Kolumne

Die Finanzierungslüge: Was die Bundesregierung jetzt für Startups tun muss

Gründer bekommen genug in der Frühphase? Ein Lüge. (Foto: Berlin Factory)

Entgegen vieler Behauptungen mangelt es deutschen Startups vor allem in der Gründungsphase an Kapital. Daran trägt die Bundesregierung eine Mitschuld, sagt t3n-Kolumnist Florian Nöll. Dabei könnten schon fünf einfache Maßnahmen Abhilfe schaffen.

Seit Jahren spielen wir das gleiche Tonband ab: In der Gründungsphase ist in Deutschland genug Kapital für Startups vorhanden. Die sich anschließende Wachstumsphase ist das Tal des Todes. Wer dieses Tal überlebt und zehn Millionen Euro und mehr für das Wachstum seines Startups sucht, findet das Geld bei internationalen Investoren. Diese Einordnung ist heute breiter Konsens. Diese Formulierung findet sich in Zeitungsartikeln und Bundestagsreden.

Doch diese Sichtweise ist nur ein Teil der Wahrheit. Auch heute noch scheitern junge Gründer an der ersten Finanzierungsrunde und haben keine Chance, in Wachstumsphasen zu gelangen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist der deutsche Wagniskapitalmarkt im Jahr 2019 immer noch ein Scherbenhaufen. Warum?

Der Deutsche Startup-Monitor zeigt, dass 40 Prozent der Startups eine Finanzierung durch Wagniskapital anstreben, aber bisher nur 15 Prozent erfolgreich VC-Gelder einsammeln konnten. Während es Gründerteams in Hotspots wie Berlin, München oder Hamburg leichter haben, ist es für alle anderen schwerer. Für Geschäftsmodelle im Deeptech, die sehr kapitalintensiv sind, ist die Anschubfinanzierung eine Tortour. Das bedeutet, dass wir als Nation unsere Gründer ausgerechnet in den technologisch anspruchsvollen Bereichen im Stich lassen.

Ein Business Angel namens Vater Staat

70 Prozent der Frühphasen-Investments kommen aus der öffentlichen Hand. Bund und Länder investieren direkt über Hightech-Gründerfonds, Coparion und die Landesbanken in Startups. Dazu kommen die indirekten Geldspritzen für Venture Capital Fonds durch die KfW und deutsches Geld im European Investment Fund. In der Summe steckt alleine der Bund jährlich rund 500 Millionen Euro in unsere Startups. Geld, das insbesondere in der Frühphase ankommt. Das ist kein Beweis für eine attraktive Finanzierungslandschaft, sondern zeigt vielmehr, wo der Staat einspringt und Löcher stopft.

So wie er es macht, ist es ein Fass ohne Boden. Solange das Risiko groß ist, dass selbst ein gutes Startup keine Wachstumsfinanzierung erhält, und solange die Exitszenarien derart begrenzt sind, werden kaum mehr Geldgeber die großen Risiken in der Frühphase eingehen wollen. Ein unzuverlässiges Marktumfeld macht Wagniskapitalinvestitionen zum Glückspiel. An diesem unzuverlässigen Marktumfeld ist der Gesetzgeber mit Blick auf die schlechte Regulierung in Deutschland und Europa mindestens mitverantwortlich.

Um die deutsche Startup-Wirtschaft zu stärken und für den internationalen Wettbewerb zu rüsten, muss die Bundesregierung jetzt handeln. Erstens muss der Finanzierungskreislauf geschlossen werden. Von der Idee bis zum Börsengang darf kein funktionierendes Startup mehr in Finanzierungsschwierigkeiten geraten. Dazu bedarf es regulatorischer Weichenstellungen und einer Startup-Politik aus einem Guss. Und zweitens ist, um dieses Ziel zu erreichen, eine Aufstockung der staatlichen Investitionen in Wagniskapital unumgänglich. Letzteres klingt zunächst paradox angesichts der schon heute hohen Staatsquote in der Frühphase. Aber genauso wie es richtig war, dass die Politik vor 15 Jahren eben in dieser Frühphase das Marktversagen ausgeglichen hat, so muss sie es jetzt energisch noch einmal tun.

Eine Verdopplung des jährlichen staatlichen Investitionsbetrags auf eine Milliarde Euro würde mit privaten Investitionen von 4,5 Milliarden Euro pro Jahr einhergehen, weil für jeden vom Staat bereitgestellten Euro das drei- bis vierfache dieses Betrags durch private Geldgeber investiert werden muss. In Kombination mit dem stetig wachsenden Investitionsvolumen in Startups (2018: 4,6 Milliarden Euro), getragen insbesondere durch ausländische Investoren, würde sich auch das jährliche Gesamtinvestitionsvolumen für die Finanzierung von deutschen Startups auf mehr als neun Milliarden Euro verdoppeln.

Diese Maßnahmen machen Deutschland zur europäischen Startup-Nation

  • Wir wissen schon lange, warum die USA das vielfache an Venture Capital zur Verfügung haben. Indem wir einen nationalen Digitalfonds gründen, zapfen wir endlich dieselben Kapitalquellen an, ohne dass dafür die Anpassung der europäischen Regulierung notwendig ist: Ein staatlich kontrollierter Dachfonds speist sich aus den Einlagen von Versicherungen und anderen institutionellen Anlegern und investiert in private Wagniskapitalfonds. Der Staat zahlt selbst zwei Mrd. Euro ein und reduziert somit das Risiko der privaten Investoren, die insgesamt acht Mrd. Euro investieren. Damit stellt dieser Dachfonds dem Startup-Ökosystem über die nächsten Jahre ein Gesamtvolumen von 10 Milliarden Euro zur Verfügung. Die zwei Milliarden Euro muss die Bundesregierung nicht aus Steuermitteln investieren. So hat beispielsweise der sogenannte Atomfonds, der die langfristige Finanzierung der Endlagerung des deutschen Atommülls sicherstellen soll, erst einen Bruchteil seiner 24 Mrd. Euro angelegt.
  • Die KfW stellte im Rahmen des ERP-Venture-Capital-Fondsinvestments bislang 400 Millionen Euro für ausgewählte Wagniskapitalfonds bereit. Durch eine Verdopplung dieses Betrags auf 800 Millionen Euro wird es möglich sein, in den nächsten vier Jahren Wagniskapitalfonds mit einem Gesamtvolumen von mehr als vier Milliarden Euro für die Finanzierung von technologieorientierten Startups und jungen, innovativen Unternehmen zu initiieren. Die aktuelle Deckelung der einzelnen Investment-Tickets der KfW von 20 Millionen Euro sollte erhöht werden, um das Entstehen finanzstärkerer Venture-Capital-Fonds für die Wachstums- und Spätphase zu ermöglichen.
  • Um das Engagement für Startups in der Gründungsphase zu unterstützen, werden im Rahmen von Invest finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Betrug das Fördervolumen bislang rund 300 Millionen Euro, ist eine Erhöhung der Investitionszuschüsse auf 800 Millionen Euro für die kommenden vier Jahre zu empfehlen. Da die INVEST-Förderung einen Zuschuss in Höhe von 20 Prozent der Investitionssumme darstellt, können auf diesem Weg vier Milliarden Euro gehebelt werden. Nach aktuellem Stand können nur Business Angels diese Förderung erhalten. In Zukunft sollte das Instrument auch für Corporate Venture Capital von Mittelstand und Familienunternehmen geöffnet werden. Damit leistet die Bundesregierung gleichzeitig ein Beitrag zur Digitalen Transformation der deutschen Wirtschaft.
  • Darüber hinaus sollte die Förderung im Rahmen des Exist auf 400 Millionen Euro verdoppelt werden. Das Gründerstipendium unterstützt Studierende, Absolventen und Wissenschaftler und ist damit ein Garant für High-Tech-Gründungen. In Verbindung mit den vorgenannten Maßnahmen ist es in Zukunft möglich, High-Tech-Gründungen von der Hochschule bis zum Börsengang mit ausreichendem Kapital auszustatten. Die erst kürzlich aufgesetzten oder aufgestockten Förderinstrumente Coparion und der Hightech-Gründerfonds sollen natürlich ebenso fortgesetzt werden wie das Engagement im European Investment Fonds.
  • Last but not least braucht es endlich einen neuen Rechtsrahmen für Mitarbeiterbeteiligungen. Aktuell fehlt unseren Startups dieses attraktive Werkzeug im Wettbewerb um die besten Talente. Mit Blick auf den Finanzierungskreislauf sind Mitarbeiterbeteiligungen zudem das letzte Verbindungsstück. Sie machen Mitarbeiter von heute zu Gründern und Business Angels von morgen.

Bei diesen Maßnahmen ist zu beachten, dass es sich mit Ausnahme von Exist um Geld handelt, das der Gesetzgeber investiert. Auf Basis der positiven Erfahrungen mit Hightech-Gründerfonds und EIF kann davon ausgegangen werden, dass das investierte Kapital binnen 15 Jahren wieder zurückfließt.

„Bis 2025 soll es in Frankreich 25 Unicorns geben“ hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron jüngst als Ziel ausgegeben. Dazu hat er verkündet, institutionelle Investoren davon überzeugt zu haben, in den nächsten drei Jahren insgesamt fünf Milliarden Euro in Startups zu investieren. Die Bundesregierung muss endlich mit derselben Energie, die unsere Gründerinnen und Gründer Tag für Tag beweisen, die notwendigen Maßnahmen umsetzen. Versprochen hat sie es längst.

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Ein Kommentar
dennis
dennis

Und warum soll der Staat, und damit meine ich am Ende der Steuerzahler, ein Startup finanzieren? Was hat der Staat oder der Bürger davon? Die meisten Startups gehen auch noch pleite, da hat am Ende niemand etwas davon. Der Staat macht das schon richtig und unterstützt all die Fluftschlosser nicht. Richtig so!

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