doch „bundesweit droht Deutschland jedoch auch in diesem Bereich der Digitalisierung den Anschluss zu verlieren“.

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