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Digitale Nostalgie: Warum uns alte Computerspiele manchmal enttäuschen

Szene aus dem Oldschool-Adventure Monkey Island 2. (Screenshot: Steam)

Retro und Nostalgie sind in. Doch die Erinnerungen an Kindheit und frühe Jugend sind für die Generationen, die mit Computern aufgewachsen sind andere, als für alle Generationen davor. Eine Medienwissenschaftlerin erklärt, wann Computerspiele-Nostalgie funktioniert – und wann nicht.

Der Anblick von Pixelgrafik versetzt nicht wenige „Thirty-somethings“ ins Schwärmen: Der Stil, aus den technischen Unzulänglichkeiten der damaliger Computer geboren, gilt heute als schick und „retro“, selbst zahlreiche aktuelle Spiele von Indie-Entwicklerstudios setzen auf die Pixel-Grafik – oft auch in Kombination mit alten Spielekonzepten.

Erinnerungen sind heute digital konserviert

Nostalgie ist kein neues Phänomen. Doch während sich frühere Generationen vielleicht wehmütig an ein altes Baumhaus erinnerten, das heute gar nicht mehr existiert und daher in der Erinnerung verklärt werden kann, gibt es zu den prägenden Erinnerungen, die jüngere Generationen mit elektronischen Geräten machen, einen entscheidenden Unterschied: Sie sind digital konserviert. Sie lassen sich immer wieder, völlig unverändert, abrufen.

Dieser verklärte Blick auf die eigene Vergangenheit und Erinnerungen hat eine wichtige psychologische Funktion, erklärt die Medienwissenschaftlerin Sabine Völkel von der Technischen Universität Chemnitz: „Oftmals nutzt der Mensch sogar aktiv persönliche Erinnerungen, um von einem unangenehmen Zustand in einen angenehmen Zustand zu kommen, um schwierige Situationen zu bewältigen.“ Verschiedene Studien zeigten, dass der positive Blick in die Vergangenheit dem Menschen in negativen Situationen helfen kann und wichtig ist für das persönliche Wohlbefinden und Selbstwertgefühl, weshalb sich oft auch bewusst an persönliche Momente erinnert wird.

Doch die Enttäuschung, die sich daraus ergibt, wenn ein digital konserviertes Computerspiel oder ein Film aus der Kindheit wieder ausgepackt wird, ist häufig vorgezeichnet: „Ach, so sah das damals aus? So umständlich war die Bedienung? Was habe ich damals nur daran gefunden?“ Der Nutzer Ubermick beschreibt bei Reddit beispielsweise, wie sich die Erfüllung des lange gehegten Traums, den Heimcomputer seiner Jugend – einen Amiga – wieder anzuschaffen, zu einer Enttäuschung entwickelt. Am Ende verkauft er ihn an einen anderen Interessenten auf Craigslist, der zunächst überglücklich ist – den Computer dann aber ebenfalls nach einigen Monaten wieder verkauft.

„Im Kontext der Nostalgie weisen Studien darauf hin, dass sich bei den digitalen Spielen ein steigendes Interesse an Retrospielen verzeichnen lässt.“

„Trotz meines mittleren Alters, meiner anderen Spielsachen, dem Wissen darum, wo Technologie heute steht, meiner Familie und meinem extremen Mangel an Freizeit, gibt es etwas, was mich immer wieder am Amiga fasziniert“, schreibt der britische Nutzer. „Vielleicht ist es nicht der Amiga, sondern glücklichere Zeiten aus meiner Kindheit, wenn alles ein wenig einfacher war und meine größte Krise eine kaputte Diskette.“

Erwachsene sehen Spiele und Filme ihrer Kindheit mit anderen Augen

Auch dafür hat Völkel eine Erklärung: Sind Menschen enttäuscht, wenn sie einen in der Kindheit beliebten Film wiedersehen oder ein beliebtes digitales Spiel als Erwachsener erneut spielen, so könne das an zwei Dingen liegen: „Zum einen finden zwischen Kindheit und Erwachsenenalter entscheidende kognitive Entwicklungsschritte statt, die den Blick auf die Welt verändern.“ Erwachsene würden demnach ein Spiel oder Film mit „anderen kognitiven Voraussetzungen“ sehen als Kinder. Was uns als Kind noch faszinierte, wirkt heute oftmals öde.

„Zudem trägt die Gewöhnung an immer neue Medientechnologien und die rasante technologische Entwicklung zu einer kritischen Bewertung der Filme und Spiele aus Kindertagen bei“, sagt Völkel. „Medientechnologien und ihre Inhalte, die in der Kindheit neu und spannend waren, sind heute aufgrund veränderter Sehgewohnheiten und Erwartungen an die Technologien oftmals langweilig und eintönig.“

Steigendes Interesse an Retrospielen

Allerdings ist die Enttäuschung beim Rückblick auf die eigene digitale Vergangenheit nicht vorprogrammiert. „Im Kontext der Nostalgie weisen Studien darauf hin, dass sich bei den digitalen Spielen ein steigendes Interesse an Retrospielen verzeichnen lässt. Die Autoren Wulf, Bowman, Velez & Breuer erklärten in einer 2018 veröffentlichten Studie das Phänomen mit dem Gefühl der Nostalgie. Spieler versetzen sich laut Aussagen der Autoren in die Vergangenheit über eine Art ‚digitale Zeitmaschine‘“, sagt Wissenschaftlerin Völkel.

Die Vergangenheit sei dabei mit „persönlicher Bedeutung, Sehnsucht, sozialen Beziehungen, erlebter Kindheit“ assoziiert. Damit das klappt, müsse das Spiel jedoch mit „einer starken emotionalen und persönlichen Erinnerung verbunden sein. Ein Spieler, welcher diese nostalgische Erinnerung nicht teilt, erlebt aufgrund der veränderten Sehgewohnheiten vermutlich eher eine Enttäuschung.“

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