Interview

Slack-CTO Cal Henderson: „Bei Flickr haben wir noch Linux von CD installiert – nie wieder!”

Slack-CTO Cal Henderson. (Foto: Slack)

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Die Kommunikations-Plattform Slack ist fest in der Startup-Welt verankert – hat aber auch Großunternehmen als Kunden. Ein Gespräch mit dem CTO über die Infrastruktur und die Konkurrenz von Microsoft.

2009 wurde Slack in Kanada gegründet, heute ist das Unternehmen mit Firmensitz in San Francisco der Standard für Unternehmenskommunikation – zumindest in Tech-Unternehmen. Auf der Techcrunch Disrupt in Berlin haben wir mit dem CTO Cal Henderson gesprochen.

t3n.de: Euer Unternehmen ist sehr schnell gewachsen – habt ihr von vorneherein auf Skalierung geachtet?

Cal Henderson: Als wir begannen, hatten wir noch keine richtige Vorstellung davon, welche Art von Teams Slack nutzen würden. Wir haben ein Tool für kleine Entwickler-Teams wie uns geschrieben – daher konzentrierten wir uns klar auf kleine Unternehmen. Im Original-Pitchdeck von Slack haben wir von Teams von fünf bis hundert Leuten gesprochen. In dem Sinne, dass wir viele kleine Unternehmen als Kunden gewinnen wollten, waren wir klar von vorneherein auf Skalierung ausgelegt. Das ist technisch auch leicht umzusetzen: Ein Unternehmen kann auf dem einen Server sein, ein anderes auf einem anderen. Was wir am Anfang nicht planten, war, das Produkt für sehr große Unternehmen auszulegen. Heute haben wir Kunden mit Hunderttausenden Nutzern auf einer einzigen Slack-Instanz. Das war eine technische Herausforderung, auf die wir am Anfang nicht eingestellt waren.

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Wann habt ihr festgestellt, dass Slack auch für große Unternehmen interessant ist?

Das war ein gradueller Prozess. Wir kamen aus einem gescheiterten Games-Startup und es war am Anfang echt ein harter Kampf, überhaupt mal jemanden davon zu überzeugen, unser Produkt auszuprobieren. Den Leuten zu sagen: „Wir sind gerade gescheitert – aber probier das mal aus“ ist schwer genug. Daher haben wir am Anfang zunächst mal kleine Entwickler-Teams wie uns davon überzeugt, es zu nutzen. Und dann haben wir nach und nach kleine Teams in großen Unternehmen gesehen, die Slack verwendeten. Was uns damals nicht so klar war: Wenn ein Unternehmen 100.000 Mitarbeiter hat, ist das kein 100.000-Leute-Team – das sind überwiegend viele kleine Teams so wie unseres. Anfang des Jahres haben wir dann ein Produkt namens Enterprise Grid gestartet, das die vielen kleinen Slack-Teams großer Unternehmen zusammenführt. So können sich Mitarbeiter aus zwei Teams gegenseitig Nachrichten schreiben und gemeinsam in einem Channel sein. Und dann gibt es natürlich noch solche Themen wie Compliance und Sicherheit, die bei größeren Unternehmen wichtiger sind.

Apropos Compliance: Ich kenne einige deutsche große Unternehmen, die ihren Mitarbeitern verbieten, Slack zu benutzen, weil die Server in den USA stehen. Gibt es konkrete Pläne für ein Slack nur auf EU-Servern?

Das ist vermutlich die am häufigsten gestellte Frage, die wir von großen Unternehmen in der EU bekommen – insbesondere von deutschen. Sie verlangen in der Regel, dass die Daten in Deutschland gespeichert werden und niemals das Land verlassen. Wir arbeiten daran – aber wir können noch nicht sagen, wann wir soweit sind. Aktuell ist das das größte Hindernis großer Unternehmen in Deutschland beim Einsatz von Slack.

Was war aus technischer Sicht die größte Herausforderung, als große Unternehmen dazu kamen?

Wir haben beim Design der Client-Server-Architektur an kleine Teams gedacht. Daher sind wir davon ausgegangen, dass die Liste aller Nutzer, die Profilinformationen und sämtliche öffentlichen Channels beim Öffnen der Smartphone-App jeweils neu übertragen werden können. Das hat für kleine Teams funktioniert – bei großen Teams wären das aber Hunderte von Megabyte, die bei jedem Öffnen der App übertragen werden müssten. Das geht einfach nicht. Deshalb mussten wir überdenken, was auf dem Server und was auf dem Client gespeichert werden soll.

Also befinden sich jetzt mehr Informationen auf den Geräten?

Ja, wir speichern so viel wie möglich auf den Geräten. Wie arbeiten hart daran, beim Öffnen der App nur die Unterschiede zum letzten Stand zu übertragen.

Welches Unternehmen ist heute euer größter Nutzer?

Vermutlich IBM, aber auch SAP ist ein sehr großer Kunde von uns. Die meisten Unternehmen, die Enterprise-Software erstellen, nutzen Slack.

Habt ihr von vorneherein auf AWS von Amazon gesetzt?

Ja, wir sind direkt mit AWS gestartet. Bei Flickr haben wir Erfahrung gesammelt mit eigenen Servern. Da haben wir noch selbst Server ins Rechenzentrum gebracht, verkabelt, Linux von CD installiert – da haben wir uns gesagt: „Nie wieder!“ Die ganze Hardware, neue Festplatten – das verbraucht alles Unmengen von Zeit. Man baut ja auch nicht sein eigenes Büro, das ist einfach eine Dienstleistung, die man besser einkauft. Das selber zu machen ist einfach Zeitverschwendung.

Slack kann ja nicht nur Chats, sondern auch Sprachanrufe – wir nutzen das bei t3n.de für unsere morgendlichen Konferenzen. Dabei gibt es immer wieder Abbrüche oder schlechte Verbindungen. Zuvor hatten wir die Probleme mit Skype. Ist die Übertragung von Sprache 2017 immer noch ein so großes Problem? Warum? Ist das Internet einfach nicht für Liveübertragung von Sprache gemacht?

So sieht Slack unter Windows aus. (Bild: Slack)

Skype arbeitet an der Thematik schon viele Jahre – und mit guten Internetverbindungen ist das recht verlässlich. Im Hintergrund wenden wir eine Menge Tricks an, um die Sprache möglichst klar klingen zu lassen. Aber es hängt sehr stark von der Verbindungsqualität des Netzwerks ab. Bei nur zwei Teilnehmern verbinden wir direkt, falls möglich, um uns den Umweg über einen Server zu sparen. Wenn du einen Anruf in Deutschland machst, wirst du nur mit deutschen Servern verbunden. Etwas, was wir ausprobieren: Wenn die Verbindungsqualität schlecht ist, wollen wir deutlich machen, an welcher Seite es liegt. Aber es ist ein schwieriges Problem, weil die Datenmenge einfach so viel größer ist als bei Text.

Ein großes Thema aller Unternehmen ist aktuell künstliche Intelligenz und Machine Learning. Was macht Slack in diesem Bereich?

Ja, es gibt schon so lange dieses Versprechen, dass KI Dinge ändern wird – und viele waren zu recht skeptisch. In den vergangenen Jahren gab es durch Deep Learning aber einen Durchbruch. KI kann sehr wertvoll im Bereich Effizienz sein. Wissensarbeiter verbringen viel Zeit damit, die Antwort auf Fragen in Erfahrung zu bringen, die in dem Unternehmen schon gestellt und beantwortet wurden. Von sehr einfachen Fragen wie „Wie reiche ich Kosten ein?“ oder „Wie ist das Thema Abwesenheit geregelt?“ bis zu Fragen wie „Was ist der Status dieses Projekts?“ oder „Wer arbeitet daran?“. Zunehmend wird auch Zeit darauf verwendet, die richtigen Ansprechpartner im Unternehmen zu finden. Mit Machine Learning wollen wir den Wissensschatz, der durch die Benutzung von Slack entsteht, den Mitarbeitern zugänglich machen. Statt zu fragen, wer für ein Projekt verantwortlich ist, kannst du einfach den Namen des Projekts in die Suche eingeben – und dann werden die Leute angezeigt, die über das Projekt Bescheid wissen. Auch direkte Fragen können beantwortet werden.

Und das ist schon veröffentlicht?

Die Suche, ja. Außerdem schauen wir uns auf Nutzerebene an, welche Themen und Channels du verfolgst. Welche Nachrichten liest du zuerst, welche Channels klickst du an, welchen Leuten antwortest du? Wenn du Slack eine Weile lang nicht öffnest und du hast danach einen Haufen Nachrichten, können wir dir sagen, in welcher Reihenfolge du sie lesen solltest.

Was sind davon abgesehen die Zukunftspläne von Slack?

Wir haben kürzlich Slack auf Deutsch gestartet. Schon heute kommen rund 30 Prozent unserer Nutzer aus Europa – und das bislang ohne Unterstützung der lokalen Sprachen. Wir hoffen, dass wir hier weiter wachsen durch Dinge wie breitere Sprachunterstützung, deutschen Support per Telefon und lokale Server. Wir wollen noch mehr Länder für Slack erschließen. Deutsche Unternehmen setzen Slack bisher, glaube ich, erst zu einem Prozent ein. Die anderen 99 Prozent – oder so viele wie möglich davon – wollen wir dazu bringen.

„Microsoft Teams ist definitiv stark von Slack inspiriert.“

Slack macht jetzt auch Plakatwerbung in Berlin. Wie wollt ihr die 99 Prozent darüber hinaus erreichen? Sind TV-Spots geplant?

Derzeit haben wir ausschließlich gezielte Plakatwerbung in Berlin, um die Auswirkungen davon zu messen. Das machen wir in einer Handvoll Städte weltweit, um die Werbemaßnahme zu testen. Dazu gehört auch mein Auftritt hier bei der Techcrunch Disrupt in Berlin. Wir haben noch keinen festen Marketingplan, den wir kommunizieren können. Aber klar ist: Sehr viele Startups, insbesondere in Berlin, kennen und nutzen Slack – aber in vielen Unternehmen, Branchen und Städten sind wir auch noch völlig unbekannt. Die Unternehmen kennen nicht nur Slack nicht, sondern die ganze Software-Kategorie. Sie denken gar nicht über die Frage „Welche Messaging-Plattform für Teams sollten wir nutzen?“ nach. Was wir häufig aus solchen Unternehmen hören, ist, dass sie eine Mischung aus E-Mails, Messenger wie Whatsapp oder Facebook Messenger und Telefon benutzen. Da gibt es keine einheitliche Messenger-Software.

6 Fragen, die sich jedes Unternehmen in der Digitalisierung stellen sollte

Nutze ich effiziente Software?

1. Haben meine Mitarbeiter mobil Zugriff auf wichtigste Unternehmensdaten wie CRM, ERP und Business-Intelligence?

2. Gibt es ein Software-Tool wie Slack, mit dem die interne Kommunikation effizienter werden kann?

3. Für welche Dinge wird im Unternehmen Microsoft Excel eingesetzt? Gibt es eine bessere Software?

4. Gibt es On-Premise-Lösungen, die in eine Public Cloud ziehen könnten?

(Foto: Rawpixel.com Adobe Stock)

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Was hältst du von Microsofts Teams 365? Ist das ein Slack-Klon?

Es ist definitiv stark von Slack inspiriert. Aber es ist gut für uns insofern, dass es unterstreicht, dass es sich wirklich um eine neue Software-Kategorie handelt. Nicht nur, dass sie existiert, sondern dass sie wichtig genug ist, dass Microsoft sie besetzen muss. Das ist ein Signal an Kunden.

Aber besteht nicht das Risiko, dass viele Unternehmen sowieso eine Office-365-Lizenz haben und nun Slack gar nicht mehr brauchen, weil sie einfach Teams 365 nutzen können, das ohnehin im Preis enthalten ist?

Wir haben den Vorteil von fünf Jahren Markterfahrung. Es bleibt abzuwarten, wie die Erfahrungen mit Teams sein werden – aber wir nehmen gerne den Wettbewerb auf.

Was sind weitere Zukunftspläne, abgesehen vom Wachstum außerhalb des US-Marktes?

Wir konzentrieren uns stark auf die Plattform. Im Kern ist Slack eine Nachrichten-Applikation – was es aber wirklich wertvoll macht, ist die Integration all der anderen Dinge, die Leute benutzen. Vor einem Jahrzehnt haben große Unternehmen Software oft nur von einem Hersteller wie SAP oder Oracle gekauft. Zunehmend kaufen mittelgroße bis große Firmen ihre Software aber von Dutzenden bis Hunderten verschiedenen Herstellern – vor allem bei Cloud- und SaaS-Software. Und der richtige Ort, um alle diese verschiedenen Lösungen zu verbinden, ist die Kommunikationsplattform – egal ob Task Manager, CRM, ERP, Marketing Automation oder Entwicklungs-Tools. Ob bei einem Salesforce-Bericht oder einer Dropbox-Datei – die Zusammenarbeit kann effizient über Slack abgewickelt werden. Außerdem testen wir aktuell geteilte Channels in einer Beta-Phase. Die Idee ist, dass sich zwei Organisationen einen Channel teilen können. Denn nur wenige Unternehmen arbeiten nicht mit anderen Firmen zusammen.

Gibt es Pläne für einen Börsengang?

Wir wollen das Unternehmen möglichst unabhängig halten und konzentrieren uns darauf, wie wir weiter wachsen. Daher haben wir keine kurzfristigen Pläne für einen IPO.

Also gibt es keinen Bedarf für das Geld vom Börsenmarkt?

Vor vielleicht fünf Jahren – definitiv aber vor zehn Jahren – wäre ein Unternehmen unserer Größe längst an der Börse. Aber wir befinden uns heute in einem anderen finanziellen Umfeld. Wir haben bisher 840 Millionen US-Dollar aufgenommen – Zugang zu Kapital ist kein Problem für uns. Und wir haben ein sehr einfaches Geschäft: Wir verkaufen Software für Geld.

Vielen Dank für das Gespräch!

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