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Kolumne

Lebenslanges Lernen: Der Weg durchs Problem ist das Ziel

Unser Autor Felix Schwenzel weiß, wie man sich ein Leben lang zum Lernen motiviert – er setzt auf Neugierde. Die zu wecken ist aber gar nicht so leicht.

Von Felix Schwenzel
3 Min.
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(Abbildung: Shutterstock / kan_chana)

Ich war die ersten zehn Jahre meiner Schul­laufbahn ein schlechter Schüler. Möglicherweise weil ich nie ein­gesehen habe, was es bringen soll, Regeln, Vokabeln oder historische Jahres­zahlen auswendig zu lernen. Ich war offenbar schon als Schüler der Meinung, dass Lern­erfolge sich von ganz alleine einstellen. Was wichtig ist, ergibt sich von selbst, Regeln erschließen sich durch Beobach­tung, Vokabeln werden aus dem Zusammenhang klar.

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Im Prinzip lag ich, so glaube ich ­heute, mit dieser Einschätzung auch nicht ganz falsch. In den ersten zehn Jahren ­Schule fehlten mir allerdings die richtigen Werkzeuge und der Antrieb, um ­dem­ent­sprechend autonom zu lernen. Ich hörte zwar überall, dass ich nicht für die Schule oder die Noten lernte, die Schule fühlte sich aber trotzdem wie ein bürokratischer Selbstzweck und nicht wie ein Türöffner in unbekannte Welten an. Um meine Neugier auf die Welt zu ­wecken, standen mir in der Rückschau viele ­meiner Lehrer eher im Weg, als mir zu helfen.

Neugier zu wecken, ist weder bei ­Heran­wachsenden noch ­ausgewachsenen ­Menschen einfach. Bei mir hat es erst Klick gemacht, als ich für ein Jahr auf eine amerikanische Highschool ­gewechselt bin. Dort bekam ich Aufgaben gestellt, die ich so aus Deutschland nicht kannte: Suche dir ein ­Thema, das dich interessiert, und schreibe eine Semesterarbeit darüber. Arbeite dich in ein Thema so gut ein, dass du mit jemandem mit einem anderen Standpunkt öffentlich debattieren kannst.

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Mir half, nicht einfach zum Lernen angehalten zu werden, sondern meine Neugier und meine Eigeninitiative zu ­wecken. Vor komplexen Aufgaben zu stehen und sie selbstständig lösen zu können, befriedigte mich plötzlich. Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich freiwillig vor Problemen stehen, um ein Ziel zu erreichen – und nicht, weil es jemand von mir verlangte.

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Anders gesagt: Ich lernte, Aufgaben oder Probleme, die sich vor einem türmen, um gelöst zu werden, als etwas Positives zu sehen. Sie sind keine Schikane, sondern Wege zu mehr Wissen und Kompetenz.

Neugier hilft bei der ­Konfrontation mit Herausforderungen. Sie drängt zu einer Art Problem-Affinität, zum ­Abarbeiten von Problemen, weil genau das befriedigt und Wissen akkumuliert. Meine Schwieger­mutter hat sich kürzlich (wahrscheinlich nicht zum ersten Mal) ein 5.000 Seiten dickes Sudoku-Rätselbuch gekauft und bereits zur Hälfte durch­gearbeitet. Ich gehe fest davon aus, dass sie das Rätsel – beziehungsweise das mikrodosierte Problemlösen – tief ­befriedigt, obwohl hinter jedem Problem, hinter jedem Rätsel, ein neues wartet. So wie im echten Leben hinter jedem gelösten Problem ein Haufen neuer Schwierigkeiten wartet.

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Mehr zum Thema lebenslanges Lernen gibt’s in der neuen t3n 65. (Abbildung: t3n)

Ich bin jetzt nicht mehr der Jüngste und hatte Zeit, zu beobachten, dass es neben dem Tod eine weitere todsichere Konstante gibt: Aufgaben und Probleme türmen sich das ganze Leben lang vor einem auf. Egal, was man tut – sie sind unausweichlich. Sich davon weder die gute Laune noch die Neugier auf das, was hinter den Problemen liegt (Spoiler: noch mehr Probleme), verderben zu lassen, hilft gegen Stillstand, Grumpiness und altersbedingte Starrköpfigkeit.

Das hört sich wie eine selbst für ­meine Verhältnisse sehr steile These an, aber ich glaube tatsächlich, dass Neugier gegen Obercheckertum hilft, den Irrglauben, man besitze über jeden Zweifel erhabenes Wissen. Oder umgekehrt, dass verdorrende Neugier, der Irrglaube man habe ausgelernt, mit ein Grund dafür ist, dass die sogenannten Boomer so verhasst sind – oder dass viele Menschen gar nicht wissen, was Boomer sind.

Beruhigend finde ich auch die Erkenntnis, dass es kaum ein Problem gibt, das nicht schon mal jemand so oder so ähnlich hatte. Je mehr man liest, je mehr man sieht, je mehr man neugierig mit ­offenen Augen durch die Welt geht, desto deutlicher wird, dass die eigenen ­Probleme wenig exklusiv sind. Von Pro­blemen (und Lösungen) anderer zu ­lernen, hilft, die Einstellung zu den eigenen Problemen zu justieren und den eigenen Wissensstand zu relativieren.

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Vielleicht ist das das Einzige, was wir im Leben wirklich lernen müssen: sich auftürmende Aufgaben und Probleme als Freudenspender ansehen zu können. Unterwegs beim Problemlösen – im besten Fall getrieben von optimistischer Neugierde – lernt man alles andere. Der Weg durchs Problem ist das Ziel.

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Kommentare (1)

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Kai

Das ist ein ganz wundervoller Artikel, der – völlig unabhängig von Branchen und Lebensbereichen – einen Nerv trifft. Die Neugierde so zu kultivieren, dass sie sich als Treibstoff des Problemlösens verwenden lässt…

Ich habe morgen früh was vor :-)

Danke!

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