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Klartext-Kolumne von Thomas Schlichtherle: Medienkonvergenz – Geht, gibt’s aber noch nicht

Der Begriff „Medienkonvergenz“ beschreibt das lange angekündigte, aber noch längst nicht wirklich vollzogene Zusammenwachsen und Verschmelzen klassischer Medien miteinander und mit den neuen Medien – das Ganze auf Basis neuer Technologien. Die „alte Medienwelt“ scheint jedoch noch immer Vorbehalte gegenüber dem Web zu haben. Fernsehsender und Telko-Provider scheinen IPTV gegenüber WebTV zu favorisieren. Sie könnten damit jedoch auf das falsche Pferd setzen.

Das Strategieberatungsunternehmen Goldmedia aus Berlin hat kürzlich die Ergebnisse einer Studie zu den Geschäftsmodellen von IPTV-Sendern präsentiert. Die Studie bedient das strategische Informationsbedürfnis insbesondere derjenigen, die entweder als Fernsehmacher alter Schule das Internet lediglich als neuen Übertragungsweg sehen oder die als Breitband-Provider nach Möglichkeiten für vertiefende Wertschöpfung und erhöhte Kundenbindung Ausschau halten.

IPTV lohnt sich laut einer Studie finanziell erst nach durchschnittlich fünf Jahren und mit einem Kundenstamm von rund 2,5 Millionen.
IPTV lohnt sich laut einer Studie finanziell erst nach durchschnittlich fünf Jahren und mit einem Kundenstamm von rund 2,5 Millionen.

Zuschussgeschäft IPTV

Netzbetreiber und Contentprovider (die Sender) rangelten anfangs um die Fragen, wer denn eigentlich das Vertragsverhältnis mit dem Endkunden haben soll, wer wen wofür bezahlen soll und wer das Sagen hat (in den meisten Fällen ist es der Breitbandprovider, der die erweiterte Leistung seinem Endkunden verkauft). Es hat sich herausgestellt, dass IPTV-Geschäftsmodelle typischerweise 2,5 Millionen Endkunden benötigen. Sie haben tendenziell auch erst im fünften Geschäftsjahr nach ihrem Start das Potenzial für ein ausgeglichenes Ergebnis. Häufig rechnen sie sich auch erst dann, wenn das Modell zusätzlich sinnstiftend für den Breitbandprovider ist und der IPTV-Sparte Leistungen von anderen Geschäftseinheiten im Verrechnungswege zugewiesen werden können.

Tatsächlich ist auch die Telekom mit Ihrem IPTV Fussballbundesliga-Angebot noch allertiefst in den roten Zahlen. Lediglich 30.000 Kunden zahlen 10 EUR pro Monat. Bei satten 45 Millionen EUR pro Saison für die Übertragungsrechte und 15-20 Millionen EUR an zusätzlichen Produktionskosten ergibt das jährlich Verluste von fast 56 Millionen EUR und eine Umsatzrendite von minus 94 Prozent. Der Sinn dieser Unternehmung ist einzig der Versuch, mit diesem exklusiven Angebot Kunden an VDSL der Telekom zu binden. Selbst wenn man auch die langsameren Leitungen mit einbezieht, nutzen lediglich 3,5 Prozent der Telekom Internetkunden deren TV-Angebot. Ob diese Rechnung irgendwann aufgeht – egal ob mit Fussball oder anderen Lockmitteln – steht in den Sternen. Erfolgreicher dürfte hingegen das Investment des T-Online Venture Funds in die Webvideo-Plattform sevenload.com sein.

Das TV-Geschäftsmodell stirbt aus

Klar ist damit nichts weniger, als dass das IPTV-Geschäftsmodell weitgehend tot ist. Wenn überhaupt, dann kann es nur unter ganz bestimmten Bedingungen ein Spezialgeschäftsmodell für Breitbandprovider oder/und Fernsehsender sein – echte Medienkonvergenz allerdings sieht wohl anders aus. Potenzial für wirklich neue Projekte hingegen gibt es in dem schon länger brodelnden Umfeld der Fernsehsender, der Fernsehproduzenten und dem der Webszene – sofern die Fernsehleute es schaffen, sich den nötigen Ruck zu geben und altbekannte Branchengefilde auch mal zu verlassen. Deutlich erkennbar nämlich ist, dass das Fernsehen sich noch immer nicht wirklich auf das Web einlassen will. Man hält auch als kleiner Sender fest an den alten Distributionswegen, obwohl man dort satte siebenstellige Gebühren an ASTRA und andere zu bezahlen hat. Gleichzeitig sind viele der in Deutschland rund 1.000 Fernsehproduktionsunternehmen tief verwoben mit den großen Fernsehsendern. Beziehungen sind alles und nicht selten munkelt man auch von Korruption und inoffiziellen „Kickbacks“. Man haftet fest aneinander und umklammert sich auf einem sinkenden Schiff, das „aussterbendes Geschäftsmodell“ heißt. Die Verteilung der Werbeeinnahmen auf die Medienkanäle spricht schließlich eine deutliche Sprache.

Natürlich sind die klassischen Medien inzwischen hinreichend, manchmal breitflächig und gelegentlich sogar protzig im Web vertreten. Dennoch scheint das Verhältnis der alten Medien zum Internet noch immer zwiespältig zu sein. Es ist „ein willkommenes Medium fürs Medium“, aber auch unangenehmer Wettbewerber. Man engagiert sich im Web und wünscht es dennoch zum Teufel. Wenn man es anfasst, dann nur mit spitzen Fingern.

TV-Sender mit isolierter Webpräsenz

Interessanterweise wurden ja die Versuche, im Vor-Internet-Zeitalter Interaktivität für den Endverbraucher zu schaffen und einen „Rückkanal“ herzustellen, ausgerechnet von denjenigen in Form von Videotext und Bildschirmtext mitgeschaffen, die nun offensichtlich Abstand davon nehmen wollen: von ARD, ZDF und der alten Post. Dennoch werden die Integrations- und Vernetzungsmöglichkeiten des Web bei der strategischen Planung der Medienkonzerne nur selten ernsthaft als Chance begriffen. Die Webpräsenzen erscheinen dementsprechend oft seltsam „isoliert“. Sie sind nicht wirklich eingebunden in das Web und entsprechend fehlen oft Links, Trackbacks und Mashups. Der Knackpunkt scheint zu sein, dass man es offensichtlich vorziehen würde, im eigenen – zumindest jedoch im selbstkontrollierten – Umfeld zu bleiben.

Lästern ist natürlich leicht für den Außenstehenden. Genauso wie den Vertretern der klassischen Medien ergeht es nämlich jedem, dessen Welt von heute auf morgen auf den Kopf gestellt wird. Der Mensch beäugt das Neue anfangs eben überwiegend mit gebührendem Abstand. Bleibt die Frage, ob eine derartige Haltung auch vor den Naturgewalten trendbruchartiger Veränderungen schützen kann.

WebTV: klein und erfolgreich

Während Fernsehjournalisten – panisch besorgt um ihre Pfründe – genüsslich in manch fragwürdiger Sendung darauf herumreiten, dass man „aufgedeckt hätte“, dass im Wikipedia-Eintrag des Bundeswirtschaftsministers der zweite Vorname nicht korrekt war, und man feierlich und öffentlich gelobt, journalistische Qualitäts-Recherchearbeit stütze sich niemals auf das als Quelle „minderwertige Web“, dreht sich die Erde unangenehmerweise weiter.

Neben dem gescholtenen und verachteten Youtube (das übrigens gerade erneute Verbesserungen in Richtung HD-Videos eingeführt hat) entstehen plötzlich auch neue, kleinere Videoplattformen wie fora.tv. Bei fora.tv, finanziert von Adobe und William Hearst, gibt es Qualitätsinhalte, beigesteuert vom Wired Magazine als Partner sowie von führenden Thinktanks, Wissenschaftlern und sonstigen Persönlichkeiten, die man im Gottschalk'schen Einheitsmedium inzwischen immer häufiger schmerzlich vermisst. Die Themen Wirtschaft, Umwelt, Politik, Wissenschaft, Technologie und Kultur machen fora.tv für CNET News zu einem „Youtube for Thinkers“. Bedient wird hier genau die Klientel, die sich vom klassischen Fernsehen inzwischen mit Grausen abgewendet hat.

fora.tv bietet Qualitätsinhalte aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie, Politik, Kultur und Umwelt. Das Portal wird unter anderem von Adobe finanziert.
fora.tv bietet Qualitätsinhalte aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie, Politik, Kultur und Umwelt. Das Portal wird unter anderem von Adobe finanziert.
„Fernsehen“ und Videocontent sind nicht nur ein Thema für die Diskussion um Qualität und Anspruch. Während sich die TV-Altvorderen seit Jahren auf Europas wichtigstem Branchenevent – den Münchner Medientagen – sachverständig im Kreise drehen, fängt einstweilen ausgerechnet der umstrittene und politisch nach rechts tendierende mediale Outlaw Jan Holey als Chef-Esoteriker unverdrossen an, aus seiner Lagerhalle bei Dinkelsbühl skurrilen Videocontent zu „senden“. Sein secret.tv richtet sich an die ihm eigene, sehr spezielle Zielgruppe und legt den Fokus auf „Ufologie“, Kornkreise und die Illuminaten.

Dem Geschäftsmodell an sich tut das keinen Abbruch. Wie der ehemalige RTL-Boss Helmut Thoma einmal treffend bemerkte: „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“. Und das „echte“ Fernsehen bietet schliesslich ebenfalls Unerträglichkeiten, wie etwa Neun-Live.

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