Reportage

Von Estland lernen: Wie eine kleine Republik zum digitalen Vorzeige-Staat wurde

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Bisher hat sich dieser Zusammenhalt ausgezahlt: Das Land erlebte in den 1990er Jahren einen schnellen Aufschwung. Durch die Digitalstrategie wurde außerdem die Bürokratie entschlackt. Vor ­allem die E-Identität vereinfacht viele Prozesse für die ­Esten. Sie können ihr Unternehmen darüber anmelden, ihren Führerschein verlängern, ein Arztrezept erhalten oder auch Verträge untereinander abschließen. Wer sein Auto an jemanden verkaufen will, der unterzeichnet den Vertrag online. Alles, was es dafür braucht, ist ein Kartenleser, der an das Notebook oder den PC angeschlossen wird. Damit können sich die Bürger jederzeit überall verifizieren.

Wie sehr die Digitalisierung den Alltag verändert, ist heute zum Beispiel bei der Gründung eines Unternehmens zu sehen. Juhan Kaarma sitzt in einem winzigen Büro im Tehnopol Startup-Inkubator im Süden Tallinns. Vier Schreibtische stehen auf zehn Quadratmetern, die Wand wird von einem weißen Plakat mit der roten Aufschrift „Weps“ gefüllt. Kaarma hat kurze, blonde ­Haare und blaue Augen, er redet schnell. Als ehemaliger Teilnehmer des Axel-Springer-Accelerators Plug and Play hat der Gründer des Startups Weps einen direkten Vergleich zwischen estnischer und deutscher Bürokratie.

 „Der Gründungsprozess in Deutschland war für uns ziemlich qualvoll.“

„Der Gründungsprozess in Deutschland war für uns ziemlich qualvoll“, sagt der 24-Jährige. Wenn er die Geschichte erzählt, wie er in der Bundesrepublik ein Unternehmen angemeldet hat, grinst er ein wenig ungläubig und schüttelt den Kopf: Wie er ­einen Haufen an Dokumenten ausfüllen musste, dann zum Notar ging, ihm Hunderte Euro zahlte, um das Dokument vorgelesen zu bekommen, wie er es unterschreiben musste, um ein Bank­konto zu eröffnen, das an den Notar gesendet wurde, der es an ein lokales Gericht schickte. Und wie sein Unternehmen erst dann offiziell eingetragen wurde.

In Estland, sagt Kaarma, sei das einfacher: „Du gehst online, loggst dich mit deiner E-Signatur ein, kreuzt ein paar Kästchen an und das war’s.“ Das System überprüft automatisch, ob der Unternehmensname noch verfügbar ist und ob das Bank­konto stimmt. Die Gründung dauert nicht Monate wie in Deutschland, sondern vielleicht 20 Minuten. Auch Geld lässt sich einfacher einsammeln. Als Weps eine Seed-Finanzierung von 100.000 Euro abschloss, saß der Investor im Bus, Kaarma in Riga und seine Mitgründer in ihren Wohnungen in Tallinn. Durch die digitale Identität konnten sie sich online verifizieren und die Finanzierungsrunde unterwegs abschließen. In Deutschland hätte Kaarma auch dafür wieder einen Notartermin vereinbaren müssen.

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Estland: Digitale Öffnung

Was nach digitalem Paradies klingt, galt aber zunächst nur für inländische Unternehmen. Einige ausländische Konzerne mit estnischer Niederlassung stellte die Internet-Bürokratie vor ein Problem: Sie konnten ihren Jahresabschluss nur online einreichen, mit digitaler Signatur. Wenn der Geschäftsführer aber nicht Staatsbürger des baltischen Landes war, besaß er keine digitale Identität. Was das System vereinfachen sollte, machte es für ausländische Unternehmer komplizierter.

Die Esten fanden 2014 eine ebenso simple wie radikale ­Lösung: die E-Residency. Sie soll es Nicht-Esten ermöglichen, ­ihren Jahresabschluss digital einzureichen, und gleichzeitig mehr ausländische Niederlassungen in Estland anziehen. Heute kann jede Person die digitale estnische Staatsbürgerschaft beantragen, egal woher sie stammt. Dass Estland mit dieser Idee einen Nerv traf, zeigten die ersten 24 Stunden: 4.000 Menschen bewarben sich auf die elektronische Staatsbürgerschaft. Mittlerweile gibt es 22.000 offizielle E-Residents. Vor allem digitale Nomaden ohne festen Wohnsitz nutzen die Vorzüge der digitalen Bürokratie.

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