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„Er verweigert den Gang zur Toilette“ – Studie bescheinigt miese Führungsqualität

Anschreien an der Tagesordnung: Gerade Fachkräfte müssen sich oft mit cholerischen Führungskräften auseinandersetzen. (Foto: Roman Samborskyi/Shutterstock)

Jede dritte Fachkraft, allesamt Nichtakademiker, hat schon mal wegen des Chefs gekündigt. Das zeigt eine aktuelle Studie. Aussagen der Teilnehmer offenbaren dabei vor allem eine soziale Schwäche der Führungskräfte.

„Er hat mich vor allen anderen Mitarbeitern angeschrien und zur Schnecke gemacht und mich damit sogar zum Weinen gebracht. Daraufhin habe ich gekündigt.“ Oder auch: „Cholerische Anfälle wegen Nichtigkeiten. Das rüttelt an den Nerven.“ Während in Akademikerkreisen lebhaft über New Work und partizipative Führung diskutiert wird, müssen sich insbesondere Fachkräfte mit cholerischen, zynischen oder anderweitig zur Führung ungeeigneten Vorgesetzten auseinandersetzen. Das ergab jetzt eine aktuelle Umfrage des Marktforschungsinstitutes Respondi im Auftrag von meinestadt.de. Der Studie zufolge haben 30,2 Prozent der Fachkräfte schon einmal den Job wegen eines Vorgesetzten gekündigt.

Maximal Mittelmaß

Im branchenübergreifenden Durchschnitt bewerten Fachkräfte ihre Vorgesetzten mit einer Durchschnittsnote von 2,67. Dabei schneidet das Handwerk mit der Note 2,43 besser ab als beispielsweise Führungskräfte in der Logistik. Ihnen bescheinigen die Teilnehmer die Note 2,77. Im Schnitt kamen die Führungskräfte über alle Branchen hinweg auf ein Drei Plus. Das mag in der Schule noch funktionieren. Aber im Umgang mit Menschen, insbesondere angesichts fehlender Fachkräfte, sei eine mittelmäßige Führung grob fahrlässig. Jeder fünfte Teilnehmer geht noch einen Schritt weiter: 20,1 Prozent der Fachkräfte bewerten ihre Vorgesetzten sogar nur mit „ausreichend“, „mangelhaft“ oder „ungenügend“.

Mit Ordnern geworfen

Die Studienautoren befragten die Teilnehmer auch zu ihrem „schönsten“ und „schlimmsten Erlebnis“ mit ihren Vorgesetzten. Dabei berichteten rund 1.000 Befragte von besonderen Negativ-Beispielen:
„Cholerisch gebrüllt, geschrien und mit Ordnern geworfen.“
„Meine Frau hatte einen Schlaganfall bekommen und mein Chef wollte mich nicht gehen lassen.“
„Dass meine Vorgesetzte mich gezwungen hat, 21 Tage ohne Pause durchzuarbeiten.“
Einige Vorgesetzte üben den Schilderungen der Umfrageteilnehmer zufolge systematisch Druck auf die Mitarbeiter aus, verweigern ihnen den Gang zur Toilette und beleidigen sie persönlich.

Besonders schlimm in kleinen Betrieben

Kein Wunder, dass fast jede dritte Fachkraft den Job schon einmal wegen eines Vorgesetzten gekündigt hat. Dabei liegt der Anteil derjenigen, die schon einmal aus Frust über schlechte Führungsarbeit gekündigt haben, in kleinen Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern mit 36 Prozent deutlich höher als bei größeren Arbeitgebern mit mehr als 500 Mitarbeitern – hier liegt der Anteil bei 25,4 Prozent. Als Hauptgründe für ihre Kündigung nannten die Fachkräfte: Inkompetenz, schlechter Charakter der Vorgesetzten, unfaire Behandlung sowie psychische und physische Übergriffe. So berichtet eine Fachkraft, dass vor ihrem Vorgesetzten nahezu jeder Angst verspürt habe. Ein anderer Teilnehmer sagt, das Verhalten des Chefs habe ihn psychisch krank gemacht.

Wertschätzung und Fürsorge

Befragt nach ihren positiven Erlebnissen mit Führungskräften, gehe es bei einem Großteil der Teilnehmer um Wertschätzung, so die Autoren der Studie. Diese werde in kleinen Gesten wie dem Blumenstrauß zum Firmenjubiläum oder dem Schokoladen-Nikolaus am sechsten Dezember ebenso ausgedrückt wie im Lob vor versammelter Mannschaft: „Dass mein Chef vor anderen sagt, dass er weiß, was er an mir hat“. Insgesamt schilderten mehr als 1.600 Teilnehmer positive Erlebnisse mit ihrer Führungskraft. Häufig zeigte sich die Führungskraft in diesen Situationen als „Helfer in der Not“, der auf Stress der Mitarbeiter fürsorglich reagiert: „Als es mir privat nicht gut ging, hat er Stress und Arbeit von mir ferngehalten“, so eine Teilnehmerin.

Überforderte Chefs sollen sich helfen lassen

Die Studienautoren berichten, einzelne Befragte würden ihren Führungskräften den Gang zum Psychotherapeuten empfehlen oder ihnen raten, „mit dem Lügen aufzuhören“. Offenbar habe sich bei einigen Mitarbeitern ein enormer Frust aufgrund von schlechten Führungserlebnissen angestaut. Hinter der mehrfach geäußerten Empfehlung, bei Gelegenheit eine „Weiterbildung zu sozialen und emotionalen Fähigkeiten“ oder ein „Seminar für Personalführung“ zu besuchen, könne durchaus der Eindruck stecken, einige Vorgesetzte seien mit ihrer Aufgabe fachlich oder persönlich überfordert.

Ein Teil der konkreten Ratschläge an Führungskräfte sei zudem noch stark von einem traditionellen Führungsbild geprägt, nach dem der „Chef“ durchsetzungsstark sein und starke Entscheidungen aus sich selbst heraus treffen sollte, schreiben die Autoren. Das Gros der konkreten Ratschläge lasse jedoch einen modernen, mitarbeiterorientierten Führungsstil als Idealbild durchscheinen. So oder so machen Führungskräfte einen Arbeitgeber attraktiv – oder eben nicht. „Das hat Konsequenzen fürs Recruiting und die Bindung von Mitarbeitern“, so Wolfgang Weber, Geschäftsführer von meinestadt.de. „Arbeitgeber sollten ihre Führungskultur daher reflektieren und in ihre Führungsqualität investieren.“

Mehr zur Studie
Das Marktforschungsinstitut Respondi hat die Umfrage im Auftrag des Stellenmarktes meinestadt.de durchgeführt. Rund 2.000 Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung, aber ohne Studium, also Nichtakademiker, aus verschiedenen Branchen waren für die Studie befragt worden – und durften ihre Vorgesetzten dabei mit Schulnoten bewerten. Die Ergebnisse berufen sich auf den ersten Teil der Studie. Die vollständige Studie wird ab Mitte November veröffentlicht.

Mehr zum Thema: Nur jede vierte Führungskraft denkt regelmäßig über Moral nach

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