Reportage

Warum es so wenige europäische Unicorns gibt

(Illustration: Shutterstock / Vladi333, t3n)

Ein großer Markt, noch größere Finanzierungslücken: Zwar ­blühen Startups in fast allen Ländern Europas auf. Auf dem Weg zum ­Einhorn scheitern aber noch viele, auch wenn sich die Bedingungen langsam verbessern. Ein Lagebericht.

Aus dem All ist Europa auszumachen, Grenzen sind jedoch kaum zu unterscheiden: Sollten die Trägerraketen von Isar Aerospace wie geplant ab dem Jahr 2022 Kleinsatelliten ins All befördern, blicken diese auf eine einheitliche Landschaft. Am Boden hat das Raumfahrt­startup mit Sitz in Gilching bei München jedoch noch mit Grenzen zu kämpfen. Aktuell sucht das Team um die Gründer Daniel Metzler, Josef Fleischmann und Markus Brandl nach Gelände, auf dem sie ihre lauten Triebwerke – befeuert mit Kohlenwasserstoff und flüssigem Sauerstoff – testen dürfen. Deutschland dürfte dabei keine Rolle spielen: „Hier finden wir nur selten Bedingungen, die wir uns als Startup leisten können“, sagt Metzler.

Noch stärker muss Isar Aerospace den Blick weiten, wenn es um die Finanzierung geht: Bis zu 100 Millionen Euro Risikokapital, schätzt Metzler, braucht das Startup, bis es die ersten Umsätze macht. „Langsam werden die ersten europäischen Investoren mutiger“, berichtet der Gründer –, aber auch in den USA ist das Interesse groß an einem Investment. Und die Schecks, gerade bei riskanten Wetten auf die Zukunft, sind dort immer noch großzügiger. Vor der Gründung haben er und seine Mitgründer darüber nachgedacht, in die USA zu gehen, so Metzler. „Europa ist aber für uns ein großer Markt.“

Mehr als 500 Millionen Einwohner und ein kombiniertes Brutto­inlandsprodukt von 15 Billionen Euro sind zwei sehr gewichtige Argumente für eine Unternehmensgründung in Europa. Die Rahmenbedingungen waren selten besser: EU-Kommission wie Nationalstaaten umwerben Entrepreneure mit Förderprogrammen, Investoren stellen mehr Geld zur Verfügung als zuvor. Laut der Datenbank Pitchbook hat sich die Summe, die Wagniskapitalgeber in Europa investieren, in den vergangenen zehn Jahren fast verdreifacht.

Damit einher geht ein neuer Anspruch von Gründern. Mehr denn je suchen sie den Vergleich mit Wettbewerbern aus China und den USA und beschwören ein europäisches Startupökosystem, das mehr ist als eine Ansammlung von Techzentren, die zufällig auf demselben Kontinent liegen. Viele Startups und Wagniskapitalgeber betonen weniger ihre Herkunft, als ihre europäische Ausrichtung. Wer Isar Aerospace etwa als das „SpaceX Europas“ betitelt und damit an die Weltraum­ambitionen von Elon Musk erinnert, erntet wenig Widerspruch.

Erst erobern wir Europa, dann die Welt: Diese Strategie verfolgen viele Gründer, wenn sie ihre Expansion planen. In einer groß angelegten Befragung des EU-Startup-Monitors gaben fast neun von zehn der über 2.000 befragten Unternehmen an, dass die Erschließung mindestens eines neuen Auslandsmarktes auf ihrer Jahresagenda stehe. 85 Prozent setzen dabei auf eine Expansion innerhalb der EU. Bei nur 40 Prozent stehen (auch) andere Länder auf dem Plan.

In der Praxis werden die Ambitionen vieler Startups aktuell indes immer wieder ausgebremst – von zwei gewichtigen Faktoren. Erstens: Es mangelt am lieben Geld. Zwar ist das Finanzierungsvolumen in Europa Erhebungen der Beratung EY zufolge im vergangenen Jahr auf den Rekordwert von 21 Milliarden Euro gestiegen. Doch gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegt Europa in Sachen Wagniskapital weit hinter anderen Ländern. In den USA etwa haben Startups laut ­Pitchbook 2018 umgerechnet satte 116 Milliarden Euro eingesammelt. Der zweite, vielleicht sogar gravierendere Faktor: Grenzzäune mag es nicht mehr geben, einheitlich ist Europa deswegen noch lange nicht.

(Abbildung: t3n)

(Abbildung: t3n)

„Es gibt für Unternehmen keinen natürlichen europäischen Markt“, sagt Julien-David Nitlech, Partner des Wagniskapital­gebers Iris ­Capital. Er rechnet vor: Während Gründer in den USA schon zum Start einen Markt mit 327 Millionen Einwohnern bearbeiten können, müssen europäische Startups mindestens sechsmal expandieren, um ähnlich viele potenzielle Kunden in der EU zu erreichen. Übersetzungen sind nötig, ein mehr­sprachiger ­Vertrieb und Kundenservice muss aufgebaut werden – und für ­jedes europäische Land gelten andere Gesetze, die beachtet werden müssen. „Das ist jedes Mal aufs Neue ein Kraftakt“, sagt Nitlech.

Ein Beispiel: Der Drohnenvermittler Fairfleet lässt europaweit die unbemannten Fluggeräte aufsteigen. Je Land, manchmal sogar je Region, können sich die Auflagen jedoch unterscheiden. Wie hoch dürfen die Drohnen aufsteigen, welche Gebiete sind tabu für Luftaufnahmen? „Unser Wunsch wäre, dass es europaweit eine einheitliche Regelung gibt“, sagt Mitgründer Dario Manns.

Denn jede zusätzliche Regel erschwert die Expansion: „Wir brauchen einen einheitlichen Rechtsrahmen, in dem euro­päischen ­Startups nur noch die unterschiedlichen Sprachen das Leben schwer machen“, fordert Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Startups. Die Interessensvertretung hat zusammen mit dem französischen Branchenverband France Digitale einen ganzen Katalog mit Empfehlungen an die euro­päische Politik erarbeitet. „Building the United Tech of Europe“, ist das Papier überschrieben, das kurz vor der Europawahl veröffentlicht wurde.

Die Themen im Manifest reichen von Open Data über vereinfachte Visa für Fachkräfte von anderen Kontinenten bis zu ­einer vorgeschlagenen interfraktionellen Arbeitsgruppe für ­Startups im Europäischen Parlament. Als wichtiges Thema ­machen die Verbände zudem die Steuergesetze aus. Nötig sei es etwa, ­Gewinne und Verluste von Startups in Europa konsolidiert zu betrachten, statt einzelne ­rentable Landesgesellschaften zu besteuern. Harmonisiert werden müssen nach Ansicht der ­Initiatoren zudem die Regeln für die Mitarbeiterkapitalbeteiligung. Denn ­wenig finanzkräftige Startups locken gerne mit Unternehmensanteilen statt mit hohen Gehältern. Doch die Umsetzung in manchen Mitgliedsstaaten – darunter Deutschland – ist kompliziert, zudem gibt es keine Versteuerung späterer Gewinne.

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