Reportage

Von Estland lernen: Wie eine kleine Republik zum digitalen Vorzeige-Staat wurde

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Für Estland hat sich die E-Residency als Volltreffer erwiesen. Sie brachte nicht nur 4.000 neue Unternehmen, sondern hat dem baltischen Staat auch weltweit Aufmerksamkeit beschert. „Die E-Resid­ency hat ein komplettes Eigenleben entwickelt“, sagt Krimmer, der an der Technischen Universität ­Tallinn lehrt. In Berichten über das Land gehe es fast nur noch um die Digitalisierung und die Online-Staatsbürgerschaft. „Die Gratiswerbung, die Estland bekommt, ist einfach Irrsinn“, sagt Krimmer. Er spricht von einer „PR-Blase“: Zwar galt die estnische Republik auch vorher als digitales Vorbild. Aber mit der E-Residency hat sie ihre Position noch einmal untermauern können. Das Programm ist ein Weg für das Land, international Beachtung zu ­finden – und zu zeigen, dass man es auch allein schaffen kann. „Was Mozart für Österreich ist, das ist die Digitalisierung für Estland: Sie ist ein extremes Identifikationsobjekt“, sagt Krimmer. Das Narrativ: Estland war ein kleines Land, auf die EU angewiesen – jetzt hat es das Internet und kann etwas zurückgeben.

„Was Mozart für Österreich ist, das ist die Digitalisierung für Estland.“

Dass dieses Narrativ funktioniert, ließ sich im Juni 2017 beobachten. Bevor Estland am 1. Juli die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union (EU) übernahm, sagte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker an Premier Jüri ­Ratas gerichtet: „Das Digitale steckt in der DNA Ihres Landes, und es muss Teil der europäischen DNA werden.“

Diese digitale DNA führt Estland auch gerne vor. Im Showroom E-Estonia in ­Tallinn können Dele­gationen anderer Staaten oder Unternehmen die umfassende Digitalisierung bestaunen. Sie bekommen die Funktionen der ­digitalen ID-Karte erklärt, können auf 360 Quadratmetern selbst die ­Services ausprobieren, mit IT-Firmen sprechen. Mehr als 45.000 Besucher aus rund 130 Ländern haben den Vorführraum laut Website schon besucht. Manch Schelm sagt gar, wer in das Land komme und den Showroom nicht besuche, der habe Estland nicht besucht.

Dabei ist die estnische Wirtschaft gar nicht so digital, wie man meinen könnte. Ein Blick auf die Statistik verrät, dass ein Großteil des Bruttoninlandproduktes im zweiten Quartal 2017 in der Bauindustrie erwirtschaftet wurde. Information und Kommunikation folgte erst auf Platz vier. Den meisten Umsatz generiert zwar laut einer Coface-Studie tatsächlich ein Telekommunikationsunternehmen. Allerdings ist Ericsson Eesti kein estnisches Unternehmen, sondern die Tochter des gleichnamigen schwedischen Konzerns. Zu den zehn umsatzstärksten Firmen zählen zwar auch in Estland gegründete. Aber kein einziges davon ­fokussiert sich auf digitale Dienste. Die staatlichen Bemühungen schlagen also nicht in vollem Maße auf die Wirtschaft um.

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Das Problem mit den Estcoin

Vielleicht übertreibt es Estland mit seiner digitalen Roadshow manchmal auch deshalb. So wie im August. Kaspar ­Korjus, der Leiter der E-Residency, veröffentlichte auf Medium einen Post, in dem er mit dem Gedanken einer neuen digitalen ­Währung ­namens Estcoin spielte. Mit der estnischen Kryptowährung könne man erstmals in ein Land investieren, so seine Überlegung. Er bat die Leser ganz allgemein um ihre Meinung. Der Text mit dem Titel „Estland könnte Estcoins für E-Residents einführen“ verbreitete sich weltweit. In einigen Medien wurde daraus gar „­Estland plant eine eigene Kryptowährung“. Aus dem Konjunktiv von ­Korjus wurden Tatsachen. Sogar EZB-Chef Mario Draghi meldete sich zu Wort und erteilte der Idee eine klare Absage: „Kein Mitgliedsstaat kann seine eigene Währung einführen; die Währung der Euro-Zone ist der Euro.“

Die digitale Staatsbürgerschaft hat sich für Estland aus PR-Sicht als Volltreffer erwiesen. Mehr als 22.000 Menschen besitzen die blaue Karte mittlerweile. (Abbildung: Estonia E-Residency)

Estland ließ sich davon zwar nur kurzzeitig beirren. Trotz der Kritik kündigte Korjus im Dezember den offiziellen Startschuss für die Estcoin an – in Kooperation mit der estnischen Regierung, der staatlichen Zentralbank sowie Unternehmen, die bereits Initial Coin Offerings gestartet haben. Aber die Zurückweisung von EZB-Seite verdeutlichte, dass nicht jede digitale Idee so gut einschlägt, wie es Estland gerne hätte.

Für den baltischen Staat war es nicht der einzige Rückschlag der jüngsten Vergangenheit. Mitten in der EU-Ratspräsidentschaft wurde eine technische Schwäche im elektronischen Personal­ausweis entdeckt. Nur wenige Wochen vor den Regionalwahlen wurde eine Sicherheitslücke in einem der Chips öffentlich – die Daten von 750.000 Personen waren betroffen. Die Behörde RIA beruhigte: Es gehe um ein theoretisches Risiko. Noch sei kein Fall von Datenklau bekannt.

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