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Ist der China-Boom in deutschen Ladengeschäften bald vorbei?

(Foto: Shutterstock)

Chinesen sorgen seit Jahren für gute Stimmung in deutschen Ladengeschäften. Doch mit dem Shopping-Boom könnte es bald vorbei sein. Schuld daran sind auch deutsche Steuerfahnder.

Für die Ladenbesitzer der Frankfurter Goethestraße oder der Düsseldorfer Kö gehören sie schon seit Jahren zum gewohnten Anblick: Chinesen, die in Deutschland für gute Stimmung in den Edelboutiquen und Juwelieren sorgen und die dort erworbenen Produkte in Massen zurück nach China bringen.

Das betrifft aber keinesfalls nur Luxuswaren, sondern auch Drogerieartikel und ganz besonders Produkte wie Milchpulver, die in den vergangenen Jahren häufig im Zuge von Lebensmittelskandalen im Fokus standen. Das Verhalten der Einkäufer wird im Chinesischen als daigou (代购) oder waihai daigou (外海代购), wörtlich „Auftragseinkauf aus dem Ausland“, bezeichnet. Grund für die Beliebtheit der Auslandseinkäufe: Einheimische Kunden wollen sich vor billigen chinesischen Imitaten schützen und bevorzugen daher Produkte aus Übersee.

Spontane Razzien bei Einkäufern am Schanghaier Flughafen

Daigou war für chinesische Auslandsstudenten und Touristen jahrelang ein nettes Zubrot oder teilweise gar unkomplizierte Erwerbsgrundlage. Doch seit einiger Zeit wird durch das härtere Durchgreifen der Behörden im Reich der Mitte das profitable Business zunehmend erschwert.

Eine Welle von Fotos schwappte durch die Microblogging-Plattform Weibo und Chinas bedeutendstes soziales Netzwerk Wechat. Es waren Bilder von spontanen Razzien am Flughafen Schanghai-Pudong. Zwischen dem 1. und 7. Oktober 2018 wurden angesichts der Golden Week insbesondere Reisende aus Europa und Nordamerika massiv kontrolliert. Bei einem der Flüge wurden über 100 Gegenstände aus dem Verkehr gezogen, auf die Steuern zu entrichten waren.

Panik wegen neuer Regelung der chinesischen Regierung

Berichten von China.org.cn zufolge machen sich Daigou-Einkäufer wegen dem seit 1. Januar 2019 in Kraft getretenen Electronic Commerce Act große Sorgen. Das Gesetz besagt, dass Einkaufsagenten eine Geschäftslizenz benötigen und Steuern zahlen müssen. Das betrifft auch Einfuhrzölle auf alle Waren, die diese importieren. Offenbar schrecken die strengeren Kontrollen erste Daigou-Händler bereits ab und einige von ihnen haben sich bei ihrem Auslandsaufenthalt gegen das Mitbringen großer Mengen an Luxuswaren entschieden.

Hinter den neuen Vorgaben der chinesischen Regierung stehen gewaltige ökonomische Interessen. Daigou-Einkäufer machten im Jahr 2018 einen Umsatz von 300 Milliarden US-Dollar – gut die Hälfte des 600-Milliarden-Dollar starken chinesischen Luxusmarkts. Daigou basiert letztlich auf einem engen Netzwerk von persönlichen Kontakten. Je mehr Kontakte, desto besser fürs Business. Es handelt sich bisher um eine rechtliche Grauzone. Händler umgehen die Richtlinien geschickt.

Längst hat Daigou Einfluss auf weite Teile des gesellschaftlichen Lebens in China. Internetnutzer scherzen, praktisch jeder verfüge in seinem Freundeskreis über jemanden, der Daigou betreibt. Es kursieren zudem Berichte von chinesischen Studierenden, die sich aufgrund der Auftragskäufe Luxusautos und Eigentumswohnungen finanzieren.

Auch das deutsche Finanzamt greift jetzt immer härter durch

Strengere Kontrollen an Flughäfen führen nach Meinung der Bloggerin Jiaqi Luo zu einer verstärkten Nutzung von Cross-Border-E-Commerce-Plattformen wie T-Mall, JD Toplife oder Secoo. Hier werden Käufer zu Consultants, um den wachsenden Ansprüchen der Zielgruppen in Mainland-China gerecht zu werden. Aber auch Onlinehändler bekommen striktere Vorschriften zu spüren. In diesen Wochen erlebt das Berliner Finanzamt in Neukölln einen regelrechten Ansturm von chinesischen Unternehmern. Der Grund: Nach einer Gesetzesänderung benötigen Tausende Händler aus dem Reich der Mitte eine deutsche Steuernummer.

„Innerhalb von anderthalb Jahren hat sich die Zahl der Anmeldungen fast verzwanzigfacht“, so der Berliner Finanzsenator Matthias Kollatz. Beim Berliner Finanzamt sind mittlerweile rund 6.600 Händler aus China registriert – eine Verzwanzigfachung innerhalb von eineinhalb Jahren. Vonseiten deutscher Steuerfahnder und Finanzbehörden gibt es seit einigen Monaten mit Hinblick auf Verjährungsfristen zunehmend Druck, chinesische Onlinehändler stärker unter die Lupe zu nehmen.

Fazit: Auch in Zukunft wird es zahlreiche Händler geben, die Luxuswaren in Deutschland und anderen europäischen Ländern einkaufen, um in China weiterzuverkaufen. Doch der Markt wird sich in den kommenden Jahren professionalisieren. An die Stelle von Studierenden und Touristen, die sich durch Daigou ein schnelles Zubrot verdienen, werden künftig Scouts treten, die im Auftrag professioneller Plattformbetreiber und Onlinehändler unterwegs sein werden.

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Eine Reaktion
Julian

Shanghai, nicht Schanghai.
Genauso wie China, nicht Schina.

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