Gründer treffen auf 2 Billionen Dollar Wagniskapital: Diese deutschen Startups waren auf dem Slush-Festival
Von der Nerd-Runde zum internationalen Erfolg
Was 2008 als kleine Versammlung 300 finnischer Tech-Enthusiasten begann, ist längst zu dem Startup- und Tech-Event in Europa und einem der größten Startup-Events der Welt geworden. Kamen 2016 schon beeindruckende 17.500 Besucher nach Helsinki, waren es in diesem Jahr sogar rund 20.000 Teilnehmer, 2.600 Startups, 1.500 Investoren und 600 Journalisten aus 130 Ländern. Dazu gesellten sich noch eine Million Zuschauer vor dem heimischen Bildschirm. Seit 2015 schlägt das Festival mit Slush Tokyo, Slush Shanghai und Slush Singapore auch eine Brücke nach Asien. Und trotzdem: Ungeachtet all dieser beeindruckenden Zahlen gilt das Festival weiterhin als Geheimtipp.
Ein Grund dafür könnte in der Organisation liegen. Das Slush-Festival wird als Non-Profit-Event ausschließlich von Studenten organisiert – und hier liegt auch eines der Geheimnisse des Events. Slush setzt auf Erfahrungsaustausch und den kollektiven Lerneffekt. So sollen die Studenten zu Entrepreneuren werden, die ihre jährlichen Erfahrungen und Erlebnisse anschließend an die nächsten Generationen weitergeben. Intensive Unterstützung erfährt die studentische Community dabei von Wirtschaftsgrößen, Startup-Idolen und der Regierung. Man kann sich das Slush-Festival als eine Art großes finnisches Netzwerktreffen vorstellen, bei dem alle denkbaren Kontakte aktiviert werden.
Startups, Speaker, Investoren
Auch bezüglich des Vortragsprogramms konnte sich das Slush-Festival sehen lassen. Wie schon im Vorjahr waren in Helsinki wieder zahlreiche bekannte Gesichter des Startup-Ökosystems vertreten. Spannende Vorträge gab es unter anderem von dem Beinahe-US-Präsidenten Al Gore (Chairman of General Investment Management), Martin Lau (President of Tencent), Michael Pryor (Mitgründer und CEO von Trello), Cal Henderson (Mitgründer und CTO von Slack), Mark Pincus (Gründer und CEO of Zynga) und Lukasz Gadowski (Mitgründer von Delivery Hero), um nur einige Auszüge des 180 Namen umfassenden Speaker-Line-ups zu nennen.
Eine große Besonderheit des Slush ist zudem die hohe Konzentration von Investoren, die nicht nur aus Europa, sondern insbesondere aus Nordamerika – mit Direktflieger aus San Francisco – und Asien kommen. Im Klartext: Den Startups standen während der Slush in diesem Jahr Investoren mit einem verfügbaren Venture-Capital-Volumen von zwei Billionen Dollar gegenüber. Eines der exklusivsten Side-Events speziell für Investoren war auch in diesem Jahr die „Knights of Slush“, bei der Investoren im kleineren Kreis mit CEOs und Startups ins Gespräch kommen und die ein oder andere Privataudienz abhalten konnten – stilecht im Rittersaal von Helsinki.
Deutschland wirkt auf dem Slush-Festival noch unterrepräsentiert
Insgesamt beteiligten sich auch 112 deutsche Startups an unterschiedlichen Formaten des Slush-Festivals – 2016 waren es noch 100, 2015 sogar nur 39. Eine Entwicklung, die den heutigen Stellenwert des Events unterstreicht. Neben den Startups waren mit Bayer, Bosch, Siemens, Porsche und SAP auch einige große Unternehmen aus Deutschland vertreten. Die Länder Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg organisierten individuelle Unternehmerreisen zum Event und präsentierten sich in Helsinki auf einem Gemeinschaftsstand. Berlin leistete sich einen eigenen Stand und Hannover schickte auf eigene Kosten vier ausgewählte Startups zum Event. Und trotzdem wirkte Deutschland auf der Slush etwas unterrepräsentiert – gerade im Vergleich mit anderen Ländern.
Ein spannendes offizielles Side-Event stach allerdings gerade dadurch umso mehr heraus: Die Deutsch-Finnische Handelskammer hatte einen German-Startup-Pitch mit Veranstaltungen zu „Connected Intelligence“ und „Lifestyle, Well-being & Future Consumers” organisiert.
21 deutsche Startups aus Baden Württemberg, Hamburg, NRW und Niedersachsen bekamen dabei die Gelegenheit, ihre innovativen Ideen vor Investoren, Corporate-Partnern und Supportern zu pitchen – im etwas intimeren Kreis. Genau diese Events sind es, meint Glenn Gassen, Leiter Global Networks & Innovation bei der Deutsch-Finnischen Handelskammer, die den richtigen Rahmen für Gespräche schaffen: „Side Events sind sehr wichtig, um im kleineren Format die richtigen Leute zu treffen. Die deutschen Startups bekommen auf unseren Events viele wertvolle Kontakte zu Investoren und Corporates.“
Ein teilnehmendes Startup war Smavoo aus Hannover. Smvaoo arbeitet an der Vision einer digitalen und smarten Fabrik durch eine intelligente Vernetzung aller Prozessteilnehmer über die gesamte Supply-Chain. Sie produzieren moderne Sensor- sowie Kommunikationstechnologien und entwickeln innovative Softwarelösungen für die Produktion und Logistik.
„Die Slush bietet eine hervorragende Plattform zum Austausch mit anderen Startups, Unternehmen und Investoren. Wir konnten weitere Kunden für unsere IoT-Lösung gewinnen und werden im kommenden Jahr unseren neuen Data-Science-Service launchen“, sagt Rouven Wiegard, CDO und Co-Founder Smavoo. „Hiermit können wir neben den Smavoo-Sensor-Daten auch Ereignisse in der Supply-Chain vorhersagen. Es ist ein tolles Event und hilft uns zusätzlich bei der Suche nach Software-Entwicklern.“
Nordischer Zusammenhalt
Vor allem der Startup-Drive noch weiter nördlich ist beeindruckend. Bei den „Nordics“, wie Skandinavier, Finnen, Esten, Letten und Litauer im Norden Europas gerne zusammengefasst werden, ist ein ungewöhnlicher Zusammenhalt zu erkennen. Unter dem Slush-Slogan „Welcome to the North“ haben es die Veranstalter geschafft, das studentische Non-Profit-Event von einem Treffen finnischer Tech-Nerds in eines der führenden Startup-Events der Branche zu verwandeln. Eine Entwicklung, die besonders der Leidenschaft und dem Drive der Initiatoren zu verdanken ist. Sie bauen Brücken und vernetzen innerhalb der Startup-Community, entwickeln das Event immer weiter und stärken so massiv das Startup-Ökosystem im Norden Europas. Die Kombination aus Tech-Innovationen, Smart Money und Venture-Capital mit Musik, Party und Networking sowie der Beteiligung einer ganzen Stadt und Region machen dieses Event einzigartig.
Das Slush-Festival hat uns gezeigt, was entstehen kann, wenn alle an einem Strang ziehen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Was schließen wir daraus? Sollte die Bundesregierung es ernst meinen, muss zukünftig noch mehr passieren, damit Deutschland in der globalen Tech-Szene ganz vorne mitmischen kann.
Und eine weitere persönliche Einladung, wie vom damaligen CEO der Slush, Miikki Kuusi, sollte Angela Merkel wohl auch nicht ausschlagen. Wir jedenfalls werden auch nächstes Jahr wieder dabei sein und ein mit Sicherheit noch größeres Slush-Festival erleben.