Reportage

Chinas Digitalkonzerne: Die Trendsetter aus Fernost

(Foto: Kevin Münkel)

Chinas Wirtschaft haftete lange der Kopiervorwurf an. Doch die Unternehmen in Fernost machen längst nicht mehr nach, sie setzen selbst Trends. Die besten Beispiele: Alibaba, Baidu und Tencent.

Michael dreht sich herum, zielt und löst den Zeigefinger vom Con­troller. Der virtuelle Pfeil rast ins Ziel und streckt einen angreifenden Ritter zu Boden. „Man muss den Arm weit nach hinten ziehen, damit der Schuss genug Power hat“, erklärt er. Der 28-Jährige ist Besitzer eines kleinen VR-Studios im Norden Shanghais, in dem er Leuten das Spielen mit der neuen Technik beibringt.

Der Laden liegt versteckt im siebten Stock eines Wohnhauses. Einen kleinen Raum seiner Wohnung hat der Chinese für das Studio zu einer Virtual-Reality-Zone umgebaut, in den anderen wohnt er. In den Ecken hängen vier Lautsprecher, in der Mitte der Decke zwei Haken, an denen jetzt die Controller baumeln. Für rund 20 Euro können Nutzer Spiele wie das virtuelle Bogen­schießen ausprobieren. Michaels Studio gehört zu den beliebtesten Anbietern für die neue Spieletechnik in Shanghai und ist regelmäßig ausgebucht.

Bis spätabends hockt Michael neben seinem Computer und schaut seinen Kunden beim Spielen zu. Für die Anlage von HTC hat er umgerechnet 2.700 Euro bezahlt. 700 Euro für die Brille, 2.000 Euro für den Rechner, der leistungsstark genug sein muss, damit die Spiele laufen. Er habe gehört, dass VR in anderen Ländern noch nicht so wichtig sei. Wundern tut ihn das nicht. „Im Techbereich ist China einfach schneller.“

Eine einzigartige Entwicklung

Der Hype und die schnelle Adaption neuer Technologien wie Virtual Reality steht exemplarisch für den gewaltigen Aufstieg, den China in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat. Nach der wirtschaftlichen Öffnung in den 1980er Jahren wuchs die Wirtschaft jährlich im zweistelligen Bereich. Das Land entwickelte sich zur Werkbank der Welt, und jahrzehntelang kannte man
China vor allem von Labels auf billigem Kinderspielzeug und günstigen Klamotten, die es für wenige Euro im Discounter gab. Alles nur kopiert und geklaut, so der Ruf des Landes. Das hat sich mittlerweile geändert.

Weitgehend unbemerkt hat sich in den vergangenen Jahren eine zweite Dimension aufgetan: Eine digitale Netzwelt, die an Tempo und Innovation kaum zu überbieten ist. Trotz Internetzensur und mangelndem Schutz geistigen Eigentums hat sich eine einzigartige Internetökonomie entwickelt. China ist das einzige Land außerhalb der USA, in dem es in fast jeder Branche Unicorns gibt. Das sind junge Unternehmen, die mit mindestens einer Milliarde US-Dollar bewertet werden. Dazu zählen etwa der Lieferdienst Ele.me mit drei Milliarden US-Dollar Bewertung, der Taxidienstvermittler Didi Chuxing mit 17 Milliarden US-Dollar und der Drohnenhersteller DJI mit acht Milliarden. Der Gutscheinanbieter Meituan-Dianping ist sogar gleich neunmal höher bewertet als der bekannte Konkurrent Groupon. Trotzdem kennen nur die wenigsten Westler die Unternehmen.

Die BAT -Ökonomie vereint: Tencent-Gründer Ma Huateng, Alibaba-Chef Jack Ma und Baidu-Schöpfer Robin Li (v.l.n.r.) auf dem IT -Summit in Shenzhen. (Quelle: dpa picture alliance)

Dabei hat der Markt mit mehr als 731 Millionen Internetnutzern gewaltiges Potenzial. Und die Treiber der digitalen Revolution des Landes sind inzwischen zu wahren Giganten herangewachsen. Die erste Generation der chinesischen Internetindustrie wird häufig mit BAT abgekürzt: Die drei Buchstaben stehen für Baidu, Alibaba und Tencent. Die Internetunternehmen sind fast gleichzeitig zur Jahrtausendwende gegründet worden. Heute erreichen sie mit ihren digitalen Diensten hunderte Millionen Kunden. Sie sind Milliarden wert und längst keine billigen Copycats mehr. Im Gegenteil: Nun kopiert das Silicon Valley China.

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