Ratgeber

Design- und Digital-Trends 2019: Raus mit digitalen Stehrümchen und Ressourcenfressern

(Foto: Shutterstock-Rawpixel.com)

Produkte und Services ohne wirklichen Nutzen werden bei Verbrauchern und Nutzern durchfallen.

Seit 20 Jahren jagt eine digitale Innovation die nächste. Jede noch so kleine Neuerung wird als das Next-Big-Thing angepriesen. Und da in jedem Menschen sowohl eine neugierige Elster als auch ein Gewohnheitstier stecken, umgeben sich heute die meisten von uns mit einer Unmenge digitaler Geräte, Dienste und Profile.

Doch wir erreichen einen Wendepunkt. Das Jahr 2018 mit seinen Datenskandalen, Deepfake-Szenarien und dieselgeschwängerten Klimaschlagzeilen hat uns vor Augen geführt: Der Innovations-Dauersprint verschlingt enorme Ressourcen – Naturgüter, Aufmerksamkeit, Zeit und Vertrauen. Und für was das Ganze?

Uns steht ein Frühjahrsputz ins Haus

Meine Prognose: Als Kunden, User und Bürger werden wir radikal die Angebote aussortieren, die uns keinen langfristigen Nutzen versprechen – uns persönlich, der Gesellschaft, der Umwelt. Was mehr stresst als nutzt, wird gekündigt; was mehr nervt als hilft, löschen wir; was mehr Probleme verspricht als Hilfe, blenden wir aus.

Echter, nachhaltiger Nutzen statt kurzfristiger Kicks

Die folgenden Aspekte sind es, die zukünftig stärker denn je den Nutzen eines Angebots ausmachen werden:

1. Schweigen ist (immer öfter) Gold

Permanent poppen Alerts auf, ständig erreichen uns neue Kommentare und Nachrichten. Dass diese Dauerbeschallung uns nicht guttut, wissen wir. Im November erst schrieb das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet in einer Studie: „(…) Nutzung und Wahrnehmung sozialer Medien (…): Der Hype ist vorbei – die Skepsis steigt.“

Langsam aber sicher gehen wir achtsamer mit unserer Aufmerksamkeit um. Vor allem bei Kindern: In China beschränkt Tencent seit Neuestem die mögliche Spieldauer von Kindern bei Computerspielen. Die New York Times berichtet von einem Trend zu „No Phone“-Verträgen bei Eltern im Silicon Valley(!): Sie verbieten es ihren Nannys, die Kinder mit Smartphones und anderen Bildschirmgeräten zu beschäftigen.

Für digitale Dienste lautet die Devise: Leisere Töne sind gefragt. Wir sollten Erfolg nicht mehr in erster Linie an der Zahl der User-Interaktionen messen. Stattdessen gehört jede Nachricht auf die Goldwaage.

2. Daten-Minimalismus

Die meisten Menschen wissen nicht, wer welche Daten von ihnen hat und was damit passiert. Der Cambridge-Analytica-Skandal und die vielen Mails, die wir im Zuge der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) bekommen haben, haben diese Ungewissheit in massives Unbehagen verwandelt.

Die Datendiskussion hat außerdem bewirkt, dass viele Menschen den Wert ihrer individuellen Daten für Unternehmen überschätzen – Unternehmen sind vor allem an aggregierten Daten interessiert. Im Ergebnis sinkt die Bereitschaft des Einzelnen, mehr Daten als nötig von sich preiszugeben.

Firmen und Organisationen: Seid transparent, was mit den Daten der Menschen passiert. Diese Transparenz muss auch für die Algorithmen gelten, die von den Daten gefüttert werden. Schafft – in Anlehnung an Minimal-Viable-Products – Minimal-Viable-Data, also Angebote, die mit einem Minimum an Daten funktionieren.

3. Eingebaute Nachhaltigkeit

Die Tage des Plastikstrohhalms und anderer Wegwerf-Artikel sind wohl gezählt, nicht nur in der EU. Die – berechtigte – Aufregung um Mikroplastik hat eine Lawine losgetreten.

Was kommt als Nächstes? Massentierhaltung, Dürre, CO2- und Stickoxidbelastung – Anlässe gibt es viele. Nachhaltigkeit muss deshalb zu einem immer wichtigeren Element jedes Produkts und jeder Dienstleistung werden. Firmen wie der Computerhersteller Dell beginnen bereits, Recycling by Design zu praktizieren.

Die Sharing Economy war ein netter Gedanke. Aber echte Nachhaltigkeit verspricht das Konzept der Kreislaufwirtschaft. Doch Kunden können dabei nicht einfach Kunden bleiben, sie müssen Teil des zirkulären Systems werden. Damit das gelingt, müssen wir Handlungen wie Nachfüllen und Zurückbringen so gestalten, dass sie Teil des Produkterlebnisses sind.

4. Echte Bewegung statt Mobilitätswirrwarr

Transport und Verkehr in unseren Städten funktionieren immer schlechter. Es herrscht Mobilitätswildwuchs. Vielerorts ist der ÖPNV weder auf Klasse noch auf Masse ausgerichtet. Private Benziner konkurrieren mit E-Mobilen und Car-Sharing-Wagen um Parkplätze. Autofahrer, Radler, E-Scooter und warnblickende Paketboten streiten sich um ein Stückchen Fahrbahn.

Verkehrsunternehmen und -planern sollten aufhören, primär in Verkehrsmitteln zu denken. Erst kürzlich bestätigte hierzulande eine Studie: „In den Metropolen (…) ist ‚mobil sein ohne Auto‘ mehr als ein Schlagwort“. In unseren Städten muss es zukünftig primär darum gehen, wie jemand oder etwas von A nach B gelangt – je nach Mentalität und Situation schnell, günstig oder bequem.

Branchenfremde Anbieter werden ihre Chancen erkennen und Mobilität in ihr Angebot integrieren. Der japanische Einzelhandelskette Muji zum Beispiel lässt ab März 2019 einen selbstfahrenden E-Bus auf Helsinkis Straßen rollen.

5. Authentizität in synthetischen Wirklichkeiten

Deepfake-Videos und Google Duplex stellen unser Verständnis von Wirklichkeit in Frage. Ist die Person, die wir sehen, echt? Hören wir da einen Menschen oder eine Maschine sprechen? Vor allem Marken stellt das vor die große Herausforderung, glaubhaft authentisch zu bleiben – und sich für den Fall zu wappnen, Opfer digitaler Fakes zu werden.

Designer und Entwickler wiederum sollten sich auf die Möglichkeiten stürzen, mit künstlicher Intelligenz hilfreiche synthetische Wirklichkeiten zu schaffen. Zum Beispiel ist es Forschern in den USA gelungen, 3D-Scans von Gehirnkrebs zu simulieren. So können zum Beispiel mehr Datensets seltener Krankheitsfälle erzeugt werden als auf natürlichem Wege. Damit wiederum lassen sie genauere – und damit für eine Behandlung wertvollere – Vergleichserbnisse erzielen.

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