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Festanstellung oder Freelancing: Welcher Typ IT-ler bist du?

(Quelle: Shutterstock / Sfio Cracho)

IT-Experten sind aufgrund des Fachkräftemangels sehr gefragt. Es stellt sich daher nicht die Frage, ob sie einen Job finden, sondern vielmehr welches Beschäftigungsmodell für sie das richtige ist: Festanstellung oder Selbstständigkeit?

Aufgrund der schnell voranschreitenden Digitalisierung herrscht in allen Bereichen der IT akute Personalnot. Laut einer Bitkom-Umfrage summierten sich die offenen IT-Jobs im Dezember 2018 auf 82.000, ein Anstieg von fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für IT-Fachkräfte ist diese Situation mehr als komfortabel. Sie können nahezu frei entscheiden, auf welchen Themen und wo sie arbeiten wollen.

Für viele IT-Fachkräfte, die aktuell ins Berufsleben einsteigen, ist die dauerhafte Bindung an einen einzelnen Arbeitgeber nicht länger erstrebenswert. Der Wunsch nach Flexibilität und anspruchsvollen, abwechslungsreichen Projekte steigt. Welche Projekte will ich umsetzen? Wie, wann und wo kann ich arbeiten? Wann kann ich mich neuen technischen Herausforderungen stellen? Wer Antworten auf Fragen dieser Art verstärkt selbst geben will, für den mag der Schritt in die Selbstständigkeit der richtige sein.

Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten Entscheidungskriterien bei der Frage, ob man eine IT-Karriere als Angestellter oder Freelancer verfolgen will.

1. Einzelkämpfer mit voller Verantwortung oder Teamplayer mit geteilter Verantwortung?

Als Freelancer trägt man selbst die Verantwortung dafür, Projektinhalte und Vorgehensweise so zu strukturieren, dass man selbstständig an das mit dem Kunden vereinbarte Ziel kommt. Für viele ist es diese Selbstbestimmung, die den Job als Freelancer so interessant macht. Auch beim Thema Weiterbildung kommt es stärker auf Eigeninitiative an: Gerade für Informatiker ist es aufgrund des hohen Innovationstempos enorm wichtig, sich stetig neue Fähigkeiten anzutrainieren. Um das fachliche Know-how auf dem aktuellen Stand zu halten, sind Weiterbildungsmaßnahmen deshalb essenziell. Nach geeigneten Foren zur Weiterbildung muss sich der Freelancer selbst umsehen und auch die Kosten trägt er selbst.

Demgegenüber bietet die Festanstellung grundsätzlich ein Mehr an vordefinierten Rahmenbedingungen – für viele ist das eine hilfreiche Orientierung. Als Teil eines größeren Unternehmens kann man von bewährten Best Practices profitieren. Das Angestelltenverhältnis bietet zudem den Vorteil von Vorgesetzten und erfahrenen Kollegen lernen zu können. So geben Vorgesetzte oft die Richtung und Arbeitsschritte vor, was gerade für weniger erfahrene IT-Fachkräfte eine hilfreiche Unterstützung sein kann. Darüber hinaus sollte es im Interesse der Vorgesetzten liegen, die Weiterbildung der Mitarbeiter finanziell zu fördern. Auch um das nächste Projekt muss sich der Angestellte keine Gedanken machen, während ein Freelancer für die Akquise neuer Aufgaben selbst verantwortlich ist.

2. Kontinuität oder kontinuierlicher Wechsel?

IT-Freelancer schätzen insbesondere die inhaltliche Abwechslung, die mit ständig neuen Projekten einhergeht. Jedes Projekt erfordert andere Tech-Stacks (wie Programmiersprachen oder -frameworks) und stellt den Freelancer kontinuierlich vor neue Herausforderungen. Auch die Kunden kann ein Freelancer selbst auswählen: Inhaltliche und thematische Abwechslung ist somit garantiert. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass sich der Freelancer immer wieder mit neuen Gegebenheiten, neuen Produkten und neuen Tools vertraut machen muss.

Im Gegensatz dazu bietet eine Festanstellung mehr inhaltliche Kontinuität. Als Angestellter begleitet man Themen über einen längeren Zeitraum, also über die verschiedenen Projektphasen hinweg. So kann man sich inhaltlich tiefer in Themen einarbeiten und sie gegebenenfalls vom MVP bis hin zur Skalierung und Maintenance begleiten.

3. Fließender Übergang oder klare Trennung von Arbeits- und Freizeit?

Neben der inhaltlichen Abwechslung ist auch räumliche und zeitliche Flexibilität für viele Freelancer ein wichtiger Pluspunkt. So können freiberufliche IT-Experten großteils selbst entscheiden, ob sie im Homeoffice, beim Auftraggeber oder im Coworking-Space arbeiten. Die Arbeitszeiten lassen sich, bis auf wenige Kundentermine, ebenfalls frei einteilen.

Anders ist die Situation bei Festangestellten. Als Arbeitsort dominiert trotz deutlich flexiblerer Arbeitsmodelle als noch vor zehn Jahren oft das Büro des Arbeitgebers – teilweise begleitet von ein paar Tagen Homeoffice im Monat. Ebenso ist meistens festgelegt, innerhalb welcher Zeiträume der IT-Angestellte zu arbeiten hat – je nach Unternehmen mehr oder weniger strikt. Volle Flexibilität hinsichtlich der zu leistenden Stunden gibt es bei Großunternehmen dagegen kaum.

Welches Modell für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sorgt, wird kontrovers diskutiert. Viele Freelancer betonen, sie könnten wesentlich spontaner auf private Bedürfnisse reagieren. Besonders bei Familien mit Kindern kann das von Vorteil sein. Angestellte argumentieren hingegen, dass festgelegte Zeiten für Routine sorgen und ein bestimmtes Maß an Freizeit sichern. Damit wären wir bei der Frage: Wie viele Wochenstunden arbeiten IT-Freiberufler tatsächlich?

Bei Angestellten beträgt die Arbeitszeit meist 35 bis 40 Stunden pro Woche, der Urlaub in etwa 30 Tage pro Jahr. Freiberufler haben hingegen den Ruf, wesentlich mehr zu arbeiten. Legen wir verschiedene Studien übereinander, zeigt sich jedoch, dass sich dieses Vorurteil nicht pauschal bestätigen lässt. Natürlich existieren Ausreißer, im Durchschnitt bringen es IT-Freelancer jedoch ebenfalls auf etwa 41 Wochenstunden. Ein nicht unerheblicher Teil davon entfällt allerdings auf fachfremde Tätigkeiten wie Akquise, Verhandlungen, Networking, Buchhaltung, Reisemanagement und Korrespondenz.

4. Geregelte Einkünfte oder leistungsbasierte Umsätze?

Auch die Einkünfte spielen selbstverständlich eine wichtige Rolle. Das Wichtigste vorab: Fachkräfte beider Gruppen haben hervorragende Verdienstmöglichkeiten. Dennoch existieren gravierende Unterschiede zwischen den beiden Einkommensmodellen.

Angestellte IT-ler erhalten ein vertraglich zugesichertes Gehalt. Hinzu kommen bestimmte Benefits wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld oder leistungsbezogene Prämien. Abhängig von Berufserfahrung, Karrierestufe und Qualifikation kommen auf diese Weise Bruttojahresgehälter im Bereich von 40.000 bis 110.000 Euro zustande. Davon abzuziehen sind Sozialversicherungsbeiträge und Steuern.

IT-Freelancer verdienen im Schnitt 83 Euro pro Stunde. In der Spitze werden Stundensätze von bis zu 130 Euro erzielt. Was zunächst beeindruckend klingen mag, hat jedoch auch eine Kehrseite. So ist zunächst zu berücksichtigen, dass pro Jahr jeweils ein Monat für Urlaub und ein Monat für Weiterbildungen eingeplant werden sollte. Als Vergütungsbasis können also maximal zehn Monate herangezogen werden. Zudem tragen Selbstständige ihre Beiträge zur Renten- und Krankenversicherung komplett selbst. Nicht zuletzt müssen folgende Kosten vom Gewinn abgezogen werden:

  • IT- und Büroausstattung
  • Weiterbildungen
  • Versicherungen
  • Marketing
  • Reisen
  • sofern benötigt: Fahrzeug

Auch das Risiko von Leerlaufzeiten sollte bei der Kalkulation Berücksichtigung finden.

Trotz dieser Umstände gilt: Freelancer mit langjähriger Erfahrung und gefragten Skills (etwa im Markt nachgefragte Programmiersprachen) können in der Nettobetrachtung in der Regel ein etwas höheres Einkommen erzielen als Angestellte – insbesondere bei der aktuell zu beobachtenden hohen Auslastung im Markt.

Fazit: Wahl zwischen Flexibilität und Sicherheit

Wer Sicherheit, die langfristige Begleitung von Themen sowie ein festes Einkommen bevorzugt, dem wird womöglich die Festanstellung besser liegen. Wer dagegen mit begrenzter finanzieller wie inhaltlicher Planbarkeit leben kann, der hat gute Chancen, die Selbstständigkeit als ein Stück Freiheit zu empfinden. Sie oder er wird dafür mit Abwechslung, hoher Eigenverantwortung und einem überdurchschnittlichen Verdienst belohnt. Im Übrigen muss es dafür nicht immer der Sprung ins kalte Wasser sein – eine Selbstständigkeit lässt sich auch im Nebenberuf aufbauen.

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Ein Kommentar
Stefan
Stefan

„Trotz dieser Umstände gilt: Freelancer mit langjähriger Erfahrung und gefragten Skills (etwa im Markt nachgefragte Programmiersprachen) können in der Nettobetrachtung in der Regel ein etwas höheres Einkommen erzielen als Angestellte – insbesondere bei der aktuell zu beobachtenden hohen Auslastung im Markt.“

Die Formulierung ist sehr höflich – „ein etwas höheres Einkommen“ ist stark untertrieben. Ein golem-Artikel spricht vom doppelten Einkommen (netto!), in Österreich betrachte ich das beim Vergleich der Freelancer-Kollegen und Angestellten-Kollegen ebenfalls, wenn auch nicht gar so drastisch. Ich würde sagen, dass in meinem Bekanntenkreis Freelancer 50% – 75% mehr netto übrig bleibt, bei etwa 10% – 20% mehr Arbeitszeit.

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