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Interview

ZDF-Anchorman Claus Kleber: „Wahrheit darf keine Emotion werden. Wir müssen sie retten!”

„Ohne seriösen Journalismus ist unsere Demokratie in Gefahr“ 
- Claus Kleber (62) an seinem Schreibtisch im ZDF heute-journal. (Foto: Ingo Espenschied)

Claus Kleber sucht Streit. Mit allen Hetzern und Lügnern möchte sich der heute-journal-Moderator anlegen. Im exklusiven t3n.de-Interview mahnt er Journalisten und Zuschauer zur Zusammenarbeit.

„Guter Journalismus war noch nie so schwer zu erkennen“, erklärt Claus Kleber. Gerade in unserer schnell getakteten Welt wäre es doch wichtig zu verstehen, wer hinter Botschaften und vorgefertigten Meinungen eigene Interessen versteckt. Was ist Reklame, was Information, was Propaganda? Geduldig erklärt Kleber jedem seinen Job – auch denen, die recherchierenden Journalisten in Zeiten von Twitter und Push-Mitteilungen zu einem Berufswechsel raten oder ihnen misstrauen.

Eigentlich könnte sich der 62-Jährige auf seinem Erfolg ausruhen. Am Hauptsitz des Zweiten Deutschen Fernsehens auf dem Mainzer Lerchenberg reihen sich in Klebers gläsernem Büro die Preise für seine Arbeit: der deutsche Fernsehpreis, die Goldene Kamera und sogar der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, hierzulande die höchste Ehrung für einen Fernsehjournalisten.

Doch Kleber bleibt umtriebig und neugierig – auch im Netz: Bei Twitter erreicht er mit seinen Tweets mehr als 320.000 Follower. Hier blickt er hinter die Kulissen der Eilmeldungen und Diskussionen, trifft auf Social Bots und erlebt Meinungsmache am eigenen Leib. Kleber sorgt sich immer mehr um unsere Gesellschaft und ihr höchstes Gut, die Wahrheit.

„Ich will eine Partnerschaft mit einem Publikum, 
das uns in Frage stellt, das kritisch ist, das nachhakt...“ 
– Claus Kleber am Konferenztisch des ZDF heute-journals. 
(Foto: ZDF / Uwe Düttmann)

t3n.de: „Rettet die Wahrheit“ heißt ihr neuestes Buch. Was ist für Sie denn Wahrheit? Akte-X-Fans wissen ja nur, dass die Wahrheit irgendwo dort draußen ist...

Claus Kleber: (lacht) Die Wahrheit ist nach wie vor dort draußen. Aber das bedeutet ja, dass es „die Wahrheit“ gibt. Das ist schon ein Erkenntnisschritt, der nicht mehr selbstverständlich ist. Inzwischen sind in Umfragen über 40 Prozent der Bevölkerung der Meinung, Wahrheit sei Ansichtssache. Das ist sie aber ganz sicher nicht. Sie ist interpretierbar, manchmal schwer herauszufinden, aber es gibt sie.

Dieses Buch ist auch ein Appell, diese Suche nicht aufzugeben und Wahrheit nicht mit Emotionen zu ersetzen. Irgendeine Orientierungsschnur braucht der Mensch und wenn er Fakten nicht anerkennt, geht es nur noch nach dem Bauch und nach Gefühl. Und dann kommt heraus: „Trump ist ein starker Mann, der uns beschützen wird“. Und diese Emotion hat zu grundstürzenden Veränderungen der Welt geführt.

t3n.de: „Rettet die Wahrheit“ heißt also nicht, dass Claus Kleber oder das ZDF heute-journal wissen, was die Wahrheit ist?

Claus Kleber: Das ist ganz genau nicht, was wir wollen. Ich will eine Partnerschaft mit einem Publikum, das uns in Frage stellt, das kritisch ist, das nachhakt, das Plausibilitäten überprüft, vielleicht auch selber mal auf die Suche nach der Wahrheit geht in einer Frage, die sie besonders interessiert. Und nicht dem erstbesten Facebook-Eintrag oder Tweet folgt und beim Rest dann praktisch das Gehirn ausschaltet.

t3n.de: Kann es sein, dass unserer Gesellschaft die Medienkompetenz abhandengekommen ist oder wir die teilweise gar nicht besitzen?

Claus Kleber: Medienkompetenz wird gefordert, seit ich in den Medien bin. Also schon eine ganze Weile. Sie ist jetzt noch viel, viel wichtiger geworden, wo wir in einer Zeit leben, in der jeder den Anschein von Professionalität vermitteln kann.

Früher konnte man ein handgeschriebenes Papier oder ein an einen Baum genageltes Flugblatt gut von einem Leitartikel in der „Zeit“ unterscheiden. Heute gehört überhaupt nichts mehr dazu, Zehntausende und mehr zu erreichen mit irgendwas, das man sich überlegt hat. Und das sogar im Layout und in der Formulierung und im Videoteil professionell aussehen zu lassen. Umso mehr muss man auch von den Konsumenten Engagement fordern, sich mit der Sache ein bisschen vertiefter zu befassen.

t3n.de: Müssten sich nicht auch die Medien anpassen?

Claus Kleber: Selbstverständlich! Das schöne Washington-Post-Motto „Die Demokratie stirbt in Dunkelheit“ („Democracy Dies in Darkness“, Anm. d. Red.), heißt umgekehrt: Licht anmachen, Fenster und Türen auf. Leuten mal erlauben, reinzugucken, wie eigentlich unsere Arbeit als Journalisten überhaupt ist.

Denn das begegnet mir immer wieder: Wenn irgendjemand sagt, ich bin Metzger, ich bin Anwalt, ich bin Taxifahrer oder Lehrer oder Neurologe, dann weiß jeder so ungefähr, was der macht. Wenn jemand aber sagt, ich bin Fernsehjournalist... – Was treiben die eigentlich den ganzen Tag? Wie kommt die Sendung zustande, wer trifft die Entscheidung? Wo entsteht die Richtung, die manchmal einen Beitrag oder die ganze Sendung ausmacht? Wo kommt das her? Das ist vielen ein Buch mit sieben Siegeln. Und da entsteht Misstrauen.

Daher mein Appell, die Wahrheit wieder ernst zu nehmen und sich Mühe zu geben mit ihr. Und zweitens ein Appell an uns Journalisten, die Zuschauer auch zu ermächtigen, sich kritisch mit dem, was wir treiben, auseinanderzusetzen.

t3n.de: Journalismus ist ja nicht der beliebteste Beruf. Für Sie ist das sicher nicht motivierend. Wieso sollte man für Journalismus werben?

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Eine Reaktion
hein-tirol

Was Claus Kleber nicht sagt und Zuhörer/-schauer des ZDF-Journals sauer aufstößt, ist seine Oberlehrerhafte Art, besonders vorwurfsvoll besonders gen Osten Schuldzuweisungen in den Raum stellt, ohne dieses näher zu begründen und so den Konsumenten in ein Vakuum sitzen lässt - man sagt auch Halbwahrheit dazu oder, in Anlehnung an das Unwort des Jahres, alternative Fakten.

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