Digitale Gesellschaft

Mobile Crowdsourcing als Lebensretter

(Foto: jentakespictures/iStock)

Crowdsourcing, die „Intelligenz der Vielen“, erlebt in der Verbindung mit der aktuellen Handygeneration eine spannende Weiterentwicklung. Die Kombination aus Smartphone, GPS-Ortung und intelligenten Apps macht Menschen zu lebendigen Messstationen und mobilen Datenübermittlern. „Mobile Crowdsourcing“ ist mehr als das Aufzeigen, in welchen Stadtteilen und Kneipen gerade das Leben tobt. Der Schwarm sorgt per Handynutzung dafür, dass überlebenswichtige Hilfseinsätze eingeleitet, städtische Infrastrukturen verbessert und Katzen sterilisiert werden.

(Foto: jentakespictures/iStock)

Crowdsourcing, die Vergabe von Innovationsprozessen an die Schar der Nutzer, hat in den vergangenen Jahren sämtliche Bereiche für sich eingenommen, von Wissen (Wikipedia) über Webdesign (12designer) bis hin zur Finanzierung von Projekten (Betterplace). Dank verbesserter Handytechnologien und intelligenten Apps erfährt der Prozess seit einiger Zeit eine Weiterentwicklung, denn das ortsunabhängige Agieren des „Schwarms“ eröffnet neue Möglichkeiten. Mit Hilfe von Smartphone-Funktionen wie Kompass und Mikrofon erfassen Handy-Nutzer von sämtlichen Orten aus Daten und leiten sie an entsprechende Websites weiter.

In Verbindung mit GPS-Ortung entstehen aus den Informationen spannende Kartogramme, beispielsweise zu Strahlenwerten, Luftverschmutzung oder auch zur Katzendichte in Stadtgebieten. Da Crowdsourcing in vielen Bereichen die schnellste und effizienteste Art ist, um Informationen zu sammeln und Messungen zu erheben, kommt es verstärkt zu Kooperationen zwischen Wissenschaft, Behörden, Hilfsorganisationen und Mobile Crowdsourcing-Projekten.

Die Nutzung der Schwarmintelligenz lässt sich in aktives und passives Crowdsourcing unterteilen. Bei der passiven Variante werden Nutzerdaten, etwa von GPS oder WiFi, automatisch gesammelt und vorwiegend in Kartogrammen verarbeitet, nachdem Nutzer die entsprechende Anwendung heruntergeladen haben. Ein Beispiel ist die Smartphone-App Citysense. Auf einer Karte sehen angemeldete Nutzer, wo in ihrer Stadt (derzeit ausschließlich San Francisco) aktuell das Nachtleben tobt (über eine Weiterlinkung zu Yelp und Google erfährt man, was bei den Hotspots los ist). Beim aktiven Crowdsourcing werden User selbst tätig, indem sie zum Beispiel per Handy Bilder machen, Geräusche aufnehmen oder sonstige Werte messen und diese an eine bestimmte Adresse weiterleiten. Bei den folgenden Beispielen handelt es sich um aktives Crowdsourcing.

Die App „Citysense“ zeigt auf, wo in der Stadt gerade etwas los ist.

Die App „Citysense“ zeigt auf, wo in der Stadt gerade etwas los ist.

Schnelle Hilfe in Krisenregionen

Wo immer in der Welt eine Katastrophe geschieht, sei es durch Naturgewalt oder menschlichen Einfluss, herrscht dasselbe Problem: Den Behörden und Hilfsorganisationen fehlt der schnelle Überblick, um Hilfen zügig und gezielt an die richtigen Stellen zu bringen. Mobiles Crowdsourcing beschleunigt diesen Prozess um ein Vielfaches.

So bündelt zum Beispiel die Plattform Ushahidi (www.ushahidi.com) Informationen aus Krisenregionen und visualisiert sie in Karten. Für die Daten sorgen die Handynutzer selbst: Nach dem Erdbeben auf Haiti schickten zahlreiche Ortsansässige Infos über den Zustand ihrer direkten Umgebung an die Betreiber – per SMS, Anruf oder E-Mail. Die daraus resultierende Karte zeigte das Ausmaß der Zerstörung regionenbezogen auf. Keine andere Methode hätte einen schnelleren Überblick ermöglicht, Ersthelfern und Organisationen wurde die Hilfe vor Ort erleichtert [1].

Als in Japan die Reaktor-Katastrophe rund um Fukushima geschah, war schnelles Vorgehen gefragt – auf die eigene Regierung war in dieser Hinsicht leider wenig Verlass. Innerhalb kürzester Zeit entstand die Webseite RDTN.org, auf der Strahlungswerte aus allen Regionen Japans veröffentlicht wurden, zugeschickt von den Anwohnern selbst. Die Schwarmmitglieder legten sich einen Geigerzähler zu und übermittelten die Werte mitsamt ihrer GPS-Daten an die Plattformbetreiber. Die Google-Maps-Karte wurde zu einer wichtigen Ergänzung für die Berichte der Regierung [2].

Aber mobiles Crowdsourcing funktioniert nicht nur in akuten Krisen, sondern auch bei Langzeitprojekten, wie das Unternehmen NextDrop eindrücklich zeigt. Die Plattform ermöglicht indischen Bewohnern eine zuverlässigere Wasserversorgung. In vielen Städten Asiens und Afrikas gibt es nur einmal pro Tag für mehrere Stunden Wasser. Da die Wasser-Zeiten unregelmäßig sind, verbringen zahlreiche Menschen – vor allem Frauen und Arme – den Tag mit Warten auf das Eintreffen des Wassers.

Bei NextDrop können die Wasserversorgungs-Unternehmen nun melden, wenn sie die Wasserhähne für die betreffende Region öffnen. Das System wandelt die Angaben in Updates für die Ortsansässigen um und informiert diese automatisch 30 bis 60 Minuten vor dem Eintreffen des Wassers per SMS.

Die Crowd sorgt nun für die Echtzeit-Rückmeldung, wie zuverlässig und stimmig die Angabe war. Sämtliche Informationen der Anwohner werden mit den Berichten der Wasserversorgungszentren verglichen, sodass Probleme und Störpunkte schnell ausfindig gemacht werden können. Dem Konzept kommt zu Gute, dass die Handy-Nutzung in so genannten Entwicklungsländern überdurchschnittlich hoch ist.

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