Trendreport

Digitale Transformation bei TUI: Das wird kein Tagesausflug

Pauschalurlaub am Pool hat ausgedient, gefragt sind einzigartige Erlebnisse, die man auf Instagram zur Schau stellen kann. Das Geschäft mit Ausflügen beziffert der Reisekonzern Tui auf 150 Milliarden Euro. (Foto: Musement)

Tui will sich vom weltweit größten Reiseveranstalter zum Technologieführer der Branche entwickeln. Doch mit der ­Digitalisierung verschieben sich die Kräfte in der Touristikindustrie – und neben dem 50 Jahre alten Konzern stellt so mancher Gründer selbst Ansprüche auf die globale ­Marktführerschaft.

Als Mapify-Gründer Patrick Häde im Februar in der Eingangshalle der Tui-Zentrale in Hannover steht, blickt er auf drei kinoleinwandgroße Bilder: Flugzeuge in Formation über den Wolken, die Vogelperspektive auf eine Hotelanlage, die Aussicht von der Außenbordkabine eines Kreuzfahrtschiffs. Der Dreiklang steht für die Kernfelder des weltweit größten integrierten Touristikkonzerns, lässt aber ein weiteres außer Acht: das Geschäft mit den Aktivitäten der Touristen am Urlaubsort.

Genau deswegen bekam Häde wenige Wochen zuvor einen Anruf aus der Vorstandsetage der Tui. Der 24-Jährige sollte sein Startup vorstellen – ein Geschäftsmodell, das ganz anders denkt als der mehr als 50 Jahre alte Branchenriese und gerade deshalb interessant ist. Die Idee hinter Mapify ist von unzähligen Urlaubsbildern inspiriert; von Sonnenaufgängen in der marokkanischen Wüste, von Touristen allein im Sprühregen vor einem Wasserfall in Indonesien oder mit Surfbrett in den Wellen von Santa Monica. Bilder, wie sie jeden Tag zu Hunderttausenden auf Instagram hochgeladen werden.

Wo es hingeht, entscheidet Instagram

Die Bilder wecken Fernweh und lassen sich mithilfe von Daten sogar in reale Reisetrends übersetzen: „Instagram liefert zwar die Inspiration für den Urlaub, doch der eigentliche Planungsprozess bleibt kompliziert – vor allem für mehrere Personen“, stellte Häde 2016 während seines Auslandssemesters in San Francisco fest. „Wir waren schon lange selbstständig im IT-Bereich und haben dann an einer Lösung gearbeitet, die die Fotos mit den verschiedenen Onlineservices auf eine Plattform bringt, sodass Nutzer eine Reise komplett nach ihrem Gusto durchplanen können.“ ­Parallel zur Uni lief die ­Entwicklungsphase, ein Jahr später widmete sich das Berliner Gründerteam in Vollzeit dem Projekt.

Mapify-Gründer Patrick Häde: Der 24-Jährige hat eine App ent­wickelt, die Individualreisen anhand von Urlaubsfotos planbar macht. Der Reisekonzern Tui lud ihn kürzlich in die Zentrale nach Hannover ein. (Foto: © Michael Hübner)

Mapify-Gründer Patrick Häde: Der 24-Jährige hat eine App ent­wickelt, die Individualreisen anhand von Urlaubsfotos planbar macht. Der Reisekonzern Tui lud ihn kürzlich in die Zentrale nach Hannover ein. (Foto: © Michael Hübner)

Heute zählt Mapify mehr als 100.000 Nutzer und 1,7 ­Millionen US-Dollar an Investorenkapital. Die Mapify-App liefert ­Vorschläge für Rundreisen in diversen Ländern mit einem gebündelten Warenkorb aus Flügen, Mietwagen, Hotels und Ausflügen. Dazu gibt es Infos etwa zu Wetterdaten, Impfempfehlungen und Uber. Individuell und selbstständig stellen sich die Nutzer so ihre Reise zusammen und bekommen das exklusive Erlebnis, das sie sich wünschen. Möglich macht das Rundumpaket die Integration diverser Buchungsseiten. „Zeitig haben wir etwa Airbnb eingegliedert, dann zahlreiche mehr. Und aktuell loten wir unter anderem eine Kooperation mit Booking.com aus“, sagt Häde.

In der Reisebranche folgt Mapify damit einem wachsenden Trend. Der klassische Pauschalurlaub am Pool hat ausgedient, gefragt sind möglichst einzigartige Erlebnisse, die man online zur Schau stellen kann. Instagram als Kuschelkanal für schöne Bilder und Wertschätzung ist dafür prädestiniert. Mit 376 Millionen Einträgen war ­„Travel“ im Jahr 2017 der häufigste alleinstehende Hashtag. Eine andere Zahl ist für Reiseanbieter noch relevanter: Laut einer Erhebung des britischen Versicherers Schofields wählt knapp die Hälfte der 18- bis 33-Jährigen ihr ­Urlaubsziel auch nach dessen „Instagramability“ aus. Wenn Hotels und ­Landschaften zur persönlichen Instagram-Kulisse werden, tun sie gut daran, aus der Masse herauszustechen. Hinzu kommt: Gebucht werden die Urlaube zunehmend mobil auf dem Smartphone, das ­Reisebüro um die Ecke wird dagegen immer seltener besucht. Seit 2002 ist die Zahl der Anbieter in Deutschland um mehr als 20 Prozent gesunken (von 14.000 auf rund 11.000). Im vergangenen Jahr wurden erstmals mehr Reisen online gebucht als offline.

Diese Entwicklung bekommt auch Tui zu spüren. Der 50-jährige Reiseveranstalter hat den Vertrieb seiner Angebote nicht mehr nur selbst in der Hand. Über die konzerneigenen Kanäle reservieren etwa Dreiviertel der weltweiten Kunden und die Hälfte der deutschen Kunden. Ansonsten gehen Buchungen beispielsweise für Flüge längst über Opodo, für Pauschalreisen über ­Expedia oder für Hotelzimmer über Booking.com.

Tui teilt damit das Schicksal von Handelsunternehmen anderer Branchen, wie es Konzernchef Friedrich Joussen kürzlich im Gespräch mit dem Manager Magazin ausgedrückt hat: „Anstatt in diesem bereits verteilten Markt mitzumischen, schauen wir nun, in welchem Bereich die nächste große Plattform entstehen kann.“ Der 56-Jährige glaubt besonders an das florierende Geschäft mit Ausflügen und unzähligen anderen Urlaubserlebnissen. Auf weltweit 150 Milliarden Euro schätzt Joussen den Markt. Er sei damit größer als das gesamte Kreuzfahrtgeschäft.

„Hätte Tui nicht so eine entschiedene Digitalstrategie, wäre ich nicht hier“, sagt Elke Reichart. Sie ist aus der IT-Wirtschaft zum Reisekonzern ­gewechselt. Als CDO treibt sie ­dessen Transformation nun mit voran. (Foto: Tui Group)

„Hätte Tui nicht so eine entschiedene Digitalstrategie, wäre ich nicht hier“, sagt Elke Reichart. Sie ist aus
der IT-Wirtschaft zum Reisekonzern ­gewechselt. Als CDO treibt sie ­dessen Transformation nun
mit voran. (Foto: Tui Group)

Und wenn der Kunde Individualisierung verlangt, ist ­Digitalisierung die Antwort. Algorithmen liefern Informationen über die Präferenzen der Kundschaft und mit digitalen Technologien schneidern Unternehmen das eigene Produkt nach Maß. Doch während sich Neugründungen wie Mapify von Beginn an nach diesen Anforderungen ausrichten, müssen sich etablierte Konzerne neu erfinden und umstrukturieren. Tui will eben diesen Wandel realisieren. „Wir denken heute nicht mehr an Ziel­gruppen, sondern an Zielkunden“, sagt Elke Reichart, die als Chief Digital Officer die Tui-Digitalstrategie mit vorantreibt.

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