Kommentar

Digitalkompetenz bei Digital Natives: Die Gnade der späten Geburt reicht nicht aus

Digitalkompetenz ist keine Errungenschaft per default irgendeiner Generation (Bild: Shutterstock)

Digitalkompetenz hat nur wenig mit dem Geburtsjahrgang zu tun – lediglich gewisse Grundfertigkeiten sind bei der jüngeren Generation oftmals stärker ausgeprägt.

Mit dem Mythos der Digital Natives muss endlich aufgeräumt werden. Ich erlebe sie im beruflichen Umfeld, privat – und die Generation Z auch im engsten Familienkreis. Wahr ist – und das ist in der Tat bemerkenswert: Kinder und Jugendliche, aber auch junge Erwachsene, die nichts anderes als das Smartphone-Zeitalter kennen, gehen beeindruckend selbstverständlich mit bestimmten Verhaltensmustern um, die wir Älteren erst erlernen mussten. Als mein Kind, damals ungefähr vier Jahre alt, auf dem Sofa sitzend meinte, ich solle doch den Film dahinter abspielen, wurde mir klar, wie selbstverständlich er das kleine Dreieck auf einer Website (nicht mal in einem Videoportal!) als Bewegtbild-Content ausgemacht hatte. Ich kenne erwachsene Menschen, die den eigentlich intuitiven Transfer nicht so zuverlässig hinbekommen hätten.

Aber seien wir ehrlich: Das hat weniger damit zu tun, dass die Jugendlichen nichts mehr anderes kennen und dass sie eine mehr oder weniger angeborene selbstverständliche Begabung fürs Digitale haben, als damit, dass bestimmte Gerätschaften einfacher und viele Dienste niederschwelliger geworden sind. Wer vor fünfzehn Jahren größere Dateimengen übertragen hat, tat das oft noch per Kommandozeilen-Upload, während man heute die Dateien auswählt und in irgendein Browserfenster zieht. Selbst die Generation über 70 kann das, wenn man’s ihr erklärt – und die jeweilige Person über entsprechendes technisches Grundverständnis verfügt.

Digital Natives haben die Digitalkompetenz nicht gepachtet

Eine Studie hat kürzlich ergeben, dass viele Ältere immer noch nicht über die nötige Digitalkompetenz verfügen. Das mag schon sein, aber heißt das etwa, dass die Jüngeren die Kompetenz im Netz gepachtet haben? Nein, natürlich nicht. Ich erlebe Digital Natives, die unfähig sind, zu googeln, sich die einfachsten Inhalte oder Fähigkeiten zu erschließen – und das, obwohl die Möglichkeiten dazu nie besser waren. Und ich erlebe Schüler, die umsichtig mit Quellen umgehen, (wie früher auch) nach der Primärquelle suchen und sich umsichtig mit dem Teilen von persönlichen Daten und Inhalten auseinandersetzen. Es ist offenbar tatsächlich so, wie bereites Howard Rheingold in den 90er Jahren vorausgesagt hat: Das Internet und die Technik drum herum machen diejenigen, die das Werkzeug zu nutzen verstehen, schlauer – und schaffen gleichzeitig auch eine Gegenbewegung. In dieser Hinsicht ist das Netz übrigens nicht viel anders als das Fernsehen vor etlichen Jahrzehnten.

Nun merkt die ältere Generation ja gerne an, dass die Jugend von heute gar nicht mehr weiß, wie so ein Notebook funktioniert, noch nie in der Registry rumgeschraubt hat oder nicht einmal eine Festplattenpartition retten kann. „Na und?“, mag man da sagen – das brauchen sie auch nicht. Es ist schlicht und einfach nicht mehr erforderlich, dass man die Details unter der Haube kennt – was freilich allgemein allen zugutekommt, die früher wenig IT-affin waren.

Parallelen in der Technikgeschichte

Ähnlich war das übrigens in der Technikgeschichte schon häufiger. In den 50er Jahren waren Bücher zu allen möglichen Automodellen en vogue – mit Titeln wie „Jetzt helfe ich mir selbst“ oder „So funktioniert der …“.  Nach und nach wurde die Sache komplexer, modularer (man konnte vieles nicht mehr so einfach reparieren und wechseln wie bisher) und auch das Netz an Werkstätten wurde selbst im ländlichen Raum besser. Die Folge: Nur noch wenige schrauben heute – dann aber meist mit dem entsprechenden Enthusiasmus – an ihren Autos herum.

Auch in der IT ist vieles nicht nachhaltiger geworden: Baute man früher kurzerhand mehr RAM oder einen schnelleren Prozessor ein, wenn der Rechner lahmte, sind heutzutage Mobilgeräte und selbst immer mehr Notebooks so gut wie nicht erweiterbar (von Ausnahmen mal abgesehen) und in drei oder vier Jahren kaum noch zu gebrauchen. Das bedeutet umgekehrt aber auch, dass der jüngere Nutzer sich mit der Funktionsweise der Hardware seiner Geräte gar nicht mehr zu beschäftigen braucht – lediglich Fragen an der Oberfläche, also wie man Datei x am einfachsten in Anwendung y und Endgerät z bringt, spielen heute noch eine Rolle.

Gleichzeitig ist die Faszination, die in einigen Unternehmen insbesondere ältere bis sehr alte Führungskräfte für junge Absolventen hegen, die als große Digitalkenner eingestellt werden, um der Belegschaft das mal alles zu erklären, reichlich albern. Da treten dann oftmals Jungs und Mädels vor die Belegschaft, die zwar mit sozialen Medien aufgewachsen sind und möglicherweise auch wissen, wie eine gute UX und UI auszusehen hat, die aber ansonsten herzlich wenig davon verstehen, wie im Geschäftsleben Geld verdient wird. In diesem Kontext bemerkt man auch sehr schnell, dass gerade die viel gepredigte Diversität viel für sich hat (sofern man sie nicht nur als Schlagwort für Gender-Gerechtigkeit versteht).

Halten wir fest: Digitalkompetenz ist eine Gabe, die mehr mit grundsätzlicher Lernfähigkeit für bestimmte Methoden und Kompetenzfelder zu tun hat als mit angeborener oder von klein auf erlernten Nutzungsmustern. Denn die ändern sich spätestens alle zehn bis zwanzig Jahre grundlegend.

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