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Health-Startup Vivy: „Der Verbraucher wartet auf ein digitales Gesundheitswesen“

(Foto: Vivy)

Das Startup Vivy ist letzten September live gegangen – mit einer elektronischen Gesundheitsakte und einem digitalen Gesundheitsassistenten. Ein weiterer Vorstoß, um das Gesundheitswesen in Deutschland digital aufzurüsten. Was sind die Stolpersteine und welche Potenziale haben Startups in diesem Bereich? Nachgefragt haben wir bei Vivy-CEO Christian Rebernik.

Das Startup arbeitet bereits mit 21 gesetzlichen Krankenkassen und vier privaten Krankenversicherungen zusammen. In Zahlen sind das rund 17,7 Millionen Versicherte. Seit dem Launch im September ein Zuwachs von knapp 4,2 Millionen Versicherten. Das sind Zahlen, von denen Startups träumen. Oder?

Auch hier steht sich das deutsche Gesundheitssystem selber im Wege. Viel zu zögerlich und langsam kommen Neuerungen an beziehungsweise es dauert gefühlt ewig, bis sich im Versorgungsalltag wirklich etwas tut. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will durch ein geplantes Digitale-Versorgung-Gesetz die Digitalisierung bei den Verbrauchern und Patienten ankommen lassen. Wie eben eine elektronische Patientenakte, die nun wirklich und tatsächlich ab 2021 zur Verfügung stehen soll.

Was macht Vivy?

Versicherte können über die Vivy-App ihre Gesundheitsdaten speichern: Arztbriefe, Befunde, Laborwerte, Medikationspläne, Notfalldaten und Impfinformationen. Die Versicherten entscheiden, welche Informationen sie in der App speichern und an wen sie diese weitergeben wollen. Die digitale Gesundheitsassistentin erinnert an Impftermine oder Vorsorgeuntersuchungen.

Die Akzeptanz für einen solchen Dienst ist da. Im Auftrag der Kasse DAK-Gesundheit hat das Marktforschungsinstitut Forsa herausgefunden, dass 56 Prozent der Versicherten regelmäßig Medikamente einnehmen. Aus dieser Gruppe wissen rund 50 Prozent nicht oder nur unzureichend über die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten Bescheid. Vivy zeigt solche Wechselwirkungen an. 92 Prozent stufen diese Funktion als „wichtig“ oder „sehr wichtig“ ein.

(Screenshot: Vivy)

Bei Bedarf können Daten geteilt werden. Seit Ende 2018 nutzt Vivy die Schnittstelle KV-Connect Mobile für den verschlüsselten Datenaustausch mit Ärzten in Praxen, Krankenhäusern und Laboren. KV-Connect ist der Kommunikationsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), der in allen Praxisverwaltungssystemen, vielen Krankenhausverwaltungssystemen und Laborinformationssystemen eingesetzt wird. Seit Anfang 2019 hat der Praxissoftware-Anbieter Medatixx eine Schnittstelle zu Vivy in seine Software für Ärzte integriert. 22.300 Praxen können so direkt aus ihrer Software heraus Gesundheitsdaten verschlüsselt an ihre Patienten mit der Vivy-Akte senden.

Geld verdient wird durch Kooperationen mit Krankenkassen, die für ihre Versicherten die jährlichen Kosten der App übernehmen. Gesetzliche Krankenkassen können mit einer Satzungsänderung nach Paragraf 68 SGB V ihren Versicherten die elektronische Gesundheitsakte kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Versicherte nicht-teilnehmender Kassen können Vivy zu einem jährlichen Beitrag nutzen.

Kommen solche Dienste und Services auf den Markt, wird erst einmal gejubelt. Und zwar genau aus den Ecken, die sich bei der Umsetzung gegenseitig ins Gehege kommen. Wie sieht es wirklich aus und lohnt es sich für ein Startup, im Gesundheitswesen Fuß fassen zu wollen? Bei Christian Rebernik, CEO von Vivy, haben wir nachgefragt.

t3n: Herr Rebernik, seit 2005 kümmert sich die Gematik, die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarten, um die elektronische Gesundheitskarte und die elektronische Patientenakte. Die Versicherten spüren noch keine wirklichen Fortschritte. Was wollen Sie schaffen, was die Gematik anscheinend nicht schafft?

Christian Rebernik: Der Auftrag der Gematik ist es, eine Telematikinfrastruktur zu schaffen. Sobald diese tatsächlich in den Betrieb geht und genutzt wird, kann sie sehr wertvoll sein. Unser primäres Ziel ist es, Menschen zu helfen, ihre Gesundheit aktiv zu gestalten. Daher bieten wir schon heute innovativen und patientenorientierten Ärzten und Krankenhäusern verschiedene Lösungen an, mit denen sie Daten mit ihren Patienten sicher austauschen können – auch ohne Telematikinfrastruktur. Die entsprechenden Integrationen gehen zudem deutlich über den Umfang hinaus, den die Gematik derzeit als Standard definiert hat.

t3n: Wird in Deutschland zu viel diskutiert und zu wenig umgesetzt?

Debatte ist wichtig. Darüber finden wir in einer Demokratie den richtigen Weg. Ist der einmal festgelegt, dann geht es um die effektive Umsetzung. Hier muss gerade der Gesetzgeber Freiraum lassen und die richtigen Förderungsmaßnahmen festlegen. Komplexe Regularien und Lösungen, die von internationalen Standards abweichen, haben dabei ein besonders hohes Potenzial, die Entwicklung zu bremsen. International entwickelt momentan zum Beispiel kein anderes Land eine eigene Telematikinfrastruktur für Ärzte. Ob dieser Alleingang ein Vorteil für Deutschland wird oder eher ein Nachteil, wird sich noch zeigen.

t3n: Haben da Startups das Potenzial, die Strukturen zu durchbrechen und mehr Tempo durchzusetzen?

Die bisherigen Strukturen im Gesundheitswesen haben es Startups sehr schwer gemacht, neuartige Therapieansätze schnell an die Nutzer zu bringen und eine hohe Marktakzeptanz zu schaffen. Hier sind es vor allem die langen Laufzeiten bei Zertifizierung, Zulassung und Aufnahme in den Leistungskatalog, die Startups ausbremsen. Damit geht natürlich Agilität, die große Stärke von Startups, verloren. Zusätzlich stehen die langen Zyklen im Kontrast zum eher kurzfristigen Finanzierungshorizont von Startups. Mit dem neu vorgestellten DVG (Digitale-Versorgung-Gesetz) wurde dieses Problem adressiert, was uns zuversichtlich stimmt, hier zukünftig noch mehr – dringend benötigte – patientenorientierte digitale Lösungen zu sehen.

t3n: Oder brauchen wir mehr „Californian Spirit“ statt „German Angst“?

Das deutsche Gesundheitssystem ist sehr komplex aufgestellt. Das was es braucht, ist ein entsprechender Rahmen, in dem neue – digitale – Lösungen zügig eingebracht werden können. Es muss nicht unbedingt schlecht sein, wenn wir jetzt die „verlorene Zeit“ nutzen, um durchdachte Standards zu definieren, die auch den hohen Sicherheitsanspruch der Nutzer im Blick haben. Wie soll man sonst Vertrauen in digitale Lösungen schaffen? Ist der Rahmen erst einmal gesetzt, kommen auch die guten Ideen zum Zuge. Hier ist natürlich vor allem die Politik gefragt, den Rahmen entsprechend aufzusetzen, möglichst weit zu fassen und zügig umzusetzen – Zeit haben wir bereits genug verloren.

t3n: Behörden und Politik betonen ja immer wieder gerne, dass die Digitalisierung priorisiert werde, mehr an Fahrt, aber auch an Freude gewinnen soll. Ist das ein reines Lippenbekenntnis oder nehmen Sie davon schon etwas wahr?

Nach unserer Wahrnehmung ist neues Tempo in die Digitalisierungsvorhaben im Gesundheitsbereich gekommen. Alle kürzlich vorgestellten Vorhaben, wie etwa das DVG, gehen unserer Meinung nach in die richtige Richtung und basieren auf der Idee, Mehrwerte für Nutzer zu schaffen. Auch auf dem diesjährigen Hauptstadtkongress, einer der wichtigsten Veranstaltungen für Gesundheitspolitik, ging der Blick deutlich Richtung Digitalisierung. Diese Impulse sind wichtig und setzen hohe Erwartungen.

t3n: Wie sieht es da bei den Verbrauchern aus: Sind die denn schon bereit für ein digitales Gesundheitswesen?

Als wir angetreten sind, haben wir uns die gleiche Frage gestellt. Im September 2018 ist Vivy gestartet. In der Woche des Launches sind wir Platz 1 im App-Store und im Play-Store geworden. Das zeigt bereits die große Relevanz. Der Verbraucher wartet auf ein digitales Gesundheitswesen. Allerdings trifft er noch nicht überall auf Leistungserbringer (Ärzte, Krankenhäuser und so weiter), die dieses digitale Gesundheitswesen unterstützen.

t3n: Wie viele Versicherte nutzen denn die Vivy-App? Was sind die Erfahrungswerte bisher?

Vivy hat seit dem Start im September 2018 Nutzer im sechsstelligen Bereich von sich begeistern können und wächst jeden Tag weiter. Ich persönlich bin überrascht, wie stark die Funktionen in Anspruch genommen werden. Wir erhalten jeden Tag Feedback und Wünsche für weitere Verbesserungen, die wir gerne aufnehmen. Um die vielen Ideen und Wünsche auch umsetzen zu können, suchen wir derzeit neue Mitarbeiter in allen Bereichen für unser Team. Man bekommt nicht oft die Möglichkeit, etwas mit aufzubauen, das Menschen dabei hilft, ihre Gesundheit aktiv zu gestalten.

t3n: Gibt es auch kritisches Feedback?

Es war lange Zeit so, dass wir viele Nachfragen zum Thema Datenschutz und Datensicherheit erhalten haben. Als Pionier im Bereich der Gesundheitsakten und auch aufgrund der Art der Daten, die der Nutzer in der App verwalten kann, haben wir eine besonders große Verantwortung. Kurz nach dem Start der App standen wir im Fokus, da Sicherheitsfehler gefunden wurden. Diese haben wir geschlossen. Es kam kein Nutzer zuschaden. Wir haben Vivy seitdem vielen weiteren Tests und Auditierungen unterzogen und unsere technischen und organisatorischen Prozesse erheblich verbessert – auf das, was wir hier in kurzer Zeit erreicht haben, bin ich sehr stolz. Eine dieser zahlreichen Maßnahmen waren zum Beispiel ein sogenannter „Full Scope Sicherheitstest“ durch ein unabhängiges IT-Sicherheitsunternehmen, das uns bescheinigt, dass wir die damaligen Sicherheitsthemen erfolgreich geschlossen haben. Mittlerweile gehen wir aber einen Schritt weiter und wollen eine Vorreiterrolle einnehmen. Wichtige Maßnahmen sind für uns an dieser Stelle ein öffentliches Bug-Bounty-Programm, bei dem wir Sicherheitsexperten bis zu 5.000 Euro für gefundene Fehler zahlen oder auch die Veröffentlichung unserer Verschlüsselungsbibliotheken unter Open Source.

t3n: Mittlerweile arbeiten Sie mit einigen Krankenkassen und Krankenhäusern zusammen. War der Weg schwer, Ihre Partner zu überzeugen und mit ins Boot zu holen?

Wir glauben, dass nur ein offenes Gesundheitsökosystem erfolgreich sein kann. Nur dadurch können alle Teilnehmer vernetzt werden. Hier geht es um offene Schnittstellen, klare Standards und starke Partner. Für den Erfolg von Vivy ist es ganz entscheidend, dass wir neben Krankenversicherungen auch starke Partner aus dem Bereich der IT-Systeme sowie niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser haben.

Vivy steht den Versicherten der Partner-Krankenkassen kostenlos zur Verfügung, diese wiederum profitieren von einer starken Vernetzung mit den Leistungserbringern (Krankenhäuser, Ärzte). Aktuelle Anwendungsfälle für eine digitale Vernetzung mit Patienten ist hier zum Beispiel das papierlose Entlassmanagement im Krankenhaus – Dokumente können vom Patienten direkt über Vivy digital abgerufen werden. Das ist ein Mehrwert für Krankenhaus und Patient. Als offenes System kann jede Krankenversicherung Vivy anbieten und jeder Leistungserbringer in das Ökosystem integriert werden.

t3n: Diskutiert wird auch immer wieder, wie solche digitalen Gesundheitsservices zu vergüten sind. Dazu kommt noch der Prozess der Nutzenbewertung, damit das Tool auch als (daten)sicher und zugelassen für den Verbraucher gilt. Wie kompliziert ist das alles?

Der Gesetzgeber hat eine entsprechende Regelung für digitale Angebote geschaffen. Vivy wird von den Krankenkassen nach Paragraf 68a des SGB V vergütet. Die Nutzenbewertung ist durch Staat, Krankenkassen und Umfragen mehrfach bestätigt worden. Dank dieser Voraussetzungen war Vivy erst möglich.

t3n: Von Ihrem Standpunkt jetzt: Was würden Sie Startups raten, die sich im Gesundheitsbereich ansiedeln wollen?

Jedes Startup hat andere Herausforderungen. Besonders wichtig ist ein klarer Fokus auf das zu lösende Problem und das Geschäftsmodell als Teil des MVPs (Minimum-Viable-Product) zu betrachten und zu belegen. Ich kenne viele Startups, denen einfach das Geld ausgeht, bevor sie Geschäftsmodell und Produktnutzen wirklich beweisen konnten, da der finanziell lange Atem in unserem Gesundheitswesen derzeit eine große Herausforderung ist.

t3n: Zu 70 Prozent gehört Vivy Health dem Versicherungskonzern Allianz. Sind Sie in Ihren Ideen da noch autonom?

Vivy verfolgt eine klare Vision und agiert dabei natürlich unabhängig in einem Ökosystem mit einer Vielzahl wichtigen Partnern, zum Beispiel Krankenkassen, Krankenhäuser, IT-Partner und auch Vertretern aus der Gesundheitspolitik. Die Allianz als einen sehr erfahrungsreichen und starken Partner da mit dabei zu haben, ist für uns ein großer Vorteil, den wir gern nutzen.

t3n: Glauben Sie, dass das deutsche Gesundheitssystem irgendwann zu 100 Prozent digital sein wird?

Ich glaube nicht, dass es das Ziel sein sollte zu 100 Prozent digital zu sein. Gerade im Gesundheitswesen geht es um Menschen und menschliche Interaktionen. Ich denke, Digitalisierung kann hier einen riesigen Mehrwert leisten, die Gesundheitsversorgung für alle Beteiligten besser zu machen. Mit einer großartigen digitalen Gesundheitsassistenz und einer offenen Plattform tragen wir unseren Teil dazu bei. Die spannendere Frage für die Zukunft wird tatsächlich eher sein, wer die digitale Medizin gestaltet und wer gestaltet wird – das hängt natürlich auch maßgeblich davon ab, wie schnell der deutsche Markt aufholen und digitale Strukturen schaffen und umsetzen kann.

t3n: Danke für das Gespräch.

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Ein Kommentar
Titus von Unhold
Titus von Unhold

„Komplexe Regularien und Lösungen, die von internationalen Standards abweichen, haben dabei ein besonders hohes Potenzial, die Entwicklung zu bremsen.“

Ja, und zwar damit entsprechende Bruchbuden nicht durch ihre Geldgier die IT-SEC vergessen…

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