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Reportage
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Sweatshop oder Startup? So arbeiten Coder in Vietnam für deutsche Unternehmen

Ausbeutung, unterbezahlte Entwickler und miese Arbeitsbedingungen – so stellen sich viele einen Dev-Sweatshop in Asien vor. Wir waren bei NFQ Asia in Ho Chi Minh City und haben uns angesehen, wie vietnamesische Entwickler für einen deutschen Unternehmer arbeiten.

Von Sébastien Bonset
6 Min. Lesezeit
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Wer es durch das Gewusel auf den Straßen von Saigon – heute Ho Chi Minh Stadt – geschafft und das Chaos aus unzähligen Motorrollern, Taxis und Fußgängern hinter sich gelassen hat, staunt nicht schlecht. Der Firmensitz von NFQ Asia befindet sich im Zentrum der Stadt im polierten und hochmodernen Vincom Center. Der Gebäudekomplex beherbergt neben Appartments und einem riesigen Shopping-Center auch mehrere Stockwerke mit Büros. Das Vincom Center ist sowas wie der Stolz der Stadt. Wer hier arbeitet kann sich der Anerkennung und des Respekts von Familie, Freunden und Bekannten sicher sein. Entsprechend stolz sind die vietnamesischen Entwickler bei NFQ, wenn man sie nach ihrem Arbeitsplatz fragt.

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Es ist kein Geheimnis, dass vietnamesische Entwickler ihre Finger in vielen Applikationen und Diensten haben, die in erster Linie im Westen genutzt werden. Seit Jahren schickt sich das südostasiatische Land an, zum Zentrum für IT-Outsourcing zu werden. Ein Unternehmen, das genau in diesem Bereich tätig ist, hört auf den Namen NFQ Asia. Beim Thema Outsourcing denken viele zuerst an Dumping-Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen. Der deutsche Chef von NFQ Asia hat uns eingeladen, uns vom Gegenteil zu überzeugen.

Ein Deutscher in Vietnam

Gegründet wurde NFQ Asia von Lars Jankowfsky, der in der deutschen Szene kein Unbekannter ist. Er war unter anderem Mitgründer und CTO von Oxid eSales und Swoodoo. Unterstützt wird er von CEO Vincent Vo und PHP-Core und -Lead-Developer Pierre Joye als CTO sowie von einem Team bestehend aus rund 100 vietnamesischen Entwicklern. Die wollten wir persönlich kennenlernen, um zu sehen, wie Coder in der vietnamesischen Metropole arbeiten.

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Lars Jankowfsky (im Vordergrund) und Pierre Joye gehören zum dreiköpfigen Führungsteam von NFQ Asia. (Foto: NFQ Asia)

Startup statt Devshop

Sobald sich die Fahrstuhltüren im 11. Stock des Vincom Centers öffnen, steht man schon fast mitten im Großraumbüro von NFQ Asia. Das Unternehmen teilt sich die Etage mit Kühne&Nagel und der Besucher fühlt sich direkt in eine andere Welt versetzt. Der Kontrast zum lauten und hektischen Treiben auf den Straßen des schwül-heißen Saigons könnte kaum größer sein.

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Die Ausstattung und Räumlichkeiten von NFQ Asia müssen sich nicht vor europäischen Startups verstecken. (Foto: NFQ Asia)

In zwei Großraumbüros sitzen auf rund 1.500 Quadratmetern rund 100 hauptsächlich vietnamesische Entwicklerinnen und Entwickler, die ruhig an nach Projektteams organisierten Tischen auf ihren Macbooks coden. Die Räumlichkeiten könnten sich auch irgendwo in Berlin, London oder San Francisco befinden, denn von der Ausstattung und Atmosphäre steht NFQ Asia keinem Startup nach.

Egal ob Boxsack, Arcade-Automaten, Kaffee bis zum Abwinken oder Sitzsäcke und Gadgets – die Büroräume sind vollgestopft mit Annehmlichkeiten, die den Wohlfühlfaktor der Entwickler erhöhen sollen. „Die Devs sind unser größtes Kapital“, sagt Founder Lars Jankowfsky und ergänzt: „Da unsere Entwickler in festen Teams arbeiten und jeweils einem Kunden zugeordnet sind, ist es wichtig, dass wir eine möglichst geringe Fluktuation bei unseren Mitarbeitern haben. Wir tun viel dafür, dass sich unsere Entwickler hier wohlfühlen.“

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Von Arcade-Automaten über Boxsack bis hin zur PlayStation 4 finden die Entwickler ausreichend Zerstreuung. (Foto: NFQ Asia)

Dazu gehört nicht nur ein hoher Standard bei den Arbeitsgeräten und eine hohe, auf Nerds ausgerichtete Gimmick-Dichte, sondern auch das Fördern eines Zusammengehörigkeitsgefühls. Die Geschäftsleitung ermutigt die Mitarbeiter, selber Events zu organisieren und so treffen sich die vietnamesischen Entwickler regelmäßig zu Poker-Abenden, Fifa-Turnieren an der Spielkonsole, Geburtstagsfeiern und anderen Aktivitäten. Außerdem wird dafür gesorgt, dass die Angestellten Englisch lernen, und auch der weiteren Förderung der Skills im nicht-technischen Bereich kommt eine wichtige Rolle zu.

Die Geschäftsführer machen zwei Mal im Jahr einen Ausflug mit dem gesamten Team. Einmal wird innerhalb Vietnams gereist und der zweite Trip führt in Nachbarländer wie zum Beispiel Thailand. (Foto: NFQ Asia)

Darüber hinaus richtet NFQ Asia auch regelmäßige Hackathons – beispielsweise zu React – aus und schickt Mitarbeiter auf Hackathons zum Thema Blockchain und Events mit anderem Fokus. Ein Highlight für die Angestellten sind die regelmäßig stattfindenden Team-Reisen. So wird das Unternehmen beispielsweise Anfang 2018 gemeinsam nach Thailand reisen – und zwar mit allen über 100 Angestellten. Selbst die Reinigungskraft wird dazu eingeladen, was hierzulande alles andere als üblich ist. „Unsere Coder haben nicht schlecht gestaunt, als sie das mitbekommen haben. Das ist hier einfach nicht üblich, denn Vietnam ist streng hierarchisch“, berichtet Jankowfsky. Für die Dame, die sich um die Ordnung in den Büroräumen kümmert, dürfte der Ausflug besonders spannend werden, denn es wird das erste Mal in ihrem Leben sein, dass sie ein Flugzeug betritt.

Das Unternehmen richtet Hackathons und Workshops aus, um den IT-Standort Vietnam zu stärken. (Foto: NFQ Asia)

Generell müssen sowohl die vietnamesischen Angestellten als auch der deutsche Gründer umdenken. Immerhin treffen hier zwei recht unterschiedliche Kulturen aufeinander. So ungewöhnlich es für die Entwickler ist, dass eine Reinigungskraft als Teil des Teams behandelt wird, so ungewöhnlich ist es für Jankowfsky und sein Führungsteam, mit den kulturellen Besonderheiten umzugehen. Der Casual Friday, den sie einführen wollten, scheiterte beispielsweise daran, dass die Lebenspartnerinnen der männlichen Angestellten einfach nicht glauben wollten, dass ihre Männer in kurzen Hosen zur Arbeit gehen. Stattdessen gingen sie davon aus, dass sie ihre Partnerin entweder betrügen wollen, oder sich irgendwo zum Spaß herumtreiben.

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Auch beim Führungsstil muss sich das Management anpassen. „Asiaten haben generell große Angst davor, ihr Gesicht zu verlieren. Wer da als Chef ständig die Peitsche schwingt, wird das Gegenteil von dem erreichen, was er eigentlich will. Vietnamesische Entwickler arbeiten am besten, wenn sie eine klare Zielvorgabe haben und nicht unter Druck gesetzt werden. Das erledigen sie nämlich ganz von selbst“, so Jankowfsky. „Sie wollen das bestmögliche Ergebnis erzielen und ihren Vorgesetzten nicht enttäuschen. Sie geben ganz von selbst 150 Prozent, um Deadlines zu halten.“

Accelerator mit Technologie statt Venture Capital

Lars Jankowfsky ist sich sicher, dass Vietnam ein Hotspot für IT ist: „Hier findet man sehr viele smarte Entwickler, die mit viel Leidenschaft bei der Sache sind.“ NFQ Asia hat verstanden, dass sich dieser kulturelle Hintergrund vorzüglich monetarisieren lässt. Und das dürfte auch der Grund dafür sein, dass das Unternehmen viele deutsche Startups als Kunden hat. Aktuell arbeitet NFQ Asia für 14 Startups, von denen allerdings nicht jedes genannt werden möchte. Unter den Kunden befinden sich zum Beispiel Shopmacher und die Partnervermittlung Lemonswan.

Das Gros des Geschäfts läuft als Abo-Modell ab. NFQ Asia baut für andere Unternehmen ein Entwickler-Team auf, das die Kunden vertraglich zugesichert auch jederzeit komplett übernehmen können. Zwar hat bisher noch kein Kunde diese Option gezogen, aber es gibt Teams, die bereits seit 15 Jahren für NFQ-Kunden arbeiten.

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Die Entwickler von NFQ Asia haben sich auf ganz unterschiedliche Technologien spezialisiert. (Foto: NFQ Asia)

Entwickelt wird hauptsächlich in PHP, Java, React, Elasticsearch, Node, Symphony, Drupal und Scala. Allerdings hat NFQ Asia auch Experten für KI und Blockchain. Generell finden sich in Vietnam heute viele technisch hochverdiente Spezialisten, die für geringe Löhne arbeiten. Allerdings sehen die Geschäftsführer von NFQ Asia diesen Aspekt nicht als nachhaltig an. Das Unternehmen bezahlt seine Entwickler gut – für vietnamesische Verhältnisse sogar sehr gut. Das führt nicht nur dazu, dass die Mitarbeiter im Unternehmen und damit auch im jeweiligen Team für den Kunden bleiben, sondern auch dafür, dass NFQ Asia mittlerweile sogar Entwickler aus Brasilien, Deutschland und anderen Teilen der Welt nach Saigon locken kann.

Als Entwickler bei NFQ Asia pendelt das Gehalt grob zwischen 1.000 und 2.000 US-Dollar und liegt damit deutlich über dem durchschnittlichen vietnamesischen Monatsgehalt, das grob bei rund 300 US-Dollar liegt. Da die Lebenshaltungskosten sehr gering ausfallen, sind Entwickler in Vietnam generell gut gestellt. Im Vergleich zur lokalen Konkurrenz bezahlt NFQ Asia einem Entwickler sogar ein rund 40 Prozent höheres Gehalt. Natürlich gibt es vor Ort aber durchaus auch andere Offshoring-Unternehmen, die vietnamesische Entwickler noch besser entlohnen.

Dass Geld allerdings auch in Vietnam nicht alles ist, erfuhren wir in diversen Gesprächen mit den NFQ-Codern, die neben der Höhe des Gehalts und diverser Bonus-Regelungen auch das Zusammengehörigkeitsgefühl im Team, die Atmosphäre und die Weiterbildungsmöglichkeiten positiv hervorhoben.

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joyful

Ein toller Bericht und spiegelt genau das wieder wie ich die Zusammensarbeit mit Vietnam kennengelernt hat. Mittlerweile arbeite ich seit 5 Jahren mit einem Team in HCM zusammen und bin beeindruckt vom technischen know how wie auch der Motivation der Teams. Wenn man den Teams Verantwortung gibt und nicht wie geschrieben mit der Peitsche agiert, wird man spüren zu welcher Leistung die Entwickler / Vietnamesen fähig sind.

Leider wird in dem Bericht kein weiterer möglicher Standort erwähnt wie z.B. Da Nang in dem die Flukation noch wesentlicher geringer ist.

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