Kolumne

Etwas zu viel AI, viele, viele Revenue-Streams und die inklusive Kraft von Voice-Assistants

(Foto: Media Lab Bayern)

Fünf Tage Medien- und Innovationstrends aus Austin: Lina Timm berichtet in ihrem Breakfast Taco von der SXSW, einer der größten Digitalkonferenzen der Welt.

Howdy aus Austin! 🙋

Wenn noch einmal jemand „AI“ sagt, dann flipp ich aus. Es gibt aktuell genau gar kein Panel oder Talk, das nicht irgendwie Bezug auf künstliche Intelligenz nimmt. Das ist ja einerseits ganz richtig, es ist ja auch ein großer Umbruch gerade. Andererseits ist auch einfach nicht alles AI, was gerade als AI verkauft wird.

In other words … hatten wir gestern aber einen fantastischen Abend bei unserer ersten Media Startup Night in Austin! Im German Haus kamen über 150 Media Manager, Startups und Journalisten zusammen, um zu networken und hoffentlich gleich ein paar Kooperationen auszumachen. Beim 1-Minute-Pitch-Event unserer 13 Startups, bei dem das Publikum seine Unicorn Dollar investieren konnte, hat mit großem Abstand Team Newsadoo gewonnen – herzlichen Glückwunsch!

Nach vier Tagen straffem Programm schaue ich mir morgen vielleicht einmal ein paar Dinge abseits des Mainstream an. Falls euch bestimmte Themen interessieren, sagt mir doch unbedingt drüben bei Twitter Bescheid und schickt mich in die Sessions!

🔮 #MediaTrends

Let’s talk business. „Revenue Roulette“ hieß eine überraschend interessante Session gestern. Weniger wegen der konkreten Inhalte als wegen des Overall Feelings, das das Panel in sich hatte. Es war sich nämlich ziemlich einig, dass Medienhäuser …

… auf mehrere Revenue-Streams setzen müssen.

Denn, Überraschung, den einen heiligen Gral gibt es nicht. Es ist nicht nur Subscription oder Werbung. Es ist eine Fülle von Wegen. In Cleveland hat beispielsweise eine Radiostation ihr (sehr großes) Gebäude monetarisiert, indem Communitys es für Meetups nutzen konnten.

Nunja. Von der Startup-Szene kenne ich das schon seit Jahren. Schon die Rocket Beans haben ihren 24/7-Twitch-Kanal über mindestens sieben verschiedene Wege von Abos über Werbung bis zu Merchandise finanziert. Auch unsere (Content-)Startups stehen immer auf mindestens zwei bis drei Beinen.

… Plattformen eine gute Hilfe dabei sind, Nutzer zu erreichen.

Zumindest, sofern sie dabei unterstützen, Abos zu verkaufen. Dabei kam vor allem Apple News zur Sprache mit der Notiz: Selbst wenn es nicht das ganz große Geld macht, sind auch ein paar Hundert Abonnenten mehr als gar keine. Ist das der Griff nach dem Strohhalm? Oder die neue Demut?

Drei weitere interessante Beobachtungen zum Nachdenken:

„Media nowadays treats every piece of content like a product.“

Und zwar mit einer entsprechenden Multichannel-Marketing-Strategie. Journalisten weigern sich immer noch, aber wie wäre es eigentlich, wenn wir das tatsächlich mal so ansehen würden? Jeden Artikel als eigenes Produkt? Das vermarktet werden muss? Mit einem Prozess, der das für jeden Artikel da draußen streamlinet und ergo immer ein mini Sales- und Marketing-Team bekommt?

„Nothing is ever dead in digital.“

Erst Podcasts, dann Newsletter, vielleicht sind digitale Medienprodukte auch einfach wie Schnittmuster von Kleidung. Irgendwann kommt alles wieder. Was wohl die Raver-Hose der digitalen Medien ist?

„Maybe you don’t need a newsroom this big.“

Was sich bei der Washington Post durch alle Analysen zieht: Am meisten bringt der Content ein, der entweder fasziniert oder kritisch ist. Und von sehr hoher Qualität. Warum verschwenden wir dann immer noch so viele Ressourcen darauf, „Meh“-Content zu produzieren, fragt Emilio Garcia-Ruiz von der Washington Post.

Ich sage ja auch schon lang, dass wir den ganzen Information-Overflow vor allem auch damit lösen könnten, weniger und dafür besseren Content zu produzieren. Wie gern würde ich die Challenge starten, mal herauszufinden, wie viele Texte, Videos, Audiostücke ein Newsroom wirklich weniger produzieren kann, bevor der Nutzer es merkt. Ich werfe mal in den Raum: 50 Prozent. Mindestens.

Achso, und: „In 60 months from now, local television will be dead.“ Ich lasse das mal so stehen.

👩‍💻 #TechThatChangesTheWorld

Heute gab’s Daten und Voice. Kurz zwei interessante Gedanken aus der (sonst leider sehr basic „Daten sind wichtig wir sollten sie jetzt nutzen übrigens“) Daten-Session: Algorithmen können auch in der Produktion von Film und Video viel helfen. Beispiel die interaktive „Bandersnatch“-Episode von Black Mirror. Solche Storytrees zu entwickeln, sei extrem aufwendig, Computer können da schneller eins und eins zusammenzählen. Außerdem gibt es gerade im Game-Bereich Charaktere, deren Handlungen bereits durch neuronale Netze unterstützt werden. So können dynamischere Geschichten entwickelt werden.

Und wieder wundere ich mich, warum die Inspiration durch Games immer noch so ein Nischendasein im Journalismus fristet. Damit sich das ändert, müssen wir meiner Meinung nach sehr zwingend die Produktionskosten für neuen (Multimedia-)Content senken. Im Gegensatz zu VR, Games, Film und Musik basiert Journalismus ja auf Aktualität und sich entwickelnden Geschichten. Das ist aktuell noch schlicht zu teuer. Oder aber wir finden Möglichkeiten, Content über einen längeren Zeitraum relativ unverändert aktuell zu halten.

Vielleicht ist das ein gutes Thema für eine Tech-Challenge, die eine aktuelle Idee im Media Lab Bayern ist. Wir würden gern Zwei-Monats (oder so)-Research-Stipendien ausschreiben, während derer man sich einfach mal mit einem solchen Thema konzeptuell beschäftigen kann. Falls ihr das spannend fändet: Let’s talk!

💡#CrazyIdea

Und jetzt zum Thema Voice-Interfaces: Einiges an Forschung beschäftigt sich da momentan mit Use-Cases für behinderte Menschen. Wer im Rollstuhl sitzt und seine Hände nicht nutzen kann, kann per Google Home sein Bett verstellen, den Fernseher anschalten, Anrufe tätigen.

Das klingt jetzt naheliegend – aber es geht auch andersherum. Spannend fand ich den Case mit Alzheimer-Patienten. Sie können nämlich 30 Mal am Tag ihren Smartspeaker fragen, wie denn nochmal ihr Ehemann heißt – ohne dass Alexa jemals genervt wäre. Solche emotional sehr belastende Arbeit von den Caretakern abzunehmen, schafft Freiraum für Dinge, für die man sie eigentlich braucht: liebevolle Zuwendung.

Für mich war das wieder ein Beispiel, wie viel Gutes Technologie auch bewirken kann – und in was für einer fantastischen Zeit wir uns gerade befinden, dass wir das alles erfinden können.

Übertragen auf Journalismus und Medien: Voice ist ein wahnsinnig inklusives Medium, das jedes Kleinkind nutzen kann, sobald es sprechen kann. Die besten Produkte entstehen aber vor allem dann, je spezifischer man es auf die Bedürfnisse einer speziellen Zielgruppe ausrichtet. Das wird eine ganz neue Herausforderung in Sachen Produktentwicklung (und vielleicht auch eine spannende Tech-Challenge?).

Next Level Diversity

Spottet first by Jim vom Mediennetzwerk Bayern und dann ausprobiert von Mustafa von Kerngedanke: die künstliche Brust für Männer. Damit können jetzt auch Väter ihre Babies stillen. 👍oder 👎? Ich bin noch unschlüssig. 😅

🚀#StartupLearning

Bernhard und Julia von Kontextlab haben sich auf der SXSW damit beschäftigt, wie man Wissen verständlich vermitteln kann. Dabei ist insbesondere der Kontext von Informationseinheiten entscheidend – andernfalls endet man mit der „The Blind Men and the Elephant“-Parabel. Das Projekt „Migration Trails“ zeigt Informationen auf digitalen Maps und sagt: Leser schätzen den interaktiven Ansatz, fühlen sich emotional verbunden, geben Feedback und sind überdurchschnittlich lang auf den Karten unterwegs. Eine spannende Bestätigung, das hat Kontextlab bei ihrem eigenen Produkt nämlich schon ganz ähnlich festgestellt.

💥 #MustSeeInAustin

Das LG Haus soll laut Thomas Knüwer toll sein, und gestern habe ich gesehen, dass auch Bumble, die feministische Tinder-Version, ein eigenes Haus hat. Heute habe ich es nicht zur Häuser-Tour geschafft, steht also immer noch auf der Liste für morgen.

Unsere Favourite Sessions für Dienstag

09:30-10:30 Uhr: Did a Robot Write Your News? Automatisierter Journalismus wird bald Einzug in die Newsrooms der Welt halten, wenn auch wohl eher als Unterstützung für Journalisten und nicht in Form eines komplett automatischen Autors. Welchen Einfluss wird das auf Journalisten haben? Und wie können Journalisten mit AI gegen ebenfalls AI-gestützte Falschinformationen vorgehen?

9:30-11:30 Uhr: The Science Of Brand-Building Stories. Eine erfolgreiche Marke braucht eine erfolgreiche Geschichte, die hinter jener steht und ihre Motivation und Haltung erklärt. Welche Psychologischen Aspekte dabei eine Rolle spielen und wie man sein Publikum mit diesen Geschichten erreicht, erklären zwei Experten in diesem Workshop.

11:00-12:00 Uhr: Easy to Fool? Journalism in the Age of Deepfakes. Ein weiteres mit Poynter Institute, Washington Post und Knight Foundation hochkarätig besetztes Panel zum Thema Falschinformationen und Deepfakes. Dieses Mal geht es jedoch weniger um die Technik, sondern um die Vertrauenskrise: Wenn alles falsch sein könnte, wer vertraut dann noch Journalisten? Und was können Journalisten gegen die Verbreitung von solchen Fälschungen unternehmen?

11:00-12:00 Uhr: Building an In-House Design Powerhouse. In vielen (Medien-)Unternehmen stellt sich die Frage, wie man das eigene Design angemessen digital und innovativ gestalten kann. Gerade für große und damit schwerfällige Unternehmen ist das ein Problem. Stephen Gates leitet die Design Transformation der Produktdesignfirma Invision und wird in seiner Session berichten, wie Firmen ihr Design inhouse auf Zack bringen können.

11:00-12:00 Uhr: Digital Transformation, AI and an Innovation Mindset. AI einzusetzen ist gerade en vouge  –  um das aber erfolgreich zu tun, braucht es die richtige Innovationskultur, Nutzerorientiertung und Technologie. Sandy Carter, Vizepräsident von Amazon Web Services, will ihren Zuhörern in dieser Session erklären, wie ein Umfeld aussieht, in dem Machine Learning erfolgreich eingesetzt werden kann.

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