Porträt

ExB Labs: Dieses deutsche Unternehmen will es mit IBMs Watson aufnehmen

(Bild: Shutterstock)

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Eine Münchner Firma hat eine intelligente Spracherkennung gebaut, die Medizinern in einem ersten Schritt bei der Diagnose helfen soll. Die Vision von ExB Labs ist aber viel größer. 

Mit seinem größten Erfolg durfte Ramin Assadollahi lange nicht werben. Der deutsche Gründer entwickelte vor rund 15 Jahren ein System, das die Wortvervollständigung vereinfachen sollte: die sogenannte Next-Word-Prediction. Er meldete ein Patent an, im Jahr 2010 verkaufte er seine Idee an Nokia. Doch eine Bedingung des Deals: Er durfte nicht darüber sprechen – obwohl seine Erfindung auf Millionen von Smartphones genutzt wurde und wird. Das sei schon schwierig gewesen, sagt Assadollahi im Gespräch mit t3n.

Mittlerweile hat sich das geändert, Nokia hob den Schweigebann 2014 auf. Heute vermerkt auch Wikipedia Assadollahi als Urheber. Mit dem Geld aus dem Verkauf – und dem Ruhm im Rücken – treibt der studierte Computerlinguist nun sein nächstes Projekt mit seinem Unternehmen ExB Labs voran: Er hat ein System basierend auf künstlicher Intelligenz gebaut, das Texte „verstehen“ soll. Damit will er nicht zuletzt IBMs Watson Konkurrenz machen.

Assadollahi will mit seiner „Cognitive Workbench“, also übersetzt einer kognitiven Werkbank, systematisch Licht in das ständig wachsende Dickicht wissenschaftlicher Arbeiten bringen. Wie schwierig das ist, zeigt schon der Versuch, eine Anzahl an jährlich publizierten Artikel zu verifizieren. Ein Report geht davon aus, dass jährlich 2,5 Millionen Texte veröffentlicht werden. Andere Wissenschaftler glauben, dass sich die Zahl der publizierten Artikel alle neun Jahre verdoppelt. ExB Labs soll es möglich machen, all diese Arbeiten zu durchforsten – mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI).

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ExB Labs will Medizinern bei der Diagnose helfen

Im ersten Schritt konzentriert sich die KI von ExB Labs auf medizinische Fachartikel. Assadollahi hat selbst einige Jahre in der Hirnforschung gearbeitet. Nichts könne Sprache bisher besser verarbeiten als das menschliche Gehirn, sagt er. Mit seinem im Februar veröffentlichten Produkt will er dem menschlichen System nun nahe kommen. Aus den unstrukturierten Daten in Texten soll es strukturierte machen. Dafür setzt er auf kognitives Computing und Natural-Language-Processing.

„Nicht jeder Mensch versteht jeden Artikel gleich“, sagt Assadollahi im Gespräch auf der Cebit. Deswegen soll auch die KI Schwerpunkte setzen können. So soll sie beispielsweise erkennen, wann in einem Fachartikel ein Protein gemeint ist und wann ein Gen. Sie soll auch Zahlen erkennen können, die nicht explizit ausgeschrieben wurden. Wenn die Zeitangabe beispielsweise „Samstagnachmittag“ lautet, dann soll das System das Datum nennen können. „Wir können die Abkürzungen mit unserem System in Konzepte übersetzen“, so Assadollahi.

  „Ich maße mir nicht an, dass unsere KI Menschen ersetzen kann.“

Für Wissenschaftler, Forscher und Experten soll die Suche nach bestimmten Informationen dadurch einfacher werden. Erfinder Assadollahi spricht von einem „Knowledge Graph“. Ähnlich wie auf Facebook, wo Nutzer nach Freunden suchen können, die in derselben Stadt wohnen und dieselbe Band geliked haben, sollen Mediziner die KI nutzen können. „Wenn ich zu einer bestimmten Krankheit forschen will, dann interessiert mich vielleicht, welche Wirkstoffe schon ausprobiert wurden, welche gewirkt haben und wie geforscht wurde“, sagt Assadollahi. Mit seinem System soll es möglich sein, diese Antworten zu finden, ohne jeden einzelnen Artikel durchsuchen zu müssen. Auch die Namenssuche soll dank Name-Entity-Recognition möglich sein.

Auch wenn sich seine Software-as-a-Service-Lösung auf wissenschaftliche Arbeit stützt, will Assadollahi sie vorerst an Unternehmen verkaufen und nicht an Forschungseinrichtungen. „Wir können dem System verschiedene Wortklassen beibringen“, so der Gründer. Es könne an bestehende Datenbestände angeschlossen werden und beispielsweise interne Firmencodes auslesen. Dafür müsse man – anders als bei Konkurrent IBM – keine individualisierte Lösung für „zehn bis 15 Millionen Euro“ entwickeln lassen, erklärt Assadollahi. Firmen können das System laut ExB Labs erst einmal ausprobieren und für einzelne Arbeitsplätze Lizenzen erwerben. „Unser System bleibt unsichtbar.“

Ramin Assadollahi ist Gründer von ExB Labs. (Foto: ExB Labs)

Für Deep Learning nutzt ExB Labs eine Mischung aus eigener Software, Tensorflow und Keras. Viele Komponenten habe man selbst implementiert, weil man gerade für Text mehr Machine-Learning-Komponenten brauche als etwa für Bilder und die aktuelle Technologie in dem Bereich noch nicht so weit sei, erklärt Assadollahi. ExB Labs integriert die Firmenbestände über Importer wie Oracle, Sharepoint oder andere Datenbanken, die an das System angeschlossen werden können.

Einen ersten Abnehmer hat das Unternehmen bereits gefunden: Mit einem im TecDax notierten Medizinkonzern steht ExB Labs kurz vor Vertragsabschluss. Schon bald will das Münchner Unternehmen auch neue Bereiche abseits der Medizin erschließen. Man befinde sich gerade im „Skalierungsprozess“, sagt Assadollahi. Interessiert an dem System zeige sich etwa die Automobilindustrie. Auch beim Thema Recht könnten laut dem Gründer gut strukturierte Daten helfen. Der Preis richtet sich an die Anzahl der User im Jahr. Die „preislichen Dimensionen“ seien sehr unterschiedlich. „Große Pharmakonzerne kaufen natürlich wesentlich mehr Lizenzen für mehr Mitarbeiter ein als kleinere Unternehmen“, sagt der Gründer. Als Richtwert gibt er etwa 100.000 Euro pro Lizenz an.

Dass er mit seinem System Arbeitsplätze gefährdet, glaubt Ramin Assadollahi nicht. „Ich maße mir nicht an, dass unsere KI Menschen ersetzen kann“, sagt er gegenüber t3n. Er versteht sie eher als Ergänzung: So könne die Lösung etwa Vorarbeit für eine Diagnose leisten und dem Arzt Arbeit abnehmen. Auch IBMs Watson hat sich in diesem Bereich bereits bewährt. 2016 machte das System Schlagzeilen, weil es binnen zehn Minuten eine rare Form von Leukämie erkannte. Solch ein Diagnosesystem will Assadollahi nicht bauen. „Die Diagnose soll der Mensch lieber selber stellen. Deep Learning ist kein Zauberstab, sondern eine Werkzeugkiste.“

Spricht man ihn auf die großen Konkurrenten IBM und das deutsche Unternehmen Arago an, bleibt der 43-Jährige gelassen. IBM spreche ausschließlich große Kunden an. Mit ExB Labs könnten Firmen hingegen erst einmal ausprobieren, was ihnen eine künstliche Intelligenz bringe, so Assadollahi. Vom innerländischen Konkurrenten Arago will sich der Gründer durch andere Funktionen absetzen. Ob der Unternehmer den beiden Wettbewerbern wirklich gefährlich werden kann? Das wird sich auch daran zeigen, welchen Stand die künstliche Intelligenz in den kommenden Jahren überhaupt erreicht. Schließlich gab es auch schon vor 50 Jahren mal einen Hype um selbstlernende Maschinen. Er flachte allerdings auch wieder ab.

Fasziniert von der Sprachverarbeitung

Dass er sich heute mit künstlicher Intelligenz beschäftigt, liegt auch an Assadollahis Werdegang. Das Thema Sprache packte Assadollahi schon im Studium. An der Universität Stuttgart beschäftigte er sich mit Sprachverarbeitung, später mit Neurowissenschaften. Bevor er sein eigenes Unternehmen gründete, promovierte er über die visuelle Erkennung von Sprache. „Mich hat künstliche Intelligenz schon früh interessiert“, sagt Assadollahi. „Aber ich habe wenig von den Systemen aus den 1960er Jahren gehalten, die auf Regeln basierten.“ Sprache sei so komplex, dass man sie nicht in Wenn-Dann-Kategorien stecken könne. Mit ExB Labs versuchte er sich an verschiedenen anderen Varianten – und kam so schließlich auf die Idee des Next-Word-Prediction-Systems Predict.

Durch den Verkauf hat er sich neue Freiheiten geschaffen. Mit dem Geld erwarb er die Leipziger Firma, die die Texteingabe für ihn ursprünglich programmierte. ExB Labs beschäftigt heute 50 Mitarbeiter, zehn in München und 40 in Leipzig. Zwischenzeitlich hat ExB Labs auch eine E-Mail-App namens Mailbe gebaut, die das digitale Postfach organisieren sollte (t3n berichtete). Die gibt es mittlerweile aber nicht mehr. Die kognitive Werkbank soll mehr Erfolg einbringen – denn Assadollahi hat große Pläne.

 „Das ist unmodern, aber ich bin nicht die Art von Unternehmer, die verkauft.“

Er müsse nicht mehr arbeiten, sagt der Gründer. Aber er träume davon, einen Softwarekonzern in Deutschland aufzubauen – und zwar einen nachhaltigen. „Ich will nicht so groß werden wie SAP“, so der Gründer, „aber es wäre schön, wenn wir ein weiteres Software-Unternehmen so groß machen, dass man es wie SAP in der ganzen Welt kennt.“

Ein Verkauf seiner Firma steht deshalb nicht im Fokus von Assadollahi. „Das ist unmodern, aber ich bin nicht die Art von Unternehmer, der sein Unternehmen verkauft.“ Seine Investoren, Burda und Ex-O2-Chef René Schuster, seien auf einen Marathonlauf vorbereitet.

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