Analyse

Internetkultur-Dilemma: Warum Deutschland kein Digitalisierungs-Gewinner wird

(Foto: Shutterstock / Rawpixel.com)

Thomas Euler glaubt, dass es uns in Deutschland an Internetkultur mangelt. Warum das ein Problem ist (und warum er Managern gerne einen Rucksack aufsetzen würde), schreibt er hier.

Politik und Wirtschaft sind aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht. Inzwischen ist sogar in deutschen Vorstandsetagen und Abgeordnetenbüros angekommen, dass die Digitalisierung eines der wichtigsten Themen unserer Zeit ist. Doch trotz bundesweiter Industrie-4.0-Initiativen und im Überfluss vorhandener Beratungsangebote zur digitalen Transformation, spielt Deutschland in Sachen Internet alles andere als die erste Geige. Den Ton geben andere an, allen voran die großen Plattformbetreiber aus den USA, die Googles, Facebooks und Amazons dieser Welt.

Das muss man nicht per se schlimm finden. Ich gönne jedem Unternehmen seinen Erfolg, unabhängig vom Sitz seines Stammhauses. Bedenkt man außerdem, dass viele der bisherigen Digitalisierungsgewinner im weiteren Sinne im Medienmarkt beheimatet sind, könnte man postulieren, dass uns die Amerikaner in diesem historisch immer voraus waren. In der nächsten Welle der Digitalisierung, wenn das Internet dank IoT in der „echten Welt” ankommt, so höre ich oft, werde unsere Stunde schon schlagen. Dann nämlich werde unser Mittelstand seine Stärken ausspielen können — und made in Germany der Digitalisierung seinen Stempel aufdrücken.

„Alles wird gut!” lautet die Botschaft der Hoffnungsfrohen also. Ich bin da skeptischer. In den letzten zehn Jahren habe ich als Berater mit etlichen Unternehmen — Versicherern, Banken, Automobilbauern und zahlreichen anderen — an Digitalisierungsprojekten gearbeitet. Ich kann deshalb aus erster Hand bestätigen: Das Problembewusstsein ist inzwischen gestiegen. Das Internet wird heute ernst genommen. Doch das alleine reicht nicht. Denn Problembewusstsein ist nicht gleich Kompetenz.

Internetkultur: Alle reden von Digitalisierung, wenige verstehen es

Zwar reden alle von der Digitalisierung, aber viel zu wenige verstehen, wovon sie da sprechen. Über hunderte von Gesprächen hat sich bei mir der Eindruck erhärtet, dass das Internet hierzulande von vielen lediglich theoretisch begriffen wird — als eine technokratisch zu lösende Herausforderung. Oftmals sind es denn auch Bürokraten, die uns digital wettbewerbsfähig machen wollen.

Ich will nicht alles schlecht reden. Wir haben eine aktive Gründerszene. In unseren Unternehmen steigt die Bereitschaft, in Digitalthemen zu investieren. Viele der Akteure, die sich hierzulande um die Digitalisierung sorgen, haben beste Intentionen und unter ihnen sind viele kluge Köpfe. Und aus Deutschland kommen nach wie vor exzellente Wissenschaftler — in Forschungsfeldern wie künstlicher Intelligenz oder Robotik müssen wir uns nicht verstecken. Doch all dem zum Trotz attestiere ich, dass es ein grundlegenderes Dilemma gibt. Eines, das uns auf absehbare Zeit daran hindern wird, eine führende Rolle in der Internetwirtschaft einzunehmen. Was zumindest dann ein Problem darstellt, wenn man wie ich davon ausgeht, dass es sich beim Internet und seinen Folgeentwicklungen um die größte Veränderung handelt, der wir uns seit der Industrialisierung gegenübersehen. Mindestens. Trifft dies zu, dann wird die Wirtschaft der Zukunft untrennbar mit dem Internet verheiratet sein. Und die Gewinner werden diejenigen sein, die eine gestaltende Rolle in der Entwicklung gespielt haben.

Warum ich befürchte, dass wir nicht zu ihnen zählen werden? Wir haben keine gute Internetkultur. Zwar ist das Internet bei den meisten Deutschen im Hause (laut ARD/ZDF Onlinestudie nutzen knapp 84 Prozent der Deutschen 2016 das Internet, zumindest selten), doch das Gros der Deutschen ist nicht im Internet zuhause. Die Beziehung zum Netz ist hierzulande vielfach noch immer distanziert. Anekdotisch zeigt sich dies etwa, wenn in meinen Diskussionen über das Internet immer wieder an erster Stelle Bedenken zum Datenschutz aufkommen (womit ich das Thema nicht herunterspielen will; doch es illustriert perfekt die vorherrschende Einstellung). Sinnbildlich für das Verhältnis der Deutschen zum Netz ist auch Claus Klebers letztjähriger Reisebericht aus dem Silicon Valley. Die Signifikanz dessen, was da passiert, ist erkannt. Doch die Begegnung ist von Skepsis geprägt.

Diese Skepsis ist nicht zwingend negativ. Im Gegenteil: Es spricht vieles dafür, neuen Technologien nicht mit grenzenlosem Techno-Optimismus zu begegnen. Insbesondere wenn absehbar ist, dass ihr Einfluss auf Mensch, Gesellschaft und Wirtschaft spürbar sein wird. Dann ist schon fast geboten, genau hinzuschauen, zu hinterfragen und vor lauter Fortschritt nicht aus dem Auge zu verlieren, dass er nur dann in die richtige Richtung führt, wenn er schlussendlich dem Menschen dient.

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6 Reaktionen
Julia Nikolaeva

Toller Artikel. Kann ich aus eigener Erfahrung und Beobachtung zu 100% zustimmen. Vor allem in diesen drei Punkten:

- Internet wird bei erstaunlich vielen Menschen ausschließlich mit dem Thema "Datenschutz" (und neuerdings wohl auch "Datensicherheit") assoziiert. In diesem Licht werden dann alle Chancen und Möglichkeiten betrachtet.

- In Startups wird in DE offenbar erst investiert, wenn das Startup bereits floriert, der Investor also keinerlei Risiko eingehen muss.

- Das Wissen der meisten "Experten" ist angelesen, aber nicht praktisch. Beispiel: Ich war letztens auf einer Veranstaltung zum Thema Kryptowährungen. Referenten und Teilnehmer waren Professoren, Ingenieure, Rechtsanwälte etc. Es gab zwei interessante Vorträge und zahlreiche sachkundige Meldungen aus der Zuhörerschaft. Wie sich bei dem anschließenden Come-Together aber rausstellte, besaß niemand der Beteiligten Kryptowährungen, schon gar nicht verwendete sie jemand im Rahmen seiner Arbeit.

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pixel

Was ist denn das für eine Analyse? Der Fakt auf den sich alle Vermutungen stützen ist, dass 84% der Deutschen einen Internetzugang haben, sich aber im Netz 'nicht zu Hause' fühlen. Wie definiert man denn eine gute Internetkultur?
Meine Wahrnehmungen gehen aber im Übrigen in eine ähnliche Richtung: was Digitalisierung bedeuten könnte, bleibt verschwurbelt und es gibt wenige, die konkret plausibel machen können, was das bedeutet und warum uns das nützen könnte.
Ein ganz zentrales Problem ist die Mentalität, dass viel zu wenig in die Aufrüstung der technischen Infrastruktur/Breitbandverkabelung investiert wird. Es wird ja auch sonst in Infrastruktur zu wenig investiert (Straßen, Brücken, Schienen). Wenn die STruktur da wäre, dann würden Private und Geschäftsleute viel eher an digitale Lösungen denken, weil es damit Erfolgserlebnisse gibt.

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David

Neuland - Netzwerkdurchsetzungsgesetz - Internetministerium. Das allein reicht als Begründung aus warum DE kein Gewinner sein wird. Management bei Jeans - eine Vollniete an jeder wichtigen Stelle.

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Christo

Vielleicht könnte man auch auf die Entwicklung eingehen, die das Internet in seiner Entstehung in Deutschland von dem in den USA unterscheidet. Während wir uns natürlich über die Branchenriesen im Internet bewegen, haben in manchen Bereichen wie beispielsweise Email die Amerikanischen Unternehmen nahezu keinen Marktanteil. Das "deutsche" Internet war durch seine Entwicklung unter der Post ganz anderen umständen ausgesetzt als das Internet bspw. der USA. Zudem kommt die Desillusion in den Wirkungen der DOTCOM-Blase, die immer noch einen Skeptizismus bei den deutschen vorherrschen lässt. In Deutschland ist man vielleicht auch zurecht skeptisch was Datenschutz oder Investitionen angeht. Hierzulande hat man schließlich andere Erfahrungen gemacht. Mehrere Inflationen einberechnet. Es gibt wenig was die Zukunftsangst in Deutschland mehr antreibt als das Risiko des Vermögensverlustes.

Was natürlich nicht entschuldigen soll, dass in Deutschland eher zögerlich mit dem neuen Medium umgegangen wird. Deutsche Unternehmer und Entwickler gehen seit jeher lieber den Weg des frühen Verkaufs der Firma an ausländische Konkurrenten als den Langen Weg des Aufbaus eines Großkonzerns. Vielleicht ist hier auch einfach ein gewisser Pragmatismus vorherrschend. Jener, der den Spatz der Taube vorzieht. Allerdings ist eben auch nicht jeder für das Internet geschaffen und nicht jedes Geschäftskonzept etwas für die digitale Welt. Es gibt nirgendwo so viel nutzloses und obsoleten Überfluss wie im Internet. Vielleicht braucht nicht jede Bäckerei einen Onlineshop. manche sollten wie der Autor selbst sagt, besser ihr Handwerkszeug beherrschen.

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Alexander

... ja, aber.

Wie so oft im Leben, liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Erste Ansätze für einen Erklärungsversuch sind schnell gefunden - ohne das nun werten zu wollen. Und man findet gewiss einige Gründe, warum etwas anders ist. Hier soll der Fokus alleine auf der Internetkultur liegen?

Das ist mir dann doch ein wenig zu dünn. Mir fallen spontan ein paar Dinge mehr ein, die in ihrem Zusammenspiel eine Analyse gewiss nicht einfacher machen ... aber durchaus erforderlich sind, um sich einer Aussage mit einem größeren Realitätsbezug zu nähern.

Was ist mit der Unternehmenskultur? Der Risikobereitschaft im Finanzwesen (ok, wurde angesprochen)? Oder der demografischen Entwicklung? Was ist mit dem Bildungssystem? Einige m.E. wesentliche Kriterien, die für die Betrachtung herangezogen werden sollten.

Aber was bringt mir eine solche Analyse?

Was ist tatsächlich erforderlich, um etwas besser zu machen als andere?

Ich vermisse hier die Innovation! Warum andere kopieren? Das Gute zu kopieren ist sicherlich der erste Schritt um besser zu werden - und auch legitim ... aber irgendwann muss man die ausgetretenen Pfade verlassen und eigene Wege gehen. Und das hat die Vergangenheit immer wieder gezeigt - egal aus welchem Land die tollsten Erfindungen gekommen sind.

Die Rezepte dafür sind bekannt und müssen nicht neu gemischt werden. Hier sind uns anscheinend die Zutaten abhanden gekommen. Zutaten wie Ergeiz, Zuversicht, Vertrauen, Leistungsbereitschaft und nicht zuletzt der Spaß werden immer mehr von Gier und Perspektivlosigkeit gebremmst. Auf allen Ebenen wird gemeckert und gejault ... wo bleibt die positive Grundeinstellung?

Motivation ist bekanntermaßen intrinsisch, man muss ihr nur den Weg bereiten ... ist es nicht so, dass wir Deutschen eine so negative Selbstwahrnehmung haben? Think positiv: mehr Zuversicht und mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten - die anderen Kochen auch nur mit Wasser!

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Nobbe

Hallo,
hört sich erstmal so an, als ob das so sein könnte. Womöglich ist es auch grnau das, warum es in D vergleichsweise wenig Internetriesen gibt.
Aber ich möchte dennoch versuchen, meine Gedanken hier zum besten zu geben.
Also, ich bin mir nicht sicher, ob jeder diese spezielle Internetteminologie verstehen muss. Im damaligen Kaiserreich gab es sehr viele "Start-ups" und entsprechend viele solvente Investoren. Als Beispiel sei hier Daimler, Benz oder auch Siemens genannt. Ob fie alle, die jeweilige "Sprache" verstanden, wage ich zu bezweifeln. M.Mng. nach waren die von einer allgemeinen Technologiegläubigkeit, der Reiz des schnellen Gelds und einer gewissen Fazination der gründer selber und/oder des Produkts geprägt.
So weit ich das weiß kam noch die Förderung (sei es direkt mit Investition oder auch indirekt mit Steuererleichterung o.ä.) des Staats hinzu.

Mir scheint da eine grundsätzlich, andere Haltung der potentiellen Investoren heutzutage bzw. gegenüber denen, in den USA, verantwortlich zu sein.
Bspw. die Aldi-Brüder investieren ihr Vermögen in Kunst (oder was sie darunter verstehen). Das bringt als technolgische Gesellschaft aber nicht voran. Es gibt ja einige Milliadäre in den USA, die ihr Geld in Raumfahrt, Luftfahrt oder sonstige technologische Unternehmungen stecken...oder wie Elon Musk in E-Autos, Hyperloop, Space-x usw..
Nicht das man mich falsch versteht, jeder soll sein Geld da investieren, wo er es für sinnvoll erachtet. Mir gehts aber um diesen Gesit der dahintersteckt.

Vermutlich steckt das mittlerweile in unserer ganzen Gesellscjaft in D, das manifestiert sich ja z.B. in Demonstrationen gegen alles, was Veränderung beinhaltet...S21, Mobilfunkmasten, Windkrafträder, Umgehungsstrassen usw. usf..
Natürlich ist nicht jede Neuerung sinnvoll, aber das Wohl der Allgemeinheit (ALLER Einwohner) steht unter dem Wohl einiger weniger.
Und ja, ich nehme mich da nicht aus, auch wenn ich versuche, da Vorbildlich zu sein ;-)

Lange Rede, kurzer Sinn. Die Sprache oder Termonologie ist m.Mng. nach nicht das Hinderniss, eher der Geist der dahinter steht.
Vielleicht gehts uns in D auch einfach auch noch zu gut...

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