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Kolumne

Digital Divide 2.0: Das deutsche und das gute Internet

(Grafik: ruskpp / Shutterstock)

Zeit für ein Geständnis: Ich habe mich vom deutschen Internet entfremdet. Was mir hier angeboten wird, lässt für meinen Geschmack zu wünschen übrig. Weswegen ich digital quasi ausgewandert bin. Warum?

Grob überschlagen, verbringe ich 90 Prozent meiner Internetzeit im angelsächsischen Web. Zumindest online bin ich damit wohl einer der unlängst von Unionsmann Spahn gescholtenen Hipster, die lieber Englisch als Deutsch sprechen.

Damit bin ich vermutlich die Ausnahme. Vielleicht nicht verglichen mit hippen Neuköllnern, doch im deutschlandweiten Schnitt mit Sicherheit. Gucke ich mir die Statistiken zur Internetnutzung meiner Landsmitbewohner und Mitbewohnerinnen an, bleibt nur dieser Schluss. Immerhin verbringt der Deutsche im Durchschnitt täglich mehr als zwei Stunden online und liegt damit sogar über dem US-Schnitt. Da wahrscheinlich ist, dass der Großteil der deutschen User primär im deutschsprachigen Netz unterwegs ist, kann es so unbeliebt ja nicht sein.

Damit hätten wir also geklärt, dass ich nicht beanspruche, der prototypische deutsche Internetnutzer zu sein. Das sollte noch klarer werden, wenn wir uns zum Ausgangspunkt meiner Abwanderung begeben. Diese nimmt ihren Ursprung nämlich bei meinen wohl ebenfalls wenig repräsentativen Themenschwerpunkten, um die sich ein Großteil meiner online investierten Zeit dreht –  professioneller Notwendigkeit und persönlicher Faszination sei Dank. Denn mein Fachkosmos erstreckt sich über Gebiete, die sozusagen seit jeher im englischsprachigen Web „zu Hause“ sind: Internet, Technologie, Geschäftsmodelle, Startups und das Mediengeschäft. Die besten Inhalte zu diesen Gebieten kommen aus den USA. Folgerichtig halte ich mich viel in den entsprechenden Gefilden des Webs auf.

Der schwierige Stand von deutschen Medienstartups

Doch es ist nicht bei Fachinhalten geblieben. Meine bevorzugten Nachrichtenmedien — für alles außer innerdeutsche Themen, versteht sich — kommen nicht aus Deutschland: die New York Times, das Wall Street Journal und The Guardian. Als bekennender Podcast-Fanatic war ich alleine schon aufgrund des mangelnden Angebots hierzulande gezwungen, mich international zu orientieren. Deutsche Medien wachen zwar allmählich auf, doch mittlerweile ist der Platz in meiner nunmehr prall gefüllten Podcast-App knapp. Auch den besseren Sportjournalismus habe ich andernorts gefunden: Sogar über Fußball schreiben einige amerikanische(!) Autoren Besseres, als ich es in deutschen Medien je finde. Und über Comedy und Entertainment müssen wir gar nicht erst sprechen.

Freilich soll das keine Pauschalkritik sein. Natürlich gibt es auch hierzulande talentierte Kreatoren, die tolle Inhalte machen. Wenn es um die NBA geht, bleibt André Voigts Got-Nexxt-Podcast in meiner Rotation, trotz immer mehr Wettbewerbern aus den USA. Auf Youtube begegne ich immer wieder spannenden Ideen, etwa das (leider inzwischen wieder ruhende) Long-Form-Interview-Format „Zum Goldenen V” (mit dem vielleicht besten Serdar Somuncu Interview). Und sogar ein paar klassische Verlagshäuser machen inzwischen einen guten Online-Job, etwa die Zeit.

Im Großen und Ganzen jedoch empfinde ich das Angebot im hiesigen Web auch 2017 noch als vielfach uninspiriert und ausbaufähig, sowohl in die Breite als auch die Tiefe. Dafür mache ich vor allen Dingen zwei Komponenten verantwortlich. Zum einen wäre da die Trägheit und Innovationsscheu der etablierten deutschen Medienhäuser (die wir ja mehr oder minder regelmäßig seit den frühen 2000ern bemängeln). Natürlich gibt es Ausnahmen. Die Springer-Gruppe hat viel in digitale Medien investiert, Bertelsmann ist mit seinem Investmentarm BDMI ebenfalls umtriebig und Prosiebensat.1 Media und G+J rüsten ebenfalls digital auf. Nichtsdestoweniger würde ich das Prädikat „überzeugendes Internet-Business” deutlich seltener vergeben, als mir lieb wäre.

Doch das mit etablierten Unternehmen und radikalen Innovationen ist ja immer so eine Sache. Christensens Innovator’s-Dilemma lässt grüßen. Meine generelle Heuristik ist: Die Gewinner in einem Markt, in dem sich Bedingungen und Strukturen gravierend verändert haben, werden Unternehmen sein, die von vorneherein auf die veränderten Rahmenbedingungen ausgelegt sind. Dass sich das Mediengeschäft in der durchs Internet geschaffenen Zero-Marginal-Cost-Welt komplett verändert hat, ist mittlerweile wohl gemeinhin bekannt. Demnach sollte der Medienmarkt also eine ideale Spielwiese für Startups sein.

Schauen wir in die USA, sehen wir, dass genau dies der Fall ist. Dort sind fürs Internet gedachte Medienunternehmen wie zum Beispiel Vox Media (zu dessen Brands etwa Vox, The Verge, Recode oder SB Nation zählen), Buzzfeed oder Vice Media bekannte Destinationen, die hochwertige Inhalte produzieren (sogar Buzzfeed, abseits ihres Listicle-Clickbaits). Wie gut sie als langfristig rentable Unternehmen funktionieren, wird sich noch erweisen müssen — doch da sie allesamt mit Risikokapital ausgestattet sind, haben sie zumindest die Chance, es herauszufinden. Und allen Anzeichen nach zu urteilen gute Karten. Zudem steht schon die nächste Generation der Internet-Publisher in den Startlöchern. Nennenswert sind etwa das Mic Network (unter anderem mit Investment von BDMI), Cheddar, The Skimm oder The Athletic.

Hierzulande sucht man derart bekannte Medien-Startups vergeblich. Nicht, dass es keine Versuche gäbe. Die Krautreporter wollen eine Abomedium etablieren, Rocket Beans TV macht Live-Videostreams für Gamer, Edition F macht Journalismus von Frauen für Frauen. Die vermutlich größte deutsche Internetmedienerfolgsgeschichte ist jedoch Highsnobiety, ein Lifestylemag mit Sneaker-Historie. Es erscheint, das sei dazu gesagt, auf Englisch. Dazu gleich mehr.

Es fehlt nicht an Innovationsfreude

Man könnte nun vermuten, dass uns schlicht die Experimentierfreude fehle. Doch das bezweifle ich. Dazu begegne ich zu oft kreativen Machern, die online Neues versuchen. Meine These ist daher eine andere: Zum einen genießt das Medien- und Entertainmentgeschäft hierzulande nicht den gleichen Ruf, wie in den USA. Das mag unter Millenials („ich will irgendwas mit Medien machen“) und der Gen Z anders aussehen, doch in etablierten Businesskreisen wird die Medienbranche oft wahlweise bemitleidet oder belächelt. Dem Land der Ingeneurie ist die Begeisterung für seine Dichter und Denker, zumindest deren gegenwärtige Manifestation, irgendwann abhanden gekommen.

Das hat zwei Effekte, die bedenklich sind. Zum einen gibt es zwar viele Kreatoren, die interessante Projekte umsetzen, doch zu wenige von ihnen verstehen sich als Unternehmer — was selbstredend beeinflusst, wie an Projekte herangegangen wird. Zum anderen ist der Zugang zu Risikokapital für deutsche Medienunternehmen noch schwerer, als für andere Startups. Selbst die Risikokapitalgesellschaften der deutschen Medienhäuser investieren bevorzugt in US-Medienstartups oder deutsche E-Commerce-Unternehmen.

Natürlich gibt es dafür gute Gründe. Erfolgreiche Mediengeschäfte im Netz basieren wahlweise auf Reichweite, wenn sie werbefinanziert sind, oder auf einem möglichst großen adressierbaren Markt (im Business-Sprech TAM für total adressable market), wenn sie auf einem Abomodell basieren. Deutsch hat laut Statista ungefähr 118 Millionen Sprecher und ist damit klar im Nachteil gegenüber diversen anderen Sprachen, etwa Chinesisch (1,3 Milliarden), Hindi (525 Millionen), Englisch (510 Millionen) oder Spanisch (389 Millionen). Es wäre zumindest nicht gänzlich absurd zu behaupten, ein Internetmedium in deutscher Sprache zu starten, sei wirtschaftlich keine gute Entscheidung.

Würde dies zum (Achtung, Anglizismus!) Commonsense und könnten wir daher zukünftig keinerlei hochwertige Inhalte und spannende Medienformate auf Deutsch erwarten, wäre dies für mich persönlich kein größeres Problem. Ich bin in Sachen Medienkonsum ja ohnehin schon ausgewandert. Für mich und die (vermutlich) wachsende Zahl der internetsozialisierten Rezipienten englischsprachiger Inhalte, wäre das deutschsprachige Internet dann eben nur mehr eine Content-Resterampe, mit der man lieber wenig Berührungspunkte hat. Den Quality-Content holen wir uns dann eben anderswo.

Doch nach einer guten Lösung klingt mir das nicht. Zum einen wäre da das Kulturgut Sprache. Ich bin wenig sentimental, doch Deutsch ist eine erhaltenswerte Sprache mit einigen großen Stärken, etwa ihrer hohen Präzision. Doch eine Sprache, in der nur wenig von Wert für seine Sprecher kreiert wird, verlöre an Relevanz und Vitalität. Zugegeben: Dieses Szenario mag arg pessimistisch anmuten. Soweit müssen wir jedoch gar nicht gehen. Denn mediale Erzeugnisse — von politischen Nachrichten bis zu erfolgreichem Entertainment — sind wichtige Bausteine einer funktionierenden Gesellschaft.

Politische Berichterstattung ist die Grundlage für demokratische Willensbildung der Öffentlichkeit. Lokalnachrichten verbinden den Einzelnen mit seinem unmittelbaren Lebensumfeld. Infotainment hilft Menschen, die uns umgebende Welt zu verstehen, zumindest in Auszügen. Und „bloße“ Unterhaltung, die viele Menschen begeistert, schafft eine gemeinsame kulturelle Basis, egal ob Fußball oder Comedy. Im Zeitalter der Massenmedien — in der andere ökonomische Gesetzmäßigkeiten herrschten und Distribution teuer war — waren wir hierzulande gut aufgestellt. Vielleicht auch, weil es genügte, hinreichend gut zu sein. Doch im Netz, wo der beste Inhalt genauso einfach zu erreichen ist, wie ein mittelmäßiger, hat der Nutzer deutlich mehr Alternativen, insbesondere wenn er anderen Sprachen mächtig ist.

Sollte mein Modell des Content-Imports Schule machen, wäre dies durchaus problematisch. Nicht etwa, weil „unsere Kultur verwässert würde“ oder ähnlich lautender Nonsens (Kultur unterliegt stets Einflüssen und verändert sich laufend, andernfalls ist sie tot), sondern weil damit eine gemeinsame gesellschaftliche Basis erodieren würde. Und weil Pluralismus verloren ginge – nicht nur in Sachen Content, sondern in puncto Denken, Ideen und Weltbild. Alles Bereiche, in denen mehr tatsächlich einmal gleichbedeutend mit besser ist.

Und auch für Deutschland als Wirtschaftsstandort wäre ein schlechtes Internet abträglich. Neulich habe ich erklärt, warum ich uns eine mangelnde Internetkultur attestiere und warum ich glaube, dass diese mitverantwortlich dafür ist, dass wir im digitalen Wettbewerb ins Hintertreffen geraten sind. Die Essenz jenes Textes: Nur wer das Internet bestens kennt, aus eigener Erfahrung, kann dort erfolgreiche Geschäfte betreiben — doch genau jener Erfahrungsschatz fehlt hierzulande leider zu vielen Menschen.

Ist es denkbar, dass dies damit zu tun hat, dass die spannendsten Dinge im Internet, die eben jenen Forschergeist wecken könnten, nicht auf Deutsch sind? Ich halte es zumindest für möglich. Mein eigener Vater etwa weigert sich vehement, meine englischen Texte zu lesen. Er will sie auf Deutsch, weil sein Englisch in etwa so gut ist, wie das durchschnittlicher deutscher Minister. Wenn dies kein Einzelfall ist (was mich arg verwundern würde) hätten wir quasi einen Digital Divide 2.0: Nicht die Kluft zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern, sondern zwischen Nutzern des angelsächsischen Internets und jenen, denen das beste Internet verschlossen bleibt.

Das mag ein temporäres Phänomen sein, das sich binnen einer Generation mehr oder minder von selbst löst. Doch eine Garantie gibt es dafür nicht. Und selbst wenn: Jedes weitere verlorene Jahr in Sachen Digitalisierung klingt für meine Begriffe bedrohlich. Daher steht eine Qualitätsoffensive fürs deutsche Internet weit oben auf meiner Wunschliste: mehr Investitionen in guten Journalismus, in ambitionierte Medienstartups und in unsere Kulturschaffenden. Für letztere bräuchte es zudem bessere Rahmenbedingungen, die den Unternehmergeist wecken und dazu einladen, etwas zu gründen. (Herr Spahn, wäre das nicht ein konstruktives Ventil für ihren Ärger über Denglisch-Hipster?!)

Ist all dies realistisch? Ich weiß es nicht. Immerhin sind die Herausforderungen für den Medienstandort Deutschland, die ich oben skizziert habe, sehr real. Dennoch bin ich optimistisch, dass sich auch in Deutschland tragfähige Geschäftsmodelle für aufs Internet optimierte Medienunternehmen etablieren lassen. Diese zu finden, ist eine wichtige Mission. Denn die Alternative, eine digitale Zwei-Klassen-Zivilgesellschaft, ist wenig erstrebenswert.

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2 Reaktionen
Markus Käkenmeister

In Deutschland und auch Europa gibt es wenige Internetunternehmen (also Unternehmen, deren Geschäftsmodell voll und ganz auf dem Internet basiert).

Man könnte für Deutschland beispielsweise mit Abstrichen die Telekom nennen, United Internet/1&1 oder RocketInternet/Zalando. Doch diese Anbieter sind stark in Infrastruktur, Mobilfunk, Vertrieb und E-Commerce. Keiner geht auf Inhalte.

Dabei hatten wir in Deutschland eine Chance. Wir hatten deutsche Suchmaschinen, deutsche soziale Netzwerke, auch wenn die Ideen ursprünglich importiert waren.

Man muss aber auch sehen: Deutschland lebt eine gewisse Technikphobie aus, Anonymitäts- und Datenschutzbedürfnis sind stark ausgeprägt. Mit dem "Internetzeug" nichts zu tun zu haben, gilt bei Leuten, mit offensiv demonstrierten Nichtwissen und Weißweinschorle in der Hand kokettierend, als gesellschaftlich opportun. Es sei ja auch schon Wahnsinn, was die Datenkraken Google und Facebook da machen.

In Deutschland wurde das "Recht auf Vergessen" erfunden und durch ordnungspolitische Regulierung Wirklichkeit. Leute lassen die Bilder ihrer Häuser in Google Maps verpixeln, weil sie es können und wollen.

Blühende Geschäfte machen Abmahnanwälte, die Leuten einen Brief per Einschreiben schicken, wenn sie ein Komma in den AGB auf der Website vergessen haben und dafür viele Tausend Euro erpressen.

Es gibt deutschen Content, vielleicht zu wenig.

Laut w3techs sind aktuell unter den eine Million sichtbarsten Websites weltweit 51,3 Prozent in englischer Sprache verfasst. Deutsch kommt auf 5,6 Prozent und liegt auf Rang vier hinter Russisch und Japanisch (https://w3techs.com/technologies/overview/content_language/all)

Womöglich ist der deutsche Markt wirklich einfach zu klein und Contentprodukte skalieren nicht.

Aber wir sind nun mal Deutsche in Deutschland und sprechen in erster Linie Deutsch. Dann stellt sich die Frage, wie man mit Content Zugriff auf den großen angloamerikanischen Kulturraum bekommt.

Im klassischen Medienbereich gelang dies durch Akquisitionen regionaler und lokaler Player in ausländischen Zeitungs- und Fernsehmärkten. So sind RTL gewachsen, und Springer. Mit b2c-Contentprodukten im Web hat das noch keiner vorgemacht.

Ab und an kaufen Google, Amazon oder Facebook ein paar Technologiestartups aus Deutschland. Aber Content ist in Deutschland ein schwieriges Thema.

Man denke an innovative Ideen wie die, die hinter The Commentarist stand, oder Echobot. Sofort gab es Ärger mit zwei deutschen Großverlagen.

Das große Outcome dieser Disusskion war die lobbygetriebene Leistungsschutzrecht, das verbietet, "kleinste Contenteile" anderer zu verwenden.

Also: Wie kommt man auf den angloamerikanischen Markt? Zum Beispiel, indem man da hingeht. Oder indem man Contentprodukte herstellt, die nicht so stark mit der Sprache verknüpft sind. Virtual Reality könnte so eine Shäre sein.

Antworten
Klotz

Es gibt die Theorie dass der schon ewig angekündigte, angemessene Breitbandausbau deshalb verzögert wird um die fortschreitende Internetnutzung - vor allem in Hinblick auf den Medienkonsum - so lang wie möglich hinauszuzögern.

Die Leute sollen schön weiter Staatsfernsehen schauen.

Zudem ist Deutschland im internationalen Vergleich in puncto Internet-Gebühren nach wie vor einer der Spitzenreiter.

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