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Interview
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Headspace-CEO Russell Glass: „Mentale Gesundheit muss wie Zähneputzen werden“

Headspace Health will durch neue Technologien die Welt zu einem achtsameren Ort machen. Im Interview erzählt der CEO Russell Glass, wie er das schaffen will, und warum er kürzlich das KI-Startup Sayana gekauft hat.

Von Insa Schniedermeier
9 Min. Lesezeit
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Headspace CEO Russell Glass. (Bild: Headspace)

Russell Glass ist der CEO von Headspace Health, das im Oktober durch einen Merger der beiden Health-Tech-Unternehmen Headspace und Ginger entstand. Glass hatte zuvor Ginger geleitet. Bevor Glass in den Gesundheitsbereich kam, gründete er unter anderem das Startup Bizo, eine B2B-Marketing- und Datenplattform, die er 2014 an Linkedin verkaufte. Zudem ist er der Co-Autor von ​​The Big Data-Driven Business und des Kinderbuchs Voting with a Porpoise. Für das Interview erreichen wir Glass über Zoom in seinem Homeoffice in Menlo Park, Kalifornien. 

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t3n: Herr Glass, Sie sind nicht nur der CEO von Headspace Health, sondern auch Serial Entrepreneur, Buchautor und Aufsichtsratsmitglied verschiedener Unternehmen. Wie schaffen Sie das alles? 

Russel Glass: Ich habe mich schon immer dafür interessiert, Probleme zu lösen, das habe ich von meinem Vater. Deswegen bin ich Unternehmer geworden. Inzwischen mache ich das schon sehr lange. Nachdem ich viele Jahre in erster Linie an meine Karriere gedacht habe, ist es mir inzwischen gelungen, ein Gleichgewicht zu finden zwischen meinem Privatleben und meinem Beruf. Dadurch mache ich jeden Tag etwas, das ich liebe: Einerseits konzentriere ich mich auf die Mission, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, andererseits kann ich aber auch abschalten und mich auf meine Familie und die Dinge außerhalb der Arbeit konzentrieren.

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Wie haben Sie diese Balance gefunden?

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Nachdem ich mehrere Unternehmen gegründet hatte, manche erfolgreich, manche weniger erfolgreich, konnte ich mein letztes Startup 2014 an Linkedin verkaufen. Danach habe ich eine Zeit lang für Linkedin gearbeitet. Als ich Linkedin 2017 verließ, wollte ich mich für eine Zeit auf die Familie konzentrieren. Ich habe drei Töchter, und mir wurde klar, dass ich in der Vergangenheit nicht genug Zeit mit ihnen verbracht hatte. So habe ich über ein Jahr damit verbracht, einfach nur Vater zu sein, meine Kinder von der Schule abzuholen, zu kochen und sie als kleine Menschen kennenzulernen.

Doch während dieser Auszeit wurde mir auch klar, dass ich zurück ins Berufsleben wollte, ich war noch nicht bereit für den Ruhestand. Ich wollte weiter Probleme lösen. Aber ich wollte auch nicht die Verbindung verlieren, die ich zu meinen Kindern aufgebaut hatte. Als ich wieder zur Arbeit ging und CEO bei Ginger wurde, schuf ich mir ein Umfeld, in dem ich beides tun konnte. 

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Glauben Sie, dass es ein Trend ist, dass immer mehr Unternehmer:innen und Gründer:innen nach einer gesunden Work-Life-Balance streben?

Ja, ich denke, es ist ein Trend, wobei die Vereinigten Staaten meiner Meinung nach noch weit hinter Europa zurückbleiben, auch wenn sie zunehmend die Bedeutung einer gesunden Balance erkennen.

Hat Ihrer Meinung nach auch die Pandemie dazu beigetragen, dass sich die Menschen mehr um Balance und ihre mentale Gesundheit bemühen?

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Es besteht kein Zweifel daran, dass die Pandemie gezeigt hat, wie wichtig – und fragil – die mentale Gesundheit ist. Man sieht es an den Zahlen. Vor der Pandemie schätzte die Weltgesundheitsorganisation, dass etwa 20 Prozent der Bevölkerung von mentalen Problemen auf klinischem Niveau betroffen waren. Also klinische Angstzustände, Depressionen oder andere psychische Probleme. Schätzungen zufolge hat sich diese Zahl in den letzten zwei Jahren verdoppelt. Heute sind es also 40 Prozent der Bevölkerung, die unter klinischen Angstzuständen oder Depressionen leiden. Bei den unter 25-Jährigen sind es sogar 60 Prozent – also mehr als jede:r Zweite! Und das aus gutem Grund.

Die Pandemie ist ein perfekter Nährboden für psychische Gesundheitsprobleme.

Die soziale Isolation, die wirtschaftliche Ungewissheit, die Sorge, krank zu werden, oder dass Familienmitglieder krank werden – all diese Dinge führen in Kombination zu einem unglaublichen Druck auf die psychische Gesundheit.

Wie wollen Sie mit Headspace zu mehr Balance und mentaler Gesundheit beitragen?

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Wir wollen dafür sorgen, dass Menschen frühzeitig anfangen, über ihre psychische Gesundheit nachzudenken und sich um sie zu kümmern, damit sie sich auf die Zeiten im Leben vorbereiten können, in denen es ihnen vielleicht nicht so gut geht. Wir nennen das „preventative care“, also Vorsorge. Sie umfasst bei uns Meditation, Achtsamkeitspraktiken, Schlafmanagement und Bewegung. Für diejenigen, die von psychischen Problemen betroffen sind, bieten wir Live-Coachings und Therapie-Sessions sowie Medikamentenmanagement an. Unser Ziel ist es, mittels unserer Plattform und neuer Technologie das gesamte Spektrum der psychischen Gesundheit abzudecken. So wollen wir die aktuell vorherrschenden Versorgungslücken im Bereich der mentalen Gesundheit schließen.

In Deutschland muss man bis zu sechs Monate auf einen Therapieplatz warten, dabei wird Hilfe auch bei psychischen Problemen oft akut benötigt.

Genau das ist eines der Kernprobleme: Wenn man ein psychisches Problem hat, dann hat man es jetzt. Muss man sechs Monate warten, um mit jemandem zu sprechen oder Hilfe zu bekommen, dann kann es bereits zu spät sein – man kann in der Notaufnahme landen oder sogar sterben. Wenn es „gut“ läuft, so kommt man mit anderen gesundheitliche Problemen davon, wie zum Beispiel chronischen Schmerzen oder Herzkrankheiten, die beide mit psychischen Problemen zusammenhängen. 

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Neben dem Mangel an Fachkräften im Bereich der psychischen Gesundheit sind es auch die noch immer vorherrschenden Stigmata, die Menschen den Zugang zu mentalen Gesundheitsangeboten im Weg steht. Wie wollen Sie diese Stigmata aufbrechen?

Leider ist ein großer Teil der Welt immer noch der Meinung, dass psychische Gesundheit nur etwas für wirklich kranke Menschen ist, die etwa an Schizophrenie oder schweren psychischen Störungen leiden. Wir wollen den Menschen das Gefühl vermitteln, dass psychische Gesundheit uns alle angeht und dass wir alle sie brauchen. Es ist wie beim Zähneputzen, oder? Wir putzen uns alle die Zähne, auch wenn wir im Moment keine Zahnprobleme haben. Wir tun das, weil wir Zahnprobleme in der Zukunft verhindern wollen. Dahin wollen wir auch mit der psychischen Gesundheit kommen. Um die Stigmata aufzubrechen, arbeiten wir zum Beispiel mit Unternehmen wie Netflix, Starbucks oder der Sesamstraße für Kinder zusammen. Wir wollen, dass die Menschen das Gefühl haben, dass es in Ordnung ist, sich Hilfe zu holen.

Wir wollen, dass sich die Menschen heute Gedanken über ihre psychische Gesundheit machen und nicht erst, wenn sie Probleme haben.

Wir sind überzeugt: Je mehr Menschen über mentale Gesundheit nachdenken und sich mit ihr beschäftigen, desto besser wird ihre geistige Gesundheit sein und desto besser werden sie in der Lage sein, mit Veränderungen umzugehen. 

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Was ist Ihr bestes Argument, um Menschen zum Meditieren zu bringen? 

Ich versuche manchmal, Meditation als „value for effort“-Gleichung zu betrachten. Es gibt schließlich nur sehr wenige Dinge, die man nur fünf oder zehn Minuten am Tag tut, die das Potenzial haben, das tägliche Leben stark zu verändern. Die Meditation kann das. Wir haben gesehen, dass Menschen, die drei Wochen lang fünf bis zehn Minuten am Tag meditiert haben, eine völlig andere Perspektive aufs Leben hatten – bei mir war das auch so.

 

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Wie war das bei Ihnen?

Im Jahr 2014 hatte ich gerade mein letztes Startup, das ich sechs Jahre lang aufgebaut hatte, an Linkedin verkauft. Ich trat dem Unternehmen bei und wurde zum dritten Mal Vater, alles innerhalb desselben Monats. Mit dem neuen Baby im Haus schlief ich weniger, und außerdem hatte ich einen neuen Job, in dem ich anfangs nicht so recht wusste, was ich tat. Ich war „anxious“, also ängstlich und fühlte mich unbeholfen. Dann kam Andy [Puddicombe], der Gründer von Headspace, zu Linkedin und hielt einen Vortrag. Bis dahin hatte ich noch nie meditiert und wusste auch nicht viel darüber, für mich war das immer sehr „woo woo“.

Aber dann probierte ich es aus und nach etwa drei Wochen hatte ich diesen einen Heureka-Moment. Ich saß in einer Besprechung, und es machte klick – ich reagierte anders als sonst. Meine Stressreaktion war eine andere, als sie normalerweise gewesen wäre. Seit diesem Tag meditiere ich täglich, und es hat mich als CEO, als Vater und als Mensch völlig verändert.

Es gibt ja nicht die eine Meditationspraxis – welche Praxis benutzen Sie?

Ich nutze ein paar verschiedene Meditationspraktiken. Meine Lieblingsmethode ist die Visualisierung. Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass Sonne auf meinen Kopf scheint und sich das Licht in meinem ganzen Körper verteilt. Das ist eine wunderbare Art, morgens in den Tag zu starten. Außerdem mache ich mindestens einmal am Tag die Vier-Quadrat-Atmung, auch als „Box-Breathing“ bekannt, meistens vor dem Schlafengehen.

Gibt es bei Headspace auch eine Meditationsroutine fürs Unternehmen?

Ja, die gibt es. Die meisten unserer Meetings starten mit einer Meditation, die etwa drei bis fünf Minuten dauert. Bei unseren „all hands“-Meetings, die alle zwei Wochen stattfinden, haben wir in der Regel einen unserer Coaches dabei, der oder die eine Live-Meditation für die Gruppe anleitet. Aber auch wenn unsere Coaches nicht dabei sind, wird meist eine der Headspace-Meditationen für drei Minuten durchgeführt. Für mich macht das aus mehreren Gründen Sinn. Einer ist, dass die Meditation Präsenz schafft. Die Leute sind dann auf eine Art und Weise bereit für das, was folgt, wie sie es sonst nicht wären. Der zweite Grund, warum ich es für wertvoll halte, ist, dass die Menschen es wirklich genießen. Sie genießen das Gefühl, einfach mal durchatmen zu können und sich auf sich selbst zu konzentrieren.

Sie haben gerade das KI-Startup Sayana übernommen. Was ist Ihr Plan damit?

Sayana ist ein wunderbares Startup, das sich intensiv damit beschäftigt hat, wie man die kognitive Verhaltenstherapie digitalisieren kann, sodass mehr Menschen Zugang dazu haben und es für alle billiger und zugänglicher wird. Dabei nutzen sie künstliche Intelligenz

Bei Headspace machen wir auch heute schon eine ganze Menge mit KI. Wir helfen zum Beispiel den Therapeut:innen dabei, Pflegepfade vorherzusagen. Zudem helfen wir ihnen dabei, Suizidalität sowie Depressions- und Angstraten zu tracken. Und wir stellen „smart answers“ bereit, also intelligente Antworten, die Coaches dabei unterstützen, was sie einer Person im Chat antworten können, alles auf der Grundlage unserer Datenanalyse.

Neben dem Support für unser Therapeut:innen planen wir auch unseren Content mittels KI. Wir sagen beispielsweise voraus, welche Inhalte für die Menschen von Nutzen sein werden, und tatsächlich ist die KI dabei heute schon genauer in der Vorhersage der Inhalte, die die Menschen konsumieren werden, als unsere Coaches. Wenn die KI Inhalte empfiehlt, so werden diese häufiger genutzt, als wenn unsere Live-Coaches und Therapeut:innen sie vorhersagen. Mit dem Zukauf von Sayana wollen wir unseren Content und unsere KI-Möglichkeiten weiter verbessern, denn wir glauben, dass wir durch den Aufbau von KI und maschinellem Lernen die Qualität der Pflege und die Skalierbarkeit der Pflege verbessern können.

Was ist Ihre Meinung zu sozialen Medien im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit? Können sie in gewisser Weise nützlich sein, oder sind sie nur schädlich?

Ich glaube, es ist inzwischen bekannt, dass die Nutzung sozialer Medien zu Angstzuständen und Depressionen führen kann, insbesondere bei jüngeren Menschen. Die Kinder, die schon früh Zugang zu Handys und mobilen Geräten erhalten, sind oft noch nicht in der Lage, diesen Informationsstrom richtig zu verarbeiten. Wir stellen fest, dass der Dopamin-Kick durch soziale Medien und Informationen zu etwas wird, das ihre Gehirne im Laufe ihrer Entwicklung immer mehr brauchen, und zwar noch viel stärker als Erwachsene, die das als Kinder nicht erlebt haben. Durch das blaue Licht der Screens verändern sich zudem ihre Schlafgewohnheiten. 

Ich glaube, wir fangen gerade erst an, die Auswirkungen zu verstehen, insbesondere für unsere Jugend. Doch es scheint sicher zu sein, dass Kinder, die schon früh mit Social Media in Kontakt kommen, langfristig ein höheres Risiko für psychische Probleme haben werden.

Was kann man dagegen tun? 

Ich denke, Bildung ist der Schlüssel. Schulen sollten Eltern und Kindern dabei helfen, einen richtigen Umgang mit sozialen Medien und digitalen Geräte zu erlernen. Und auch für Erwachsene ist es wichtig, Wege zu finden, die für die psychische Gesundheit produktiver sind, als sich Dopaminschübe auf den sozialen Medien zu holen. Anstatt fünf bis zehn Minuten auf sozialen Medien zu scrollen, sollte man sich die Hälfte dieser Zeit nehmen und meditieren. 

Dabei bedeutet Achtsamkeit nicht, dass man ganz auf soziale Medien verzichten muss. Vielmehr geht es darum, die Zeit dort zu reduzieren und dem menschlichen Gehirn öfter mal eine Auszeit von der Informationsflut zu verschaffen.

Was ist Ihre Vision für Headspace für die nächsten zwei bis fünf Jahre?

Ich sehe eine Welt in fünf Jahren, in der die große Mehrheit von uns die Bedeutung der psychischen Gesundheit erkannt hat und jeden Tag etwas dafür tut. Wenn wir das schaffen, dann hilft das nicht nur diesen Menschen, sondern es hat auch Auswirkungen auf andere. Denn wenn man selbst achtsamer mit sich ist, dann geht man auch achtsamer mit anderen um. Das ist die Welt, in der ich möchte, dass meine Kinder aufwachsen und die sie später von uns erben sollen.

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