Reportage

Warum im Rheinland das heimliche Open-Data-Mekka liegt

(Foto: Jan Lindenau)

Eine Stadt am Rand des Ruhrgebiets zeigt, was entstehen kann, wenn sich Open-Data-Community und Stadtverwaltung aufeinander zubewegen.

Nein, sowas wie den Hackerspace von Moers sieht man selten. Vielleicht liegt es daran, dass sich Tüftler und Aktivisten in einem verglasten und lichtdurchfluteten Raum treffen; vielleicht aber auch daran, dass im Zimmer nebenan Yoga-Kurse angeboten werden, regelmäßig eine freundliche Dame mit Wasserkaraffen vorbeikommt und man sich überhaupt in der Volkshochschule und Stadtbibliothek befindet.

Projekte, Platinen und Pizza

(Foto: Jan Lindenau)

Der Ablauf hingegen, der kommt einem sehr bekannt vor: Es ist ein Abend unter der Woche, die meisten Besucher sind direkt nach der Arbeit gekommen, um an ihren Projekten und Platinen weiterzuarbeiten, die Pizza ist schon bestellt. Ein älterer Tüftler zeichnet Skizzen in ein Notizbuch, ein Teenager hackt auf seinen zugestickerten Laptop ein, ein anderer lässt sich erklären, wie ein Tor-Netzwerk funktioniert.

Zwischen ihnen wuselt Anastasia Gilz durch den Raum. Die 37-Jährige bleibt vor einem Karton voller Technikkrams stehen, zieht zwei graue Rohrwinkel aus Plastik heraus und erklärt, wie der Feinstaubsensor funktioniert, den sie da in den Händen hält. Sei übrigens gar nicht schwierig, den zu bauen, wirft sie ein, und wenn der dann erstmal online sei, dann könne man auf einer interaktiven Karte sehen, wie gerade die Feinstaubbelastung sei.

Vertreter aus Politik und Digitalwirtschaft fordern: Software, die staatlich finanziert wird, sollte auch allen gehören und unter eine Open-Source-Lizenz gestellt werden. Im Folgenden die Unterstützer des Appells und ihr Statement.

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Anastasia studiert eigentlich E-Government an der nahgelegenen Hochschule – dass sie als studentische Hilfskraft den Hackerspace mitorganisiert, das sei ein logischer Schritt gewesen, sagt sie. Zum einen ist sie tech-affin, bastelt gerne, tüftelt rum. „Mich hat es immer schon in die Tech-Richtung gezogen, auch wenn ich nicht mal richtig programmieren kann“, sagt sie. Zum anderen interessiert sie sich schon aufgrund ihres Studiums fürs Kommunale und Verwaltung: „Vor allem, weil ich Bürokratie hasse“, sagt sie und lacht.

Einzigartige Allianz von Tüftlern und Bürokraten

Und das ist das Bemerkenswerte an Moers: Dass die Stadt am Niederrhein in der Open-Data-Community noch vor Städten wie Freiburg, Köln, Bonn oder Berlin genannt wird, liegt daran, dass Tüftler und Bürokraten sich so nahestehen wie sonst kaum. Die Bedingungen scheinen optimal: In Moers leben knapp über 100.000 Einwohner, lange Zeit war man hier stolz auf den Titel als kleinste Großstadt Deutschlands. So groß also, dass man eine ordentliche Spielwiese zur Verfügung hat. Aber auch so klein, dass die Dienstwege noch kurz und effektiv sind.

Wer sich online für Moers interessiert, der stellt fest, dass sich kaum etwas über die Stadt nicht herausfinden lässt: Auf der Seite offenedaten.moers.de gibt es über 300 Statistiken zur freien Verfügung, vom Haushaltsplan über die Standorte der Autoladestationen bis hin zur Hundesteuer-Statistik. Nicht nur Datenenthusiasten und Entwickler können damit etwas anfangen, auch normale Bürger bekommen einen Überblick über ihre Stadt. Die Schulstatistik dürfte etwa für alle Eltern in Moers interessant sein, die sich die Frage stellen, welche Schulen im Umkreis wie viele Schüler aufs Gymnasium oder auf die Integrierte Gesamtschule schicken.

Open-Data-Mekka Moers

Nur wenige Hundert Meter von dem Hackerspace in der Volkshochschule findet sich das neue Rathaus von Moers. Am Eingang prangt ein Freifunk-Kleber, die Routerdaten finden sich natürlich auch transparent im Netz. Im dritten Stock der Verwaltung sitzen Claus Arndt und Stephan Bernoth, die Köpfe hinter dem Plan, Moers zum Open-Data-Mekka zu machen.

Der Anfang, so erinnert sich Claus Arndt, das seien 30 Datensätze im Jahr 2013 gewesen. Als Beauftragter für Digitalisierung hatte er die Idee, möglichst viele Daten seiner Stadt transparent zu veröffentlichen. Arndt erinnert sich noch an die erste Anwendung, die ihre Datensätze verwendete: Der Berliner App-Entwickler Thomas Tursics schnappte sich die Vornamenstatistik der Neugeborenen und pflegte sie in eine App ein, die Vorschläge für Babynamen generierte. Keine Killerapplikation, das sagt auch Claus Arndt, aber plötzlich erkannte man im Rathaus: Es gibt tatsächlich Leute, die etwas mit dem Datenschatz, auf dem wir hier sitzen, anfangen können. Von da fanden sich immer mehr Anwendungsbereiche: Der Lehrer eines örtlichen Gymnasiums, ließ seine Schüler den Haushalt der Stadt visualisieren. Eine Website zeigt den Moersern in Echtzeit, wann die Bürgerämter besonders ausgelastet sind. Dazu veröffentlicht die Stadt proaktiv aktuelle Statistiken. In anderen Städten muss man diese gegen Gebühr erst anfragen.

Der Weg dahin sei nicht leicht gewesen, sagt Claus Arndt. Er spricht von „Bettelrunden“, Gängen durchs Rathaus, um Kollegen immer wieder zu fragen: Habt ihr Daten, die interessant sind? Kann man die nicht auch veröffentlichen? Diese Runden hatten aber scheinbar Erfolg. Jetzt landet der Hinweis auf eine interessante Statistik schon mal initiativ im Postfach seines Nachfolgers, Stephan Bernoth.

Ein Hackday im Rathaus

Doch nicht nur innerhalb der Stadtverwaltung gab es Vorbehalte, auch die Open-Data-Community stand den Bemühungen des Beamten Arndt aus dem Moerser Rathaus zunächst einmal kritisch gegenüber. Pamphlete seien geschrieben worden, erinnert er sich, die Community hätte davor gewarnt, sich bloß nicht vereinnahmen zu lassen und so ihre Unabhängigkeit aufzugeben. Als Claus Arndt diesen schwelenden Konflikt wahrnahm, ging er ihn möglichst direkt an – per Twitter. Er zeigte sich kooperativ – welche Daten wollt ihr denn, welches Format, welche Kategorien? – und organisierte schließlich 2015 den ersten Moerser Hackday. Natürlich im Rathaus.

(Foto: Jan Lindenau)

Rund 50 Teilnehmer kamen, unter anderem auch der jetzt 17-jährige Moerser Lennart Fischer. Der Hackday war für ihn damals der Anstoß, sich ernsthaft dem Programmieren zu widmen, mittlerweile ist der Teenager der Vorzeigeprogrammierer der Region. Das liegt zum einen daran, dass die Apps, die er veröffentlicht hat, einen starken lokalen Bezug haben: Die iOS-App „Mein Moers“ erinnert die Moerser unter anderem per Push-Notification daran, wann der Gelbe Sack rausgestellt werden muss. Darüber hinaus programmierte er ehrenamtlich die App für das städtische Festival. Seine Fähigkeiten sorgten sogar dafür, dass er 2018 von Apple zur Worldwide Developers Conference nach San Jose eingeladen wurde. Zum anderen ist Lennart Fischer auch ein Brückenbauer, ein Teil der Coder-Community, der die Nähe zur Stadtverwaltung als Chance betrachtet, nicht in altes Lagerdenken verfällt und damit auch neue Programmierer inspiriert. „Die Power-Coder aus ganz Deutschland kommen Jahr für Jahr hierher und das gefällt mir in Moers wirklich gut: Man ist den anderen Parteien gegenüber nicht verschlossen“, sagt der 17-Jährige.

Dass das nicht selbstverständlich ist, wissen auch Claus Arndt und sein Nachfolger Stephan Bernoth. In vielen Rathäusern Deutschlands, sagt Bernoth, herrsche noch der Gedanke, dass man nicht die Deutungshoheit über die eigenen Daten hergeben wolle. Lieber Gatekeeper für die eigene Stadt bleiben. Solange man sich aber an Sicherheitsvorgaben und Datenschutz halte, Bürger also aufgrund einer Statistik nicht individuell zu identifizieren seien, sieht Bernoth keinen Grund, einen Datensatz nicht zu veröffentlichen. „Warum sollten wir eine gewisse Statistik zurückhalten? Das zeigt uns doch auch, wo die Probleme sind, dass da etwas im Argen liegt“, sagt er. Und Arndt erinnert an die Zeit vor der Veröffentlichung der Datensätze, in der es Bedenken in der Verwaltung gab: Was ist mit Migrationsstatistiken, die von Rechten bewusst falsch interpretiert werden; was mit Schulstatistiken, die dazu führen, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr auf eine bestimmte Grundschule schicken. Diese Befürchtungen, sagt Arndt, hätten sich allerdings alle nicht bewahrheitet.

Impulsgeber für NRW

Womöglich liegt das daran, dass Moers selbst keine Killerapplikation ist, den Daten der Stadt die überregionale Relevanz fehlt. Aber kann eine so kleine Großstadt trotzdem ein Leuchtturm für Open-Data-Deutschland sein?

Zumindest Anastasia im Hackerspace sieht das so. Sie ruft auf ihrem Laptop eine Seite des Landes NRW auf, auf der sich eine Arbeitsgruppe zur Transparenz von Ratsinformationen berät. Anastasia ist Teil dieser Gruppe, nimmt also Einfluss darauf, wie Kommunen in Zukunft ihre Bürger informieren könnten. „Zumindest in NRW ändert sich da gerade etwas in der Mentalität“, sagt sie. Und da sei Moers als Stadt am Rande des Ruhrgebiets mit seinen rund fünf Millionen Einwohnern eben auch ein guter Impulsgeber. Gerade wenn sie auf internationalen Open-Knowledge-Kongressen sei, dann merke sie, wie gut es ihnen in der Region im Zusammenspiel mit der Stadt gehe. „Wir werden richtig beneidet. Versuch mal, in der Türkei etwas mit Open Data zu machen. Viel Spaß.“

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