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Flexible Arbeitszeitmodelle: Vor- und Nachteile des unbegrenzten Urlaubs

(llustration: Florian Thiemann)

Beschäftigte entscheiden zunehmend selbst, wann und wie lange sie arbeiten oder Urlaub nehmen. Von dieser ­Freiheit profitiert auch das Unternehmen – denn eine höhere Motivation der Belegschaft steigert den Erfolg. Allerdings gibt es auch Risiken.

Was die Personalvermittlung Franz und Wach seit anderthalb Jahren ausprobiert, klingt nach unternehmerischem Selbstmord: unbegrenzter Urlaub. Die internen Mitarbeiter müssen nicht zur Arbeit kommen. Wer will, bleibt zu Hause und faulenzt auf dem Sofa. Niemand muss auf Gehalt verzichten oder auf Druck des Chefs doch im Büro aufkreuzen. Dieses Versprechen hat Geschäftsführer Andreas Nusko in die Arbeitsverträge seiner Mitarbeiter geschrieben. Seine einzigen Bedingungen: Die 25 Niederlassungen müssen stets besetzt sein und die Kunden zufrieden. Er ist überzeugt: „Das System funktioniert zu 100 Prozent.“

Die Idee hinter der neuen Zeitautonomie ist eine unternehmerische: Nusko hat sie eingeführt, damit seine 200 internen Mitarbeiter an Flautetagen im Büro nicht sinnlos Papierschiffchen falten müssen – sondern einfach nach Hause gehen können. Ihn hat auch gestört, dass die Urlaubsoptimierer ihre freien Tage dauernd in die Lücken rund um gesetzliche Feiertage zwängen. Mit dem neuen Modell will er das verhindern: Wenn ein Mitarbeiter Urlaub braucht, kann er ihn einfach nehmen und muss nicht überlegen, wie viele Tage er dann noch für den gemeinsamen Familienurlaub auf Mallorca übrig behält. „Jeder meiner Mitarbeiter soll unternehmerisch denken. Ich gebe ihnen die Freiheit dazu“, so Nusko.

So radikal wie Franz und Wach experimentieren bisher nur wenige Firmen in Deutschland. Noch regieren starre Arbeitszeitmodelle in der Industrie: Es gelten die Mitarbeiter am leistungsfähigsten, die ständig verfügbar sind, täglich am längsten auf ­ihrem Bürostuhl sitzen und Freizeit für überbewertet halten. ­Doch langsam ändern sich die Rahmenbedingungen. Nachdem es die Vertrauensarbeitszeit in die Konzerne geschafft hat, gehen heute die ersten Chefs in Teilzeit. Neuere Phänomene wie Job­sharing oder der unbegrenzte Urlaub werden in Führungsriegen mindestens diskutiert. Das ist nicht nur Wohlwollen der Unternehmen: Im Kampf um Talente müssen sie sich schlicht weiter öffnen – viele Wunschkandidaten fordern solche Freiheiten ein.

Zusätzlicher Treiber ist die Digitalisierung und die durch sie entstandene Atomisierung der Arbeitswelt: Mitarbeiter müssen nicht mehr alle zur selben Zeit im Büro antreten, sie können jederzeit von überall aus arbeiten. Der Arbeitstag ist nicht mehr linear, er passt sich an die Bedürfnisse der Angestellten an: Morgens zwei Stunden E-Mails beantworten, das Kind in die Kita bringen, vier Stunden am Projekt werkeln, Mittagessen, Meeting per Slack, das Kind abholen und beschäftigen, abends noch zwei Stunden konzentriert arbeiten. Ein solcher Arbeitstag ist keine Seltenheit mehr – und wird in Zukunft häufiger auftreten. „Die Betriebe haben auf den gesellschaftlichen Wandel mit einem wachsenden Angebot von Arbeitszeitoptionen reagiert. Sie werden die Uhr nicht mehr zurückdrehen können“, sagt Yvonne Lott, Arbeitsmarktforscherin und Soziologin der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Freiheit mit System

Eine Unternehmenswelt, in der jeder Mitarbeiter nur Freiheiten genießt – das klingt traumhaft. Es bleiben aber ganz praktische Fragen: Welche Aufgaben zuerst anpacken? Wie lange darf welcher Arbeitsschritt dauern? Wie behält ein Team den Überblick, wenn jeder zu unterschiedlichen Zeiten arbeitet? Denn die Frage, wer die Arbeit erledigt, wenn sich drei Teammitglieder in den ­Urlaub verabschieden oder wenn ein Kollege zwei Stunden Pause macht und in dieser Zeit spontan ein wichtiger Termin wahrgenommen werden muss, die lässt sich nicht einfach mit „Ach, das passt schon irgendwie“ beantworten. Entweder kümmert sich dann ein Kollege, der selbst in Arbeit schwimmt – oder keiner.

Ohne ein funktionierendes Vertretungs­system geht es daher nicht. „Dass Mitarbeiter nicht immer anwesend und verfügbar sind, muss im System vorgesehen sein“, sagt Arbeitsmarktforscherin Lott. Nur so lasse sich eine Mehrbelastung von Kollegen und damit Unmut in der Belegschaft verhindern. „Wenn ein Team auf Kante genäht ist, werden die einzelnen Mitglieder bei aller Freiheit trotzdem länger arbeiten.“ Deshalb müsse die ­Arbeitswelt zu einer neuen Normalität der Fehlzeiten finden – mit Unternehmen, die in zusätzliches Personal investieren.

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