Interview

Kaiser Kuo: „Der Schaden eines digitalen Eisernen Vorhangs ist schwer vorstellbar“

Kaiser Kuo (2.v.l.): „Wenn wir China wie einen Feind behandeln, wird China ein Feind werden.“ (Foto: t3n)

Niemand kann die chinesische Tech-Szene besser erklären als Podcaster Kaiser Kuo. Im Interview spricht er über Christian Lindners Chinesisch, Techno-Orientalismus und über Feindlichkeit gegenüber China.

Kaiser Kuo in Deutschland zu erwischen, ist nicht einfach. In die paar Tage, die er aus den USA eingeflogen ist, hat er zwei Konferenzen gequetscht. Auf der Republica in Berlin spricht er dann über das Sozialpunkte-System in China, auf der OMR in Hamburg über Chinas digitales Ökosystem.

Kaiser Kuo: „Wir haben (damals) gesagt, dass C2C nicht ‚Consumer to Consumer‘ heißt, sonder ‚Copy to China‘.“

Chinesische Technologie ist ein schwieriges Thema: International berichten Reporter darüber, wie die kommunistische Partei Technologie nutzt, um die eigene Bevölkerung zu kontrollieren. Mit Kameras, Gesichtserkennung und sogar Gentests werden Minderheiten wie die Uiguren so lückenlos überwacht, als hätte die Kommunistische Partei Orwells Big Brother nachbauen wollen – nur mit der Technik des 21. Jahrhunderts. Andererseits ist die chinesische Tech-Szene bisher die ernsthafteste Konkurrenz des Silicon Valley.

Kaiser Kuo kennt beide Seiten:  Er hat lange in der chinesische Tech-Szene  gearbeitet, unter anderem für Baidu. Seinen aktuellen Podcast betreibt er aus den USA. Wir wollten von ihm wissen: Wie ist aus dem China, das man vor ein paar Jahren noch als Nation der Kopierer belächelt hat, in der westlichen Wahrnehmung plötzlich das Land der digitalen Überwachungs-Apokalypse geworden?

t3n: China ist hier dauernd in den Schlagzeilen. Christian Lindner hat neulich eine Rede auf Chinesisch begonnen. Er sprach auch vom „gelben Mann“. Wie wirkt das auf dich?

Kaiser Kuo: [schaut sich ein Video von Christian Lindner an] Okay, ich verstehe kein Wort von dem, was er sagt. Das ist lächerlich. Das ist etwas verstörend.

t3n: Aber das Bild von China hat sich hier in den letzten Jahren ja gewaltig geändert …

Vor ein paar Jahren gab es noch dieses Narrativ über chinesische Technologie: China würde nur nachahmen und wäre nicht fähig, relevante eigene Innovationen zu erschaffen. Ich habe lange in der Internet-Industrie in China gearbeitet und wir haben darüber Witze gemacht: Wir haben gesagt, dass C2C nicht „Consumer to Consumer“ heißt, sonder „Copy to China“. Und es stimmte, es wurden einfach nur amerikanische Geschäftsmodelle kopiert. Manche gingen so weit, einfach das komplette CSS amerikanischer Websites zu kopieren: die Farben, die Schriften, alles.

t3n: In der chinesischen Tech-Szene wurde erstmal nur kopiert?

Als Spät-Einsteiger ergibt es Sinn, Geschäftsmodelle zu suchen, die in anderen Märkten bereits funktionieren. Als Investor will man ja keinen komplexen Pitch hören, der auch noch zu komplizierten chinesischen Gesetzen passen muss. Ich will hören: „Wir sind das Linkedin für China, wir sind das Facebook für China.“

t3n: Aus dem Ruf als Kopierer ist irgendwann das Gegenteil geworden.

Schon 2005, 2006 war klar, dass da eine Menge Innovation in China passiert. Aber der Ruf hielt sich. Erst im Sommer 2016 ist es plötzlich umgeschlagen, und alle sprachen plötzlich darüber, dass China die USA in Sachen Mobile Payment überholt hat – und in der Innovationskraft.

t3n: Innovationskraft galt lange als eine politische Systemfrage, Innovationskraft als Eigenschaft von Demokratie.

Noch 2015 hat Vize-Präsident Joe Biden an Universitäten gesagt: „Weil Amerika frei ist, werden wir immer innovativer alles alle anderen sein. China hat zensiertes Internet, deswegen können sie nichts erfinden.“ Er sagt also: Freiheit ist nicht nur eine notwendige Bedingung, sondern auch eine hinreichende Bedingung für Innovation. Ich zweifle beides an: Es ist offensichtlich nicht hinreichend. Selbst als notwendige Bedingung: Viele Erfindungen wurden in unfreien politischen Umständen gemacht.

„Carly Fiorina, ehemals CEO von HP, hat damals gesagt ‚Zeig mir eine Sache, die China erfunden hat.‘ Da hatte im Publikum wohl noch niemand Wechat auf dem Handy.“ – Kaiser Kuo

[Carly Fiorina sagte 2015 in einem Interview: „Ich mache seit Jahrzehnten Business in China und ich sage dir: Ja, sie können eine Klausur schreiben, aber sie können nichts erfinden.“ Anm. d. Redaktion.]

t3n: In unserer Vorstellung wurde China also sehr plötzlich vom Kopierer zum Über-Erfinder?

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