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Digitale Dienste: Macht Einfachheit wirklich glücklich?

(Foto: Shutterstock)

Ziel der meisten digitalen Services ist die totale Vereinfachung des Lebens. Doch macht uns die totale Einfachheit am Ende glücklich? Und ist sie ein sinnvolles strategisches Ideal für Unternehmen?

Der Philosoph Arthur Schopenhauer schrieb einmal: Das Leben „schwingt also, gleich einem Pendel, hin und her zwischen dem Schmerz und der Langeweile.“ Ist ein Zustand schmerzhaft und unangenehm, setzen wir alles daran, ihm zu entkommen. Mit viel Kreativität und Tatendrang sorgen wir dafür, dass Schmerzquellen in unserem Leben systematisch beseitigt werden. Unsere Existenz wird auf diese Weise Stück für Stück einfacher und angenehmer. Zu Beginn ist dieser Gewinn an Bequemlichkeit eine Errungenschaft, ein Beweis unseres erfolgreichen Kampfes gegen den Schmerz. Doch je einfacher es wird, desto mehr beginnen wir uns zu langweilen, denn es fehlt an motivierenden Herausforderungen. Wenn die Langeweile dann unerträglich wird, suchen wir uns neue Quellen des Schmerzes, in die wir wieder unsere Energie investieren können. Nur, um sie dann abermals zu beseitigen.

Jeder kennt dieses Pendel aus dem eigenen Leben. Deshalb wollen wir aus der Komfortzone ausbrechen. Deshalb besteigen wir Berge, laufen Marathons oder verlassen sichere Jobs für neue Abenteuer. Wir wissen instinktiv, dass zu viel „Convenience“ Stillstand bedeutet und unsere Lebenszufriedenheit sabotiert.

Reibung erzeugt Spannung, Reibungslosigkeit erzeugt Lethargie

Menschen haben den übermächtigen Impuls, ihr Verlangen so energiesparend und schmerzlos wie möglich zu befriedigen, oftmals gegen ihr besseres Wissen. Der Ursprung dieser Willensschwäche mag in unserer evolutionären Vergangenheit liegen: Für unsere Jäger- und Sammlervorfahren war Komfort kein Problem. Ihr Leben war ein brutaler Existenzkampf. Wenn sich die rare Chance ergab, ohne viel Aufwand und Schmerz an Nahrung zu gelangen, dann war es klug, sie wahrzunehmen Die gesparte Energie konnte man gut für die nächste Jagd, die nächste Hungersnot oder eine plötzliche Flucht vor Säbelzahntigern gebrauchen. Anders gesagt: Die Brutalität und Unberechenbarkeit der damaligen Lebensumstände fungierten als natürlicher Schutz vor der lethargischen Unzufriedenheit durch zu viel Convenience und Komfort.

Heutzutage haben wir zwar immer noch den biologischen Drive, Energie zu konservieren, doch der Schutzwall vor der Bequemlichkeit wurde unlängst durch den technologischen Fortschritt abgebaut. Der krasseste Brandbeschleuniger dieser Convenience-Explosion ist zweifellos die Digitalisierung: Noch nie war es einfacher, Alltagsbedürfnisse effektiv und aufwandslos zu befriedigen. Ganz gleich, ob es um neue Mobilitätsservices oder Entertainment, Shopping, Dating oder Weiterbildung geht – bei digitalen Produkten und Services ist Vereinfachung der heilige Gral. Alles wird darauf optimiert, Zeit zu sparen, Zugänge zu vereinfachen und Reibung zu minimieren.

Und fühlt sich das nicht gut an? Warum zum Bankautomaten gehen, wenn ich Onlinebanking habe? Warum noch das Smartphone in die Hand nehmen, wenn ich Alexa ansprechen kann? Warum noch ins Kino gehen, wenn ich Netflix gucken kann? Klingt das nicht nach dynamischem Lifestyle-Flow ohne unnötige Wartezeiten? Nach reibungsloser Service-Perfektion, die lästige Stolpersteine beseitigt und Zeit für das lässt, worauf wir wirklich Lust haben? Ist es nicht das, was wir wollen?

Reibungslosigkeit ohne Anstrengung sorgt für keinen gesunden Flow im Leben. Im Gegenteil: Sie ist Schopenhauers Pendel, das alarmierend in Richtung pathologischer Langeweile und Gleichgültigkeit ausschlägt. Perfekt geölte „Seamlessness“ motiviert nicht und erschafft keine Erfolgsgefühle. Wer alles sofort bekommt, muss nicht mehr für seine Glücksmomente kämpfen. Essenzielle Emotionen wie Vorfreude oder Stolz werden durch die Digitalisierung torpediert. Das Leben verliert schleichend an Würze. Es entstehen Trägheit und Lethargie, denn Zufriedenheit im Leben ohne Schmerz und Anstrengung ist eine Illusion.

Friktion wird zum USP

Wenn reibungslose Perfektion endgültig zum neuen Standard wird, haben Unternehmen ein Problem: Sie müssen mit irreversibel verwöhnten Kunden Geld verdienen, die nicht mehr in der Lage sind, in der digitalen Komfort-Suppe zu differenzieren und durch kleinste Dissonanzen im Convenience-Flow katastrophal unzufrieden werden. Und dann? Niemand weiß, wohin die Digitalisierung final führen wird. Sie ist kein zentralistisch geplanter Prozess. Doch der logische Endpunkt der aktuellen Entwicklung ist eine Art „Convenience-Singularität“: die konsequente und unmittelbare Befriedigung aller Bedürfnisse im Moment des Entstehens. Sie wäre das finale Ende der Vorfreude und der Olymp des vollkommenen Consumer-Bore-outs.

Die zukünftigen USP in einer reibungslosen Welt sind daher lebendige Momente der Friktion und bewusst geplanter Disharmonie. Klug orchestrierte Phasen des Wartens, der Limitation und der Bedürfnisverweigerung werden zu erinnerungswürdigen Peaks im digitalen Flow. Was entsteht, ist ein Pendel zwischen Über- und Unterforderung, Sehnsucht und Belohnung, Frustration und Erleichterung, Anspannung und Entspannung. Es ist das, was dem menschlichen Leben seinen Reiz, seine Dynamik und seine größte Glücksquelle verleiht.

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Ein Kommentar
Dieter Brandes

Im Artikel wird das Thema „Einfachheit“ zu einfach gesehen. Es fehlt die klare Vorstellung und Ausrichtung auf Ziele und Zwecke der Einfachheit. Ich stelle das hier wegen der kurzen Stellungnahme trotzdem einmal einfach dar. Einfachheit soll zweierlei bewirken: 1. dass bestimmte Vorhaben, Systeme, Techniken überhaupt funktionieren und 2. dass dieses möglichst effizient geschieht. Das ist alles – und damit bewältigt man vor allem das leidige Thema der überall immens zunehmenden Komplexität.

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