Kolumne

Digitale Hinterwäldler? Wieso Deutschland Innovationen erst spät erlebt

Das Schreckgespenst des knurrigen deutschen Digitalhinterwäldlers ist in etwa so real wie der Yeti. (Foto: Shutterstock.com)

Innovationen führen Unternehmen in Deutschland lieber spät ein, unser digitalpessimistischer Ruf bremst vieles aus. Zu Unrecht. Die E-Fuchs-Kolumne.

Aldi startet seine kassenlosen Systeme lieber in China, Lidl seine Coupon-App erstmal vorsichtshalber in allen Ländern um Deutschland herum. Auf deutschen Handelstechnologiemessen wie der Eurocis halten sich Hersteller mit Innovationen zurück, um die Deutschen nicht zu erschrecken. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Die berühmt-berüchtigte German Angst scheint viele Unternehmen davon abzuhalten, Innovationen in Deutschland zu testen oder einzuführen. Es herrscht das Schreckgespenst des deutschen Digitalhinterwäldlers. Zu Unrecht.

Der Digitalpessimismus nimmt ab, Normalität zieht ein

Vor fünf Jahren, als ich meinen ersten Text für t3n geschrieben habe, war der Digitalpessimismus in Deutschland fester Bestandteil aller Gespräche mit Startups und Onlinehändlern. Vieles drehte sich um die Frage, wie wohl die breite Masse der deutschen Nutzer auf ein Produkt oder ein Angebot reagieren würde. Meist ablehnend, skeptisch und eher pessimistisch, das war die berechtigte Erwartung. Gut in Erinnerung bleibt mir ein Startup der DHL in Schweden – nicht der Name, der ist mir direkt wieder entfallen –, das Pakete mithilfe der Crowd zustellte. Das löste in Kommentaren schon fast Hysterie aus, dass fremde Menschen die eigenen heiligen Pakete austragen könnten.

Heute spricht in Startups keiner mehr vom Digitalpessimismus, das Thema habe ich schon lange nicht mehr ansprechen müssen. Auch zucken die meisten Leser mit den Achseln, wenn berichtet wird, dass Uber Pakete zustellen könnte. Oh, sicher, der deutsche Kunde ist immer noch ein besonderes Wesen, aber er ist offener für Neues als je zuvor. Der Onlinesupermarkt Picnic erreicht über alle Altersgrenzen in seinen Einzugsgebieten mittlerweile über ein Viertel der Haushalte.

Auch digitale Bezahlung ist gewöhnlicher geworden: Einen kleinen Betrag von 2,35 Euro mit Karte zu bezahlen, ist an vielen Stellen Normalität geworden – wer heute kontaktlos bezahlt, muss (meistens) auch nicht mehr befürchten, dass die Polizei gerufen wird.

In den vergangenen Jahren hat sich auch gesellschaftlich viel getan. Während Snowden und der Abhörskandal noch Themen waren, die redaktionell als „Must-have“ betrachtet wurden, die ganz sicher nicht ausgewählt wurden, weil sie großen Traffic auf die Seite spülen würden, ist einer meiner meistabgerufenen Artikel einer zur EU-Urheberrechtsreform. Komplexe Digitalthemen wie Uploadfilter finde eine breitere Öffentlichkeit als je zuvor, auch wenn wir hier viel der jungen Generation zu verdanken haben: Der digitalaffine Teil unserer Bevölkerung wächst und wächst, Politrentner wie Ruprecht Polenz lassen zumindest die Hoffnung aufkommen, dass es nicht nur die Jungen sind, die gesellschaftlich digital reifen.

Traut euch, Unternehmen!

Auch wenn die Auseinandersetzungen zwischen Digitalpessimisten und Digitalaffinen nicht aus dem Alltag verschwunden sind: Sie beherrschen nicht mehr den Alltag. Das Schreckgespenst des knurrigen deutschen Digitalhinterwäldlers ist genau das: ein Schreckgespenst. Wir sind zwar nicht unkritisch, und jubeln weniger schnell Konzepte hoch, als das in den USA der Fall sein mag, aber die digitalaffinen Teile der Bevölkerung sind mittlerweile eine bedeutende Zielgruppe, die täglich wächst. Liebe Unternehmen: Uns kann man mittlerweile einiges zutrauen, traut euch also ruhig auch hierzulande an größere Innovationen.

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