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Digitale Nostalgie: Warum uns alte Computerspiele manchmal enttäuschen

Retro und Nostalgie sind in. Doch die Erinnerungen an Kindheit und frühe Jugend sind für die Generationen, die mit Computern aufgewachsen sind andere, als für alle Generationen davor. Eine Medienwissenschaftlerin erklärt, wann Computerspiele-Nostalgie funktioniert – und wann nicht.

7 Min. Lesezeit
Szene aus dem Oldschool-Adventure Monkey Island 2. (Screenshot: Steam)

Der Anblick von Pixelgrafik versetzt nicht wenige „Thirty-somethings“ ins Schwärmen: Der Stil, aus den technischen Unzulänglichkeiten der damaliger Computer geboren, gilt heute als schick und „retro“, selbst zahlreiche aktuelle Spiele von Indie-Entwicklerstudios setzen auf die Pixel-Grafik – oft auch in Kombination mit alten Spielekonzepten.

Erinnerungen sind heute digital konserviert

Nostalgie ist kein neues Phänomen. Doch während sich frühere Generationen vielleicht wehmütig an ein altes Baumhaus erinnerten, das heute gar nicht mehr existiert und daher in der Erinnerung verklärt werden kann, gibt es zu den prägenden Erinnerungen, die jüngere Generationen mit elektronischen Geräten machen, einen entscheidenden Unterschied: Sie sind digital konserviert. Sie lassen sich immer wieder, völlig unverändert, abrufen.

Dieser verklärte Blick auf die eigene Vergangenheit und Erinnerungen hat eine wichtige psychologische Funktion, erklärt die Medienwissenschaftlerin Sabine Völkel von der Technischen Universität Chemnitz: „Oftmals nutzt der Mensch sogar aktiv persönliche Erinnerungen, um von einem unangenehmen Zustand in einen angenehmen Zustand zu kommen, um schwierige Situationen zu bewältigen.“ Verschiedene Studien zeigten, dass der positive Blick in die Vergangenheit dem Menschen in negativen Situationen helfen kann und wichtig ist für das persönliche Wohlbefinden und Selbstwertgefühl, weshalb sich oft auch bewusst an persönliche Momente erinnert wird.

Doch die Enttäuschung, die sich daraus ergibt, wenn ein digital konserviertes Computerspiel oder ein Film aus der Kindheit wieder ausgepackt wird, ist häufig vorgezeichnet: „Ach, so sah das damals aus? So umständlich war die Bedienung? Was habe ich damals nur daran gefunden?“ Der Nutzer Ubermick beschreibt bei Reddit beispielsweise, wie sich die Erfüllung des lange gehegten Traums, den Heimcomputer seiner Jugend – einen Amiga – wieder anzuschaffen, zu einer Enttäuschung entwickelt. Am Ende verkauft er ihn an einen anderen Interessenten auf Craigslist, der zunächst überglücklich ist – den Computer dann aber ebenfalls nach einigen Monaten wieder verkauft.

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„Im Kontext der Nostalgie weisen Studien darauf hin, dass sich bei den digitalen Spielen ein steigendes Interesse an Retrospielen verzeichnen lässt.“

„Trotz meines mittleren Alters, meiner anderen Spielsachen, dem Wissen darum, wo Technologie heute steht, meiner Familie und meinem extremen Mangel an Freizeit, gibt es etwas, was mich immer wieder am Amiga fasziniert“, schreibt der britische Nutzer. „Vielleicht ist es nicht der Amiga, sondern glücklichere Zeiten aus meiner Kindheit, wenn alles ein wenig einfacher war und meine größte Krise eine kaputte Diskette.“

Erwachsene sehen Spiele und Filme ihrer Kindheit mit anderen Augen

Auch dafür hat Völkel eine Erklärung: Sind Menschen enttäuscht, wenn sie einen in der Kindheit beliebten Film wiedersehen oder ein beliebtes digitales Spiel als Erwachsener erneut spielen, so könne das an zwei Dingen liegen: „Zum einen finden zwischen Kindheit und Erwachsenenalter entscheidende kognitive Entwicklungsschritte statt, die den Blick auf die Welt verändern.“ Erwachsene würden demnach ein Spiel oder Film mit „anderen kognitiven Voraussetzungen“ sehen als Kinder. Was uns als Kind noch faszinierte, wirkt heute oftmals öde.

„Zudem trägt die Gewöhnung an immer neue Medientechnologien und die rasante technologische Entwicklung zu einer kritischen Bewertung der Filme und Spiele aus Kindertagen bei“, sagt Völkel. „Medientechnologien und ihre Inhalte, die in der Kindheit neu und spannend waren, sind heute aufgrund veränderter Sehgewohnheiten und Erwartungen an die Technologien oftmals langweilig und eintönig.“

Steigendes Interesse an Retrospielen

Allerdings ist die Enttäuschung beim Rückblick auf die eigene digitale Vergangenheit nicht vorprogrammiert. „Im Kontext der Nostalgie weisen Studien darauf hin, dass sich bei den digitalen Spielen ein steigendes Interesse an Retrospielen verzeichnen lässt. Die Autoren Wulf, Bowman, Velez & Breuer erklärten in einer 2018 veröffentlichten Studie das Phänomen mit dem Gefühl der Nostalgie. Spieler versetzen sich laut Aussagen der Autoren in die Vergangenheit über eine Art ‚digitale Zeitmaschine‘“, sagt Wissenschaftlerin Völkel.

Die Vergangenheit sei dabei mit „persönlicher Bedeutung, Sehnsucht, sozialen Beziehungen, erlebter Kindheit“ assoziiert. Damit das klappt, müsse das Spiel jedoch mit „einer starken emotionalen und persönlichen Erinnerung verbunden sein. Ein Spieler, welcher diese nostalgische Erinnerung nicht teilt, erlebt aufgrund der veränderten Sehgewohnheiten vermutlich eher eine Enttäuschung.“

t3n: Wie wirkt sich die Tatsache aus, dass bestimmte Erinnerungen an die Kindheit oder frühe Jugend für jüngere Generationen „digital konserviert“ werden? Gibt es dazu Forschung?

Sabine Völkel: Medien und Erinnerung stehen in einem engen Wechselverhältnis zueinander. Einerseits zeigen Studien vor allem im frühkindlichen Bereich, dass die Wirkungskraft realer Erfahrungen für das persönliche Erinnern und Lernen stärker ist als bei medial vermittelten Inhalten, andererseits können wir an kollektiven Wissensbeständen nur teilhaben, wenn Ereignisse und Erfahrungen auch medial reproduziert werden. Als Medienereignisse gewinnen Bilder symbolische Kraft, können kollektive Affekte bewirken und individuelle oder kollektive Erinnerungen bestimmen. Medien als externalisierte Wissensspeicher helfen dem Menschen dabei kollektive Erinnerungen zu erzeugen und zu speichern.

Medienwissenschaftlerin Sabine Völkel von der TU Chemnitz. (Foto: Institut für Medienforschung, TU Chemnitz)

Medienwissenschaftlerin Sabine Völkel. (Foto: TU Chemnitz)

Menschen nutzen diese medialen Speichermöglichkeiten im Zeitalter von Smartphones und Tablets zunehmend, um persönliche Erinnerungen festzuhalten, diese zu teilen und sich darüber auszutauschen. Persönliche Erinnerungen werden so über Instagram oder Facebook öffentlich zugänglich und jeder Austausch, jeder Kommentar verändert die individuelle Erinnerung. Die digitalen Möglichkeiten fördern somit einerseits, Erlebtes zu speichern, zu visualisieren und den erlebten Moment plastischer erscheinen zu lassen. Andererseits verändert sich mit jedem Diskurs auch die persönliche Erinnerung. Wie nachhaltig die Erinnerung im Gedächtnis gespeichert wird, ist dabei bestimmt von der persönlichen Bedeutsamkeit und der emotionalen Bewertung des Ereignisses. Wird ein persönlicher Moment ausschließlich über das Smartphone-Display erlebt, so ist die persönliche Erinnerung dank einer Fülle an Fotos später zwar visuell reicher, die real erlebte Erfahrung letztlich aber bereits eine medial vermittelte.

Wie stark werden Erinnerungen an die eigene Kindheit oder frühe Jugend im Allgemeinen idealisiert? Ändert sich das durch die Konservierung von Erinnerungen beispielsweise auch durch Filmaufnahmen?

Erinnerungen unterliegen dynamischen Veränderungen. Jeder Wiederabruf verändert die Erinnerung. Jedes Gespräch mit Freunden über eine gemeinsam geteilte Situation, verändert die eigene Erinnerung. Dabei ist der Mensch allgemein bestrebt, sich in einem angenehmen mentalen und emotionalen Zustand zu befinden und kognitive Dissonanzen abzubauen. Oftmals nutzt er dafür sogar aktiv persönliche Erinnerungen, um von einem unangenehmen Zustand in einen angenehmen Zustand zu kommen, um schwierige Situationen zu bewältigen. Sedikes und Kollegen konnten in verschiedenen Studien zeigen, dass der positive Blick in die Vergangenheit dem Menschen in negativen Situationen helfen kann und wichtig ist für das persönliche Wohlbefinden und Selbstwertgefühl, weshalb sich oft auch bewusst an persönliche Momente erinnert wird.

Gibt es einen Namen für das Phänomen, wenn sich die Beschäftigung mit Dingen, die einen Menschen in Kindheit oder früher Jugend fasziniert hat, als Enttäuschung erweisen?

Sind Menschen enttäuscht, wenn sie einen in der Kindheit beliebten Film wiedersehen oder ein beliebtes digitales Spiel als Erwachsener erneut spielen, so kann dies an zwei Dingen liegen. Zum einen finden zwischen Kindheit und Erwachsenenalter entscheidende kognitive Entwicklungsschritte statt, die den Blick auf die Welt verändern. Haben beispielsweise kleine Kinder Schwierigkeiten, die Sichtweisen anderer in die eigene Sichtweise einzubeziehen, so gelingt dies spätestens ab Schulbeginn problemlos. Haben Grundschulkinder noch deutliche Probleme Wissensinhalte auf einer kognitiv anspruchsvollen Ebene zu generalisieren oder zu synthetisieren, so bereitet ihnen dies weniger Probleme mit Beginn der erweiterten Schule.

Erwachsene betrachten demnach ein digitales Spiel oder einen Film mit anderen kognitiven Voraussetzungen als Kinder, was eine veränderte Bewertung nach sich ziehen kann. Zudem trägt die Gewöhnung an immer neue Medientechnologien und die rasante technologische Entwicklung zu einer kritischen Bewertung der Filme und Spiele aus Kindertagen bei. Medientechnologien und ihre Inhalte, die in der Kindheit neu und spannend waren, sind heute aufgrund veränderter Sehgewohnheiten und Erwartungen an die Technologien oftmals langweilig und eintönig.

In der Forschung wird aktuell aber auch ein gegenteiliger Trend diskutiert. Im Kontext der Nostalgie weisen Studien darauf hin, dass sich bei den digitalen Spielen ein steigendes Interesse an Retrospielen verzeichnen lässt. Die Autoren Wulf, Bowman, Velez & Breuer erklärten in einer 2018 veröffentlichten Studie das Phänomen mit dem Gefühl der Nostalgie. Spieler versetzen sich laut Aussagen der Autoren in die Vergangenheit über eine Art „digitale Zeitmaschine“. Die Vergangenheit ist dabei assoziiert mit persönlicher Bedeutung, Sehnsucht, sozialen Beziehungen, erlebter Kindheit. Sedikes und Kollegen (2016) beschreiben diese nostalgische Sehnsucht als ein Gefühl, Vergangenes und Gegenwärtiges zu verbinden. Die Studien zur Nostalgie im digitalen Spiel deuten darauf hin, dass nicht alle aktuellen Erfahrungen mit vergangenen Medientechnologien und -inhalten in Enttäuschung münden, Spieler von Retrospielen sogar bewusst das nostalgische Gefühl suchen. Das Spiel muss dabei jedoch mit einer starken emotionalen und persönlichen Erinnerung verbunden sein. Ein Spieler, welcher diese nostalgische Erinnerung nicht teilt, erlebt aufgrund der veränderten Sehgewohnheiten vermutlich eher eine Enttäuschung.

Quellen:

  • Knop, K., Hefner, D., Schmitt, S. & Vorderer, P. (2015). Mediatisierung mobil. Handy- und Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen.
  • Leipzig (Vistas), 2015. Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein- Westfalen (LfM), Band 77.
  • Meyer, E. (2009). Erinnerungskultur 2.0. Kommemorative Kommunikation in digitalen Medien. Frankfurt, New York: Campus Verlag.
  • Reid Chassiakos, Y., Radesky, J., Christakis, D., Moreno, M. A. Cross, C. & Council on Communications and Media (2016). Children and Adolesece and Digital Media. Pediatrics, 138 (5).
  • Rutkowski, A.-F. & Saunders, C. S. (2010). Growing Pains with Information Overload. Computer, computer.org
  • Reinecke, L., Aufenanger, S., Beutel, M. E., Dreier, M., Quiring, O., Stark, B., Wölfling, K. & Müller K. W. (2016). Digital Stress over the Life Span: The Effects of Communication Load and Internet Multitasking on Perceived Stress and Psychological Health Impairments in a German Probability Sample. Media Psychology, 20 (1), 90-115.
  • Sedikides, C., Wildschut, T., Routledge, C., Arndt, J., Hepper, E. G., & Zhou, X. (2015). To nostalgize: Mixing memory with affect and desire. Advancesin Experimental Social Psychology, 51, 189–273. doi:10.1016/bs.aesp.2014.10.001
  • Wildschut, T., Sedikides, C., Arndt, J., & Routledge, C. (2006). Nostalgia: Content, triggers, functions. Journal of Personality and Social Psychology, 91, 975–993. doi:10.1037/0022-3514.91.5.975
  • Wulf, T., Bowman, N. D., Velez, J. A., & Breuer, J. (2018). Once upon a game: Exploring video game nostalgia and its impact on well-being.Psychology of Popular Media Culture. doi:10.1037/ppm0000208
  • Sedikides, C., Wildschut, T., Cheung, W.-Y., Routledge, C., Hepper, E. G., Arndt, J., Vail, K., Zhou, X., Backstone, K. & Vingerhoets, J. J. M. (2016). Nostalgia fosters self-continuity by augmenting social connectedness: Implications for eudaimonic wellbeing. Emotion, 16, 524–539.

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