Interview

Kaiser Kuo: „Der Schaden eines digitalen Eisernen Vorhangs ist schwer vorstellbar“

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Kaiser Kuo: Und ich glaube, beides ist gleich falsch: Auch die Idee, dass die Chinesen die USA weit hinter sich gelassen hätten. Das hat mehr mit uns zu tun als mit China: Da geht es darum, wie wir im Westen die Beziehung von Politik und Technik verstehen.

t3n: Also hängen diese drei Dinge irgendwie zusammen: unsere Vorstellungen von Freiheit, Technik und China?

Es gab da diese zwei Glaubenssätze: Erstens, dass es keine Innovation (und keinen Kapitalismus) ohne politische Freiheit geben wird. Aber China kann das offensichtlich. Und wir haben geglaubt, Technik würde Menschen in unterdrückenden Gesellschaften befreien. Wir haben geglaubt, dass das Internet zu demokratischen Revolutionen führt. Es gab den arabischen Frühling. Aber dann wurde Youtube genutzt, um die Protestierenden zu identifizieren, und Facebook, um ihre Netzwerke zu verstehen und sie zu verhaften.

t3n: Und jetzt trägt Technologie nicht mehr das Versprechen von Freiheit?

Jetzt ist es das andere Extrem: Technik selbst gilt als der Steigbügelhalter der autoritären Regime. Und alle Technik, die China exportiert, gilt plötzlich als autoritär. Als wären wir absolut hilflos hier und in den USA.

t3n: Du hast das mal „technologischen Orientalismus“ genannt.

Ich meine den Glauben, dass alles, was in diesem Orient, also China, entwickelt wird, irgendwie … verdorben ist. Dass es unweigerlich Teil der unterdrückenden politischen Maschinerie ist. Und wir wissen ja alle, wo das herkommt.

t3n: Wo kommt es denn her?

Die USA hatten seit dem Zweiten Weltkrieg keinen wirklichen Konkurrenten mehr. Die Sowjetunion war hauptsächlich ein militärischer Konkurrent. Japan war mal wirtschaftliche Konkurrenz, aber keine militärische. Und jetzt gibt es China, das militärischer Konkurrent ist, ein wirtschaftlicher und vielleicht ein ideologischer. Das ist ein psychologisch schwieriger Moment für Amerika. Wir müssen plötzlich Platz für ein anderes Land machen.

t3n: Du glaubst also, viele Leute haben einfach Angst vor der neuen Situation mit China als ebenbürtiger Supermacht?

So einfach ist es nicht. Es gibt auch viel schlechtes Verhalten in China. Aber eigentlich haben wir auch keine Wahl: Was wären die Kosten, wenn wir einen digitalen Eisernen Vorhang errichten, wenn wir uns von China abkoppeln? Die amerikanische Fertigung ist so sehr auf chinesischen Lieferketten angewiesen, dass das keine Option ist.

t3n: Für beide Seiten wäre eine Entkopplung der Wirtschaft sehr unvorteilhaft.

Der Schaden eines digitalen Eisernen Vorhangs ist schwer vorstellbar. Aber das Problem ist: Wenn du China wie einen Feind behandelst, wird China bald dein Feind sein.

t3n: Hat man in der chinesischen Tech-Szene denn schon die amerikanische Feindseligkeit bemerkt?

Ja, natürlich. Viele Tech-Unternehmer sind sehr besorgt. Und sie wissen: Nichts, was sie sagen, überzeugt die andere Seite. Huawei und viele andere sagen: „Wir sind eine private Firma, wir gehören nicht dem Staat oder der Partei.“ Aber dann sagen die anderen: Wenn es hart auf hart kommt, müsstet ihr nicht tun, was die Partei sagt?

t3n: Keine ganz unberechtigte Frage.

Okay, mal angenommen, du hättest recht. Dann sollte man klarstellen, dass es rote Linien gibt. Dass, wenn das Netzwerk der Deutschen Telekom oder von Vodafone für Spionage oder Sabotage genutzt wird, dass das ein schweres Vergehen ist,  ein kriegerischer Akt, der dementsprechend beantwortet wird. Ronald Reagan hatte in den 80ern gesagt: „Trust, but verify“ [Vertraue, aber prüfe]. Das ist alles, was wir tun können.

t3n: Vielen Dank für das Gespräch.

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