Interview

SAP-Chief-Designer: „Menschen werden die Meister des Unerwarteten“

(Foto: SAP)
Lesezeit: 9 Min.
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Dass künstliche Intelligenz die Arbeitswelt verändern wird, weiß Futurist Martin Wezowski. Im Interview spricht er über die Symbiose aus Mensch und Maschine – und was ein Liebesbrief damit zu tun hat.

Martin Wezowski ist der Chief-Designer von SAP. In seiner E-Mail-Signatur steht sein Motto „Design is a behavior not a department“ – und genauso spricht der Futurist über den Einfluss der Digitalisierung auf Arbeitswelt und Gesellschaft. Abgesehen von den Folgen von KI (auch auf die zukünftige Konzeption von Teams) hebt Wezowski zwei Eigenschaften hervor, die den Menschen unabdingbar machen: Neugier und Sinnsuche.

t3n.de: Eine 30-Stunden-Woche, Roboter als persönliche Assistenten, virtuelle Team-Meetings: Sieht so die Arbeitswelt der Zukunft aus?

Martin Wezowski: Ja, so könnte die Zukunft aussehen. Intelligente Technologien werden uns mehr stärken, umfangreicher assistieren und bereichern als wir es heute erwarten.

t3n.de: Also wird es eine Art Symbiose?

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Genau. In baldiger Zukunft werden Systeme und Maschinen aktive sowie passive Signale des Menschen verstehen. Sie werden unsere Ambitionen analysieren, um daraus optimale Vorschläge für eine jeweilige Situation zu entwickeln. Maschinen werden die menschliche Realität ergründen. Als Beispiel eignet sich ein Unfall mit einem selbstfahrenden Auto im Jahr 2016, weil der Fahrer einen Film der „Harry-Potter“-Reihe geguckt hat, statt in der Gefahrensituation zu reagieren. Solche Vorfälle können vermieden werden, indem Systeme lernen, uns und Situationen noch besser zu verstehen.

t3n.de: Wenn in Zukunft simple Arbeit nur von Robotern erledigt wird, welche Rolle spielt der Mensch dann?

Menschen werden die Meister des Unerwarteten. Wir werden komplexe Ideen und intelligente Systeme fusionieren und orchestrieren. Wir werden experimentieren. Wir stehen vor etwas, das ich „Humachine“ nenne, eine Mischung aus der maschinellen Intelligenz und der menschlichen Kreativität. Uns Menschen zeichnen zwei Eigenschaften aus: Neugier und Sinnsuche.

t3n.de: „Neugier“?

Der erste Impuls des Menschen ist etwas zu untersuchen. Wir wollen schlichtweg immer wissen, was wir nicht wissen. Und sobald wir etwas herausgefunden haben, untersuchen wir weiter. Das macht uns Menschen zu guten Erfindern. So werden wir zum Mars fliegen, nicht weil uns ein Algorithmus das geraten hat – sondern weil wir neugierig sind, was auf dem Mars los ist.

t3n.de: „Sinnsuche“?

Die Sinnsuche ergibt sich aus der Neugier. Einen Sinn zu haben oder zu suchen, unterscheidet den Menschen von der Maschine. Menschen können sich von heute auf morgen einen neuen Sinn suchen. Maschinen können das nicht – bislang zumindest.

In der Mensch-System-Symbiose ist unsere natürliche Rolle damit: den Sinn vorzugeben, Ziele und Wunschszenarien zu definieren. Die Maschinen können uns dabei unterstützen.

Für die Unternehmen heißt das: Sie müssen sich darauf einstellen. Künftig wird es noch wichtiger sein, sowohl die Neugier der Mitarbeiter als auch ihren Wunsch nach Sinn zu befriedigen. Schon jetzt entwickeln sich so genannte „Purpose-Led“-Unternehmen besser als traditionelle Mitbewerber. Ein Trend, der zunehmen wird.

t3n.de: Abgesehen von Neugier und Sinnsuche: Welche Faktoren werden die Arbeitswelt der Zukunft bestimmen?

Technologie ist ein wichtiger Player in der zukünftigen Arbeitswelt. In Anbetracht von Automatisierung und supermenschlicher Intelligenz werden wir für das menschliche Gehirn neue Herausforderungen finden, die es entschlüsseln muss. Wir werden uns mehr auf kreative Aufgaben konzentrieren.

Die vierte industrielle Revolution bringt so weitreichende Konsequenzen wie keine davor. In den kommenden Jahrzehnten werden wir beobachten, wie sich Arbeiten verändern wird und ganze neue menschliche Fähigkeiten zu Tage treten.

Außerdem werden wir versuchen, die menschliche Erfahrung technologisch abzubilden. Wir werden Daten der menschlichen Reaktion in einzelnen Situationen festhalten – und sehen, worin sich diese manifestiert.

t3n.de: Was wird uns denn in Zukunft motivieren?

Für komplexe Entscheidungen braucht es menschliche Kreativität – noch.


Für komplexe Entscheidungen braucht es menschliche Kreativität – noch. Sie ist nichts, das sich einfach definieren und in Regeln fassen lässt. Kreativität ist Arbeit. Ein Liebesbrief ist Arbeit.

Es geht künftig noch stärker darum, die Begabungen eines Menschen zu erkennen, zu pflegen und zu optimieren, sodass dieser ein neues Level an Kreativität, Wissen sowie Selbstverwirklichung und Sinn erreichen kann – ihm zuliebe und der Gemeinschaft um ihn herum. Wir können uns künftig auf zutiefst Menschliches fokussieren: Austausch von Erfahrungen, Lösung komplexer Probleme, Zukunftsplanung und Ethik.

t3n.de: Berufsgruppen wie Lokführer und Piloten streiken und das obwohl autonomes Steuern von Zügen oder Flugzeugen längst entwickelt ist. Warum?

Jede große Idee geht einher mit einem fantastischen Spektrum an Möglichkeiten, aber auch mit einigen Ängsten. Der Mensch reagiert stets zunächst mit Angst – leider. Deshalb brauchen wir eine neue Form der Kommunikation, in der wir uns jegliche Varianten positiver Zukunft vorstellen und sie den Dystopien entgegenstellen. So erhalten wir ein besseres, positives Verständnis der digitalen Entwicklung. Und uns wird klarer, was wir tun müssen, um dahin zu kommen.

t3n.de: Büroarbeit wie Datenanalyse und Bilanzberechnung wird zum Großteil vom Menschen gemacht. Inwiefern wird sich das ändern?

Das wird in Zukunft hauptsächlich automatisiert erledigt. Wir Menschen werden hingegen Zeit haben, uns den Kontext dieser Analysen anzusehen und neues, komplexes Wissen daraus zu generieren.

t3n.de: Welche Branchen werden besonders von digitalen Innovationen profitieren?

Spreche ich über Digitalisierung, meine ich damit nicht nur neue IT-Systeme. Es geht vielmehr um das, was wir dabei über die Welt erfahren und was wir daraus machen werden. Digitalisierung wird alles umkrempeln, wird jede Industrie und jede Branche betreffen, überall auf der Welt. In einer digitalen Welt wird es möglich sein, eine Idee, ein Geschäftsmodell, einen Prototyp vorab komplett digital testen zu können. Manche Unternehmen sind gar nicht so weit davon weg. Aber viele große Player in traditionellen Branchen, wie Chemie, Umwelt oder Ingenieurwesen sind davon noch weit entfernt. Sie müssen hart daran arbeiten, wie sie ihr Geschäft digitalisieren.

t3n.de: Welche Berufsbilder werden Schaden nehmen oder gar verschwinden?

Das Weltwirtschaftsforum prophezeit, dass bereits im Jahr 2020 die begehrtesten Fähigkeiten diese sein werden: komplexe Problemlösung, kritisches Denken, Kreativität, emotionale Intelligenz, und kognitive Flexibilität. Nahezu alle sich wiederholenden Tätigkeiten, wie zum Beispiel Qualitätskontrolle in der Produktion, werden automatisiert werden.

Wir brauchen deshalb bessere „Generalisten“ auf dem Arbeitsmarkt. Damit meine ich Menschen mit vielfältiger Expertise, die Ideen betrachten und zusammenführen können. Auch werden neue Möglichkeiten im Bereich Gesetzgebung, Ethik, Psychologie und Philosophie entstehen. Das nächste große Ding wird sein, eine Sache mit einer anderen Sache kreativ in Relation zu setzen.

t3n.de: Welche Branche(n) werden von der Digitalisierung womöglich gar nicht eingeholt?

Am Ende werden alle betroffen sein. An Bedeutung gewinnen Branchen, in denen menschliche Fähigkeiten gefordert sind: lehren, pflegen und vieles mehr. Wir werden mehr Zeit darauf verwenden können, uns austauschen, miteinander Zeit zu verbringen.

t3n.de: Wird es Jobs wie die des Handwerks in 30 Jahren noch geben?

Eher als Hobby, aber wahrscheinlich kaum noch zur Herstellung von Gütern.

t3n.de: Welche Rolle spielt Robotik in diesem Zusammenhang?

Roboter werden immer hochspezialisierter arbeiten bis hin zu komplexen Gehirnoperationen. Der dann folgende Schritt geht noch weiter: Sie werden unser Handeln und unsere Ambitionen reflektieren können, sodass wir Menschen als Individuen daran wachsen.

t3n.de: Eine Utopie ist: Die Maschine übernimmt die „Drecksarbeit“ wie gesundheitsgefährdende Fabrik-Arbeiten und der Mensch profitiert davon. Was halten Sie davon?

Völlig zutreffend.

t3n.de: Stephen Hawking sagte einst: „Die Computer werden mit künstlicher Intelligenz den Menschen übertreffen.“ Was meinen sie, werden sie es?

Immer, wenn wir eine Dystopie beschreiben, brauchen wir eine Utopie als Gegenstück. An diesem Delta zwischen der Dystopie und der Utopie werden wir Menschen uns abarbeiten müssen. Ich glaube, unsere technologischen Vordenker werden eine künstliche Intelligenz schaffen, die mit uns symbiotisch in einer Ära einer „Transhumanity“ zusammenlebt. Wenn wir das gut hinbekommen, sehe ich der Zukunft sorglos entgegen.

t3n.de: In Finnland bekommen seit Januar 2017 2000 Finnen 560 Euro im Monat – ohne dafür zu arbeiten. Denken Sie, das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Lösung, um den Arbeitsplatzverlust bedingt durch die Digitalisierung auszugleichen?

Ich denke, das ist ein tolles Experiment. Es ist schön, dass wir in der Lage sind, unser jetziges sozio-ökonomischen Modell neu zu denken. Es könnte uns ermöglichen, den nächsten Schritt zu gehen, bei dem wir die Fähigkeiten eines jeden entdecken und ausbauen.

t3n.de: Wie wichtig ist Teamarbeit in einer immer stärker digital funktionierenden Wirtschaft?

Noch heute gibt es viele Firmen, die ihre Teams anhand von Vorstellungen der letzten industriellen Revolution zusammenstellen. In der Zukunft werden wir jedoch mehr und mehr dezentrale Teams sehen, die global verteilt gemeinsam an hochkomplexen Herausforderungen arbeiten. Solche Teams werden dynamischer sein als man das heute kennt. Sie werden sich in Zusammensetzung und Größe permanent neuen Gegebenheiten anpassen, je nachdem welche optimale Einheit gerade gefragt ist, um eine Idee zu entwickeln oder ein Problem zu lösen.

t3n.de: Werden wir in Zukunft das Gefühl von Raum und Zeit verlieren, auch wenn wir im Team arbeiten?

Nicht unbedingt, aber wir werden diese Zeit und Raum als weniger relevant ansehen als heute.

t3n.de: Wieso wollen Menschen in der digitalen Ära in einem Team arbeiten?

Weil Innovation dort passiert. Für eine großartige Idee braucht es zunächst viele gute Ideen. Die entstehen in Teams. Das ist der Grund, warum vielfältige und dynamische Teams der Erfolgsfaktor für Innovation sind.

t3n.de: Welche Do’s gibt es bei der Zusammenstellung von Teams?

Vielfalt ist der Schlüssel, denn Vielfalt erzeugt Vielfalt. Zudem brauchen wir eine offene, transparente Teamkultur, durch die die menschliche Voreingenommenheit überwunden werden kann.

t3n.de: Inwiefern unterscheidet sich die Konzeption eines Teams in der Tech-Industrie von der eines Team eines sozialen Berufes?

Betrachtet man die Eigenschaften, die ich bereits beschrieben habe – Transparenz und Vielfalt – gibt es keinen Unterschied.

t3n.de: Welche Rolle spielt der berühmte Wunsch der Generation Y nach Individualität in dem Zusammenhang?

Auch hier: Vielfalt! Wenn die jungen Menschen eine Aufgabe oder einen Job finden, in dem Sie am besten sind und ihre Eigenschaften am besten zutage bringen können. Das fördert die Individualität des Einzelnen, was wiederum die Vielfalt des Teams voranbringt.

t3n.de: Was halten ie von hierarchiefreien Konzepten in Teams wie zum Beispiel Holacracy oder Swarming? Ist das ein Weg oder eher Irrglaube, weil es am Ende doch immer einen Entscheider braucht?

Es geht um Transparenz und ehrlichen Austausch, was wiederum Vertrauen schafft. Gleichheit bei Anerkennung unterschiedlicher Fähigkeiten und Perspektiven. Das alles macht ein hierarchiefreies Konzept aus. Ein holokratisches System beispielsweise ist eine perfekte Basis für diese Art von Unternehmens- und Teamkultur, auch weil überflüssige Teile eines Teams wie eine Meta-Führungspersönlichkeit aus dem System verbannt wird. Das fördert das Gefühl von Verantwortung bei einem jeden Mitglied des Teams.

t3n.de: Apropos Entscheider. Was denken sie, wie wird sich Führungskultur in der digitalen Ära entwickeln?

Wir wissen seit langem: Die wichtigste Führungseigenschaft ist nicht, immer die richtigen Antworten zu geben, sondern die besten Fragen zu stellen. Die Aufgabe einer guten Führungspersönlichkeit ist somit bestehende Denkmuster und Praktiken zu hinterfragen, und das Team bei der Suche nach den Antworten zu fördern.

t3n.de: Welche Führungstypen eignen sich für die Arbeitswelt der Zukunft?

Solche, die eine fortwährende Lernkultur in ihren Teams fördern: die Fehler und Experimente feiern, Hinterfragen fördern oder abwegige Ideen zulassen. Nur solche Chefs werden in der zukünftigen Arbeitswelt bestehen können.

t3n.de: Werden womöglich Roboter irgendwann nicht nur Fachkräfte sondern auch Führungspersonen ersetzen?

Das passiert, während wir hier reden. Es gibt bereits Teams, die von Maschinen organisiert werden und das ist auch ok so. Wie bereits erwähnt: Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Doch es bleiben genug komplexe Herausforderungen, die nur von uns Menschen gelöst werden können. Und um die Förderung dieser Fähigkeiten geht es mir.

t3n.de: Es ist das Jahr 2047: Was werden die Menschen über die Arbeitswelt von heute denken?

Das „Hier und Jetzt“ war noch nie so vorübergehend wie heute. Diese Schnelllebigkeit macht es unmöglich, auch nur zu ahnen, wie die Menschen in 30 Jahren über unser jetziges Arbeiten denken werden. Allerdings können wir sicher sein, dass 2047 eine Form der „Transhumanität“ Realität und die heutige Arbeitswelt eine längst zurückliegende Vergangenheit sein wird – ähnlich wie die Sklaverei oder feudale Gesellschaften heute für uns.

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