Interview

Was ist dran an der „Startup-Lüge“?

Jochen Kalka, Autor der „Startup-Lüge“ (Bild: Thomas Dashuber)

Startups sind trotz Bällebad und Kicker selten gute Arbeitgeber, sagt Jochen Kalka. In seinem Buch rechnet der Marketingexperte mit der Gründerszene ab. Ist das gerechtfertigt?

Wenn jemand ein Buch über die Startup-Welt schreibt, kommen die Neugründungen darin meist gut weg. Startups gelten als coole Arbeitgeber, als Alternative zu trägen Konzernen und als Innovationstreiber und Ideengeber.

Jochen Kalka, Chefredakteur des Branchenblatts Werben & Verkaufen, hält vehement dagegen: In seinem Buch „Die Startup-Lüge: Wie die Existenzgründungseuphorie missbraucht wird und wer davon profitiert“ rechnet er mit der Gründerszene ab. Keine Geschlechtergleichheit, unfaire Löhne, ausbeuterische Arbeitszeiten – so sieht Kalkas Welt der Startups aus. Aber kann das stimmen? Ist das gerechtfertigt? Im Interview stellt sich Jochen Kalka diesen Fragen.

t3n: Jochen, aus deiner digitalen Euphorie der letzten Jahre ist angeblich Ernüchterung geworden. Was meinst du damit?

Jochen Kalka: Die digitale Revolution ist doch grundsätzlich eher ein Gewinn für die Gesellschaft. Wenn man sich überlegt, was sich in den vergangenen Jahren seit der Erfindung des Smartphones alles verändert hat, dann ist das Grund zur Freude. Aber wenn man sich ansieht, wie die digitale Transformation an vielen Ecken Heuchler und Seelenverkäufer hervorruft, wie sie Scheinheilige und Betrüger zur Geltung bringt, dann ist das für mich mehr als ernüchternd. Man sieht, wie wenige Startups gut durchdachte Ideen verfolgen, oft, ohne Markt oder Zielgruppen zu bedenken. Und man sieht, wie deren Geldgeber oft angelogen werden, um die nächste Finanzierungsrunde zu überleben. Natürlich gibt es auch tolle, weltverändernde Startups, doch die sind leider extrem selten.

t3n: Duzen durch alle Hierarchieebenen, lockere Kleiderordnung und pompöse Titel als Ausgleich für ein faires Gehalt – das ist deinem Buch zufolge eine der Startup-Lügen. Also wenn du mir die drei Eigenschaften genannt hättest, hätte ich da auf die Agenturszene in der Werbung getippt.

Ja, da hast du einen neuralgischen Punkt getroffen. Dinge wie „Gratis-Pizza am Abend und dann weiterarbeiten“ und „Kicker im Büro statt Freizeit“ treffen definitiv in großen Teilen auch auf die Werbewirtschaft zu. Die Agenturbranche ist allerdings schon einen Schritt weiter als die Startup-Szene: Die Scheinfürsorge wurde durchschaut und immer weniger junge Menschen haben Lust an einem Agenturjob. Die Parallelen zwischen heutigen Startups und der Mad-Men-Ära der Werbezunft sind frappierend. Das Kreative im ursprünglichen Sinne, also das Schaffen, das Entstehenlassen, das verbindet beide Kulturen.

t3n: Du kritisierst unter anderem den Frauenanteil und die Ungerechtigkeiten bei der Entlohnung. Das ist aber doch in Großunternehmen nicht anders – also was ist nun dein Vorwurf? 

Ausbeuterische Elemente gibt es in der Old Economy ebenso wie bei Startups. Ich war bei meiner Recherche nur sehr überrascht, dass Startups nicht moderner und emanzipierter sind. Die größte Ausbeutung erleben übrigens oft ausgerechnet die Gründer und Startup-Chefs selbst, weil bei ihnen ja kein Mindestlohn greift. Ich hatte schon gedacht, dass es bei heutigen Startups entschieden besser aussieht als in der etablierten Konzernwelt.

t3n: Was ist denn dort so ungerecht?

Dass Frauen schon von vornherein deutlich weniger Geld von Investoren erhalten, als sie fordern, dass Männer mehr kriegen, als sie fordern, dass unter den Investoren nur elf Prozent Frauen sind, die meist anders entscheiden als Männer, dass in den USA lediglich zwei Prozent aller Startup-Investments in Frauenhände gelangen – all das macht mich mehr als stutzig. Und dann das Me-too-Desaster: Sexuelle Belästigung, vor allem unerwünschte Berührungen, kommen in Startups um ein Vielfaches häufiger vor als in anderen Unternehmen, selbst bei der Bundeswehr ist das Problem nicht so akut wie bei Startups.

t3n: Wenn es bei den Startups so schlimm zugeht, warum sind dann so viele Großkonzerne daran interessiert, sich „ihre“ Startups zu halten, sie in Hubs zu unterstützen oder mit Investitionen an sich zu binden?

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Schreib den ersten Kommentar!

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung