Analyse

Dieses verrückte Crowdfunding von The Ocean Cleanup säubert die Meere

CEO und Gründer Boyan Slat stellt in Vancouver, Kanada, die Ergebnisse von Mission One vor. Inmitten des gesammelten Plastiks. Mitarbeiter von The Ocean Cleanup beim Sortieren des geernteten Plastiks. (Foto: The Ocean Cleanup)

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Die Hoffnung der Ozeane ruht auf einem Social-Startup, das sich bisher über Fundraising finanziert hat. Jetzt gibt es Produkte zu kaufen. Irgendwie aber auch nicht.

The Ocean Cleanup, das Startup, das die Weltmeere vom Plastik befreien will, ist dabei, seine ersten Produkte mit einer Crowdfunding-Kampagne zu vermarkten. Hergestellt werden die einzigartigen Produkte aus dem Plastik, das das Startup zuvor mühsam mit selbstentwickelter Technologie in Massen aus dem Ozean gefischt hat. Dass in diesem Artikel bisher nur kategorisch von Produkten zu lesen ist und noch kein einziges, konkretes Produkt genannt wurde, hat einen Grund: Es gibt keine. Und das ist verdammt clever.

The Ocean Cleanup: Clevere Mischung aus Verkauf und Spende

Die Weltmeere zu 90 Prozent von Plastik zu befreien, ist ein aufwendiges und teures Ziel. Bisher hat The Ocean Cleanup die Entwicklungsphase, das Prototyping und die erfolgreichen Sammlungen mit einem ersten Müllsammelsystem im Ozean durch Fundraising und eine initiale Crowdfunding-Kampagne 2014 finanziert. Die gesamte Reinigung der Meere wird einige Zeit dauern. Und diese Operation braucht ein stetiges Einkommen.

Mit einer Crowdfunding-Kampagne legt das Startup jetzt den Grundstein für seine zukünftige Finanzierung. The Ocean Startup ist eine Non-Profit-NGO und firmiert als Stiftung im niederländischen Delft. Zur Finanzierung der Meeresreinigung hat die Stiftung jetzt eine eigenständige Vertriebsgesellschaft gegründet, die Produktlinien aus Ozean-Plastik entwickeln wird. The Ocean Cleanup setzt dabei auf eine Mischung aus Verkauf und Spende. Mit einem Einsatz von 50 Euro sichern Kunden sich eine Art Vorkaufsrecht mit integrierter Anzahlung auf das zukünftige Produkt.

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The Ocean Cleanup hat Finanzierungsmodell gefunden

Die Crowdfunding-Kampagne von The Ocean Cleanup sammelt im ersten Schritt eine Spende über 50 Euro ein, bezahlt wird mit Kreditkarte oder Paypal. Die Spende geht zu 100 Prozent an die Stiftung und finanziert die weitere Entwicklung der Plastik-Sammelsysteme und deren Einsatz im Meer. Im zweiten Schritt erhält der Spender einen Gutschein über 50 Euro, der im zukünftigen digitalen Vertriebskanal von The Ocean Cleanup eingelöst werden kann. Mit diesem Gutschein erhält der Spender ein Vorkaufsrecht auf ein Produkt aus der zukünftigen Ozean-Plastik-Produktlinie. Das Produkt wird einen noch nicht bekannten Betrag kosten. Sollte der Kaufpreis über 50 Euro liegen, müssen Spender aufzahlen. Sollte der Produktpreis darunter liegen, ist keine Aufzahlung nötig. Dann wird der Gutschein verrechnet – eine eventuell auftretende Differenz wird nicht ausgezahlt.

Spender erhalten exklusiv Zugriff auf Inhalte rund um die Reinigungsmission von The Ocean Cleanup. Besonders der Weg vom Sammeln über die Entwicklung bis hin zur Produktion des Endproduktes wird von dem Startup in Text, Bild und Video dokumentiert und zur Verfügung gestellt. Spender werden per Mail und SMS über Neuerungen und den Produktionsstand informiert.

System 001/B sammelt Müll ein. (Foto: The Ocean Cleanup)

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The Ocean Cleanup geht davon aus, dass bis September 2020 ein Produkt vorgestellt werden kann, das bis Ende 2020 zur Verfügung steht, garantiert das aber nicht. In den Bedingungen der Kampagne wird im Prinzip nicht einmal garantiert, dass es überhaupt ein Produkt geben wird oder tatsächlich ein Gutschein dafür ausgestellt wird. Ein cleverer Schachzug, der sowohl die Finanzierung der Reinigungsoperation sichert als auch den Vertrieb der noch zu entwickelnden Produkte. Notfalls könnte das Startup die Produktionskosten für das fertige Produkt einfach auf den Kaufpreis aufschlagen.

Technisch hängt diese Vorgehensweise damit zusammen, dass die Entwicklungsarbeit für die Wiederverwertung des Ozean-Plastiks und der nachfolgenden Produktion gerade noch läuft. Das bisher in der ersten Mission containerweise gesammelte Plastik befindet sich in unterschiedlichen Zersetzungszuständen, ist mit Algen- und Muschelbewuchs versehen und trieb unter Umständen schon Jahre im Meer.

Dementsprechend ist auch noch unklar, welches Produkt letztlich aus dem recycelten Werkstoff hergestellt werden wird – in der Kampagne wird auch erwähnt, dass das Endprodukt nur zum Teil aus dem Ozean-Plastik bestehen könnte. Denkbare Szenarien für zusätzliche Materialien wäre beispielsweise das Hinzufügen von Hilfsstoffen zum Kunststoff, oder notwendige Zusatzelemente am Produkt wie beispielsweise ein Holzdeckel mit Silikonabdichtung für eine Kunststoffflasche aus Ozean-Plastik.

Produkte aus echtem, zertifizierten Ozean-Plastik aus dem Pazifik

Ozean-Plastik begegnet Kunden heute schon als eher undefinierter Begriff. Dabei zählen die produzierenden Unternehmen jegliches Plastik zum Ozean-Plastik, das in der Nähe des Meeres gesammelt wurde.

The Ocean Cleanup arbeitet mit der internationalen Klassifizierungsgesellschaft DNV-GL zusammen, um den Herkunftsweg des Plastiks genau zu dokumentieren. Die komplette „Lieferkette“ wird noch auf dem Meer festgehalten, Sammelcontainer nach Dokumentation bis zum Transport zum Produktionsort verplombt. So können Spender sicher gehen, dass das Produkt tatsächlich Ozean-Plastik aus dem Meer enthält. Für die Kampagne wird es sich konkret um Kunststoff aus dem „Great Pacific Garbage Patch“ handeln. Rund 60 Säcke mit einer Füllmenge von einem Kubikmeter hat The Ocean Cleanup bisher gesammelt, dabei handelt es sich jedoch nur um den „Beifang“ des Tests. Größere Mengen werden von dem endgültigen System erwartet, das im nächsten Jahr fertiggestellt werden soll.

Mit dem Produkt aus diesem Plastik hätten Spender ein besonderes, nachhaltiges Produkt erworben, mit dem sie die Säuberung der Weltmeere aktiv unterstützt haben. Der Preis wird sicher deutlich über dem liegen, was am Markt für vergleichbare Produkte üblich sein wird – dafür bekommt der Kunde das gute Gefühl, dass er genau dieses Stück Plastik aus dem Meer geholt hat. Besser geht’s nur noch, wenn das Plastik mit eigenen Händen herausgefischt worden wäre.

Hintergrund: The Ocean Cleanup

Das Nonprofit-Startup The Ocean Cleanup forscht seit 2014 an einem autonomen Reinigungssystem für die sogenannten Plastikmüll-Strudel in den Weltmeeren. 2018 wurde der erste Prototyp erprobt, der zuerst noch versagte. 2019 schließlich wurde die schwimmende Treibbarriere mit einem fallschirmartigen Treibanker in einer neueren Fassung zu Wasser gelassen. Das rund 160 Meter lange System konnte dann im Pazifik erfolgreich Plastik einsammeln, das an Bord eines Begleitschiffes gesammelt wurde.

Das System von The Ocean Cleanup im Pazifik. Eine halbrunde Anordnung von schwimmenden Röhren mit einem darunter angebrachten Netz und einem Fallschirm-Treibanker. (Foto: The Ocean Cleanup)

Die Endversion des Systems soll 600 Meter lang sein, mit 24 solchen Sammelsystemen will The Ocean Cleanup dann 50 Prozent der Plastikverunreinigungen in fünf Jahren einsammeln, insgesamt sollen 90 Prozent entfernt werden.

Im Oktober enthüllte das Startup zusätzlich ein Reinigungsgerät namens Interceptor, das in Flussmündungen eingesetzt werden soll, um zu verhindern, dass weitere Verschmutzung in die Meere gelangt.

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4 Kommentare
Markus
Markus

Und muss ich mein Meeresplastikprodukt dann am Ende auch wieder ins Meer werfen um den Kreislauf zu schließen?

Antworten
Jochen G. Fuchs

Unbedingt, aber bitte das Produkt dann persönlich bis in den Great Pacific Garbage Patch begleiten. Nicht dass es noch verloren geht. ^^

Antworten
Tanja
Tanja

> Besser geht‘s nur noch, wenn das Plastik mit eigenen Händen herausgefischt worden wäre.

und noch besser geht’s nur noch, wenn das Plastik gar nicht erst im Meer landet. Den Plastikmüll aus dem Meer überteuert wieder in den Kreislauf zu bringen ist ein Symptom eines völlig kranken Wirtschaftssystem. Mal darüber nachgedacht?

https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/wirtschaft/deutscher-plastikmuell-verschmutzt-malaysia-e590969/

Antworten
Jochen G. Fuchs

Hallo Tanja!

Irgendwie muss sich das Startup finanzieren, mit erscheint der Ansatz schon vernünftig. Über kranke Wirtschaftssysteme zu philosophieren ist spannend, rettet aber keine Meere.

Mach doch mal einen Gegenvorschlag. Was soll mit dem Plastik passieren? Es ist bereits da. Das verschwindet ja nicht einfach. Entweder es wird recycelt oder verbrannt.

Mir persönlich erscheint Recycling sinnvoller, aber wenn Du eine bessere Idee hast: Immer her damit!

Liebe Grüße
Jochen

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