Trendreport

Weniger arbeiten: Flexible Arbeitszeitmodelle auf dem Prüfstand

(Shutterstock / Black Salmon)

Lesezeit: 9 Min.
Artikel merken

Was jetzt im Krisenmodus unfreiwillig geschieht, fordern viele Angestellte schon lange: flexiblere Arbeitszeitmodelle. Wer freier arbeiten will, muss dafür aber erst einmal mehr ­teilen: den Kalender, die Kommunikation. Und die Kultur.


Not macht erfinderisch. Das hat auch Klaus Hochreiter, Gründer der Onlinemarketingagentur Emagnetix, im eigenen Unternehmen erleben müssen. Vor wenigen Jahren war viel Arbeit da –, aber zu wenig Interessenten für offene Stellen: „Wir haben ein Gehalt über dem Branchenschnitt geboten, aber trotzdem gab es für Positionen manchmal keinen einzigen Bewerber“, sagt Hochreiter. Seine erste Erkenntnis: „Die Erwartungshaltung der Arbeitnehmer hat sich verändert, wir müssen etwas Einzigartiges schaffen.“

Vom Firmensitz im österreichischen Bad Leonfelden, eine halbe Autostunde nördlichWen von Linz, ging Hochreiter auf die ­Suche. Schaute sich im Silicon Valley um und in Skandinavien. Aus Schweden importierte er dann ein Modell, das seitdem für einen Run auf offene Stellen sorgt: Seit 2018 lässt Emagnetix nur 30 Stunden pro Woche arbeiten, zahlt aber für eine volle Arbeitswoche. In der Regel verteilen die Angestellten ihre Tätigkeiten auf vier Tage und bleiben am fünften dann zu Hause.

Aus zwölf Mitarbeitern wurden so in den vergangenen Jahren 30, auf Senior-Positionen bewerben sich mittlerweile bis zu 80 Menschen. Bei einer Umfrage im vergangenen Jahr sagten gut 80 Prozent der Mitarbeiter, dass sie sich gesünder fühlten. Und zwei Drittel gaben an, dass die Arbeitsbelastung gesunken sei – trotz komprimierten Stundenpensums. „Wir haben damit ein ­Alleinstellungsmerkmal“, erklärt Hochreiter zufrieden, „für uns ist es das richtige Modell.“

Weil er für manche Positionen keine Bewerber fand, führte Klaus ­Hochreiter, Gründer der Onlinemarketingagentur Emagnetix, die 30-Stunden-Woche in seinem Unternehmen ein. (Foto: Emagnetix)

Oft sind es Notsituationen, die Unternehmer zum Umdenken zwingen. Die Coronakrise sorgt gerade dafür, dass Millionen von Menschen ihren Schreibtisch im Homeoffice einrichten müssen. Wo die Arbeit von zu Hause mit Betreuungspflichten, Einkaufsroutinen und Haushaltsaufgaben konkurriert, sind starre Zeitpläne unmöglich aufrechtzuerhalten. „Pausenzeiten werden individueller, teilweise ­bröckeln sowohl Kernarbeitszeiten als auch Arbeitszeitrahmen aufgrund der privaten Anforderungen“, schreiben Christian Piele und Alexander Piele vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und ­Organisation (IAO). Unternehmen, die vor der Krise noch „eine sehr restriktive Flexibilisierungsstrategie“ verfolgt hätten, müssten diese nun nach und nach aufgeben. Häufig mit einem positiven Zwischenfazit, so die Forscher:

„Es funktioniert ja doch recht gut!“

Das kann als Katalysator für eine bereits begonnene Entwicklung wirken. „Der Glaube so mancher Führungskraft, dass hochflexibles Arbeiten in ihrem Team nicht funktioniert, ist nach dieser unfreiwilligen Experimentierphase durch die Praxis wider­legt“, schreiben die Forscher. Doch damit das kein Strohfeuer bleibt, müssen die jetzt erzwungenen und improvisierten Lösungen nach der Krise systematisiert werden. Denn für ­Unternehmen bedeutet die Umstellung auf neue Arbeitszeit­modelle einen tief greifenden Wandel.

Fast fertig!

Bitte klicke auf den Link in der Bestätigungsmail, um deine Anmeldung abzuschließen.

Du willst noch weitere Infos zum Newsletter? Jetzt mehr erfahren

Je nach Modell müssen Firmen ihre Prozesse umkrempeln, neue Regeln definieren oder zu technischen Tools greifen. Doch nicht nur die Organisation der Arbeit muss sich wandeln. „Ohne eine entsprechende Vertrauenskultur werden viele Projekte scheitern“, sagt Jutta Rump, Professorin am Institut für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen. Im Kern sind individuelle Lösungen gefragt, die zu den Anforderungen eines Unternehmens und den Ansprüchen seiner Mitarbeiter passen.

Auch ohne Krise kehren bereits seit längerem immer mehr Unternehmen den Nine-to-Five-Jobs den Rücken. Ob reduzierte Stundenzahl, die Abkehr von Kernarbeitszeiten oder Führung in Teilzeit: Arbeitnehmer wollen sich flexibler um ­Verwandte, ­Hobbys oder sich selbst kümmern. „In der Gesamtschau der Ergebnisse lässt sich klar festhalten, dass die Arbeitszeit­flexibilisierung die meisten Tätigkeitsbereiche heute schon stark durchdrungen hat“, schreiben auch die IAO-Forscher. Sie haben auf Basis einer ­Befragung der IG Metall die Verbreitung und Auswirkung von flexiblen Arbeitszeitmodellen in verarbeitenden ­Betrieben erforscht.

Das könnte dich auch interessieren

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

Schreib den ersten Kommentar!

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hallo und herzlich willkommen bei t3n!

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team von mehr als 75 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Schon jetzt und im Namen der gesamten t3n-Crew: vielen Dank für deine Unterstützung! 🙌

Digitales High Five
Holger Schellkopf (Chefredakteur t3n)

Anleitung zur Deaktivierung

Artikel merken

Bitte melde dich an, um diesen Artikel in deiner persönlichen Merkliste auf t3n zu speichern.

Jetzt registrieren und merken

Du hast schon einen t3n-Account? Hier anmelden

oder