Interview

Yuval Noah Harari: „KI und Biotech könnten uns von unserer Säugetierform befreien“

(Foto: Olivier Middendorp)

Yuval Noah Harari erreicht mit seinen umstrittenen Thesen zur Zukunft der Menschheit ein ­globales Publikum, gerade hat er sein drittes Buch veröffentlicht. Wir haben mit dem israelischen Historiker über seine Ideen für ein postdigitales Zeitalter gesprochen.


Yuval Noah Harari ist eine Art Popstar unter Historikern. Seine Bücher „Homo Deus“ und „Sapiens – Eine kurze Geschichte der Menschheit“ wurden in 49 Sprachen übersetzt. Sein neues Werk „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ erschien kürzlich in 50 Ländern gleichzeitig. Seine umstrittenen Thesen sind weltweit immer wieder Aufhänger medialer Berichterstattung. Auch auf den großen internationalen Bühnen ist er ein gefragter Mann: So philosophierte er unter anderem auf dem diesjährigen ­World ­Economic Forum vor der globalen Wirtschaftselite über die ­Zukunft der Menschheit.

Harari richtet in seinen Büchern den Blick auf das große Ganze. Wohin strebt unsere Gesellschaft? Welche Veränderungen erzielen wir durch Gentechnik? Wie sollten wir in Zukunft mit künstlicher Intelligenz umgehen? Seine provokanten ­Thesen verpackt er in eine verständliche Sprache – nicht zuletzt deswegen entfalten sie eine solche Sogwirkung für ein globales Publikum. Auch wenn er selbst immer wieder betont, als Historiker nur von möglichen Zukunftsszenarien sprechen zu können: Hararis ­Thesen prägen die Debatte um die postdigitale Zeit. Im Gespräch mit Print-Chefredakteur Luca Caracciolo sprach der Historiker über die Macht der Algorithmen, den Sinn und Unsinn von Zukunftsprognosen und über seine Ideen für die postdigitale Zeit.

t3n Magazin: Algorithmen und Daten gelten als Treiber unserer Wirtschaft und nehmen immer stärker Einfluss auf unseren ­Alltag. Wie gut finden Sie das?

Yuval Noah Harari: Algorithmen und Daten werden uns in vielfacher Weise helfen, indem sie zum Beispiel die Zahl der Verkehrstoten reduzieren. ­Heute sterben jährlich fast 1,25 Millionen Menschen bei Verkehrsunfällen – doppelt so viele wie in Kriegen, durch ­Kriminalität und bei Terroranschlägen zusammen. Über 90 Prozent dieser Unfälle gehen auf menschliches Versagen zurück: Jemand, der Alkohol trinkt und fährt. Jemand, der am Steuer eine Nachricht schreibt oder jemand, der einschläft. Selbstfahrende Autos werden solche Fehler nicht machen, auch wenn sie ihre eigenen Probleme ­haben und bestimmten Limitierungen unterworfen sind. Und auch wenn manche Unfälle nicht vermeidbar sind, lassen sich bis zu einer Million Menschen jährlich retten, wenn Computer die Kontrolle über die Straße übernehmen.

t3n Magazin: Klingt nach einer rosigen Zukunft. Gibt es auch Gefahren?

Ja. Wenn künstliche Intelligenz sich etwa immer weiter verbessert, kann sie eine kleine Gruppe von Menschen dazu ­ermächtigen, Entscheidungen für jeden von uns zu treffen. Menschen könnten gezwungen werden, in einer digitalen Diktatur zu leben.

t3n Magazin: Das hört sich bedrohlich an. Können Sie das erklären?

Im 20. Jahrhundert haben sich Demokratien gegenüber ­Diktaturen durchgesetzt, weil sie besser darin waren, Daten zu ver­arbeiten und Entscheidungen zu treffen. Demokratien verteilen Informationen und Machtausübung unter vielen Menschen und ­Institutionen, wohingegen Diktaturen Informationen und Macht an einem Ort bündeln. In Bezug auf die Technologie des 20. Jahrhunderts war es schlicht ineffizient, zu viele Informationen und Macht an einem Ort zu konzentrieren. Niemand und nichts besaß damals die Fähigkeit, alle verfügbaren Informationen schnell genug zu verarbeiten, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es gibt aber kein Naturgesetz, dass verteilte Datenverarbeitung immer effizienter ist als zentralisierte. Bald wird künstliche Intelligenz es ermöglichen, enorme Informationsmengen zentral zu verarbeiten. In der Tat könnten zentrale Systeme dann effizienter sein als verteilte. Der größte Nachteil autoritärer ­Regime im 20. Jahrhundert könnte in der Konsequenz ihr entscheidender Vorteil im 21. Jahrhundert werden.

t3n Magazin: Und Sie glauben, dass die neuen Technologien von so ­einem autoritären Regime im 21. Jahrhundert vereinnahmt werden könnten?

Technologie ist nie deterministisch. Wir können die gleichen technischen Mittel einsetzen, um verschiedenste Gesellschaften oder ­Situationen zu erschaffen. Zum Beispiel konnten die Menschen im 20. Jahrhundert die Technologien der industriellen Revolution – Züge, Elektrizität, Radio, Telefon – nutzen, um kommunistische Diktaturen, faschistische Regime oder liberale Demokratien zu erschaffen. Denken Sie an West- und Ostdeutschland. Beide hatten Zugang zu den gleichen Technologien, haben sie aber sehr unterschiedlich verwendet. Wie wir sie weise einsetzen, ist deshalb die größte Herausforderung, vor der die Menschheit aktuell steht. Die große Frage dabei ist: Wer entscheidet über das Wie?

t3n Magazin: So gerne wir uns auch an Prognosen versuchen – welche Antworten die Menschheit auf diese Fragen finden wird, ist heute noch völlig offen. Und dann gibt es ja auch noch die Möglichkeit, dass etwas völlig Unerwartetes passiert und den Lauf der Geschichte entscheidend verändert.

Ja. Genau wie Technologie ist auch Geschichte nie ­deterministisch und voll von unerwarteten Überraschungen. Denken Sie an das römische Imperium um 250 nach Christus. Zu jener Zeit war das Christentum nicht mehr als eine esoterische Sekte. Wenn sie damals den Römern erzählt hätten, dass innerhalb eines Jahr­hunderts das Christentum zur Staatsreligion werden wird, ­hätten sie Sie für verrückt erklärt. Ganz ähnlich im Oktober 1913, als Lenins Bolschewiki eine kleine radikale Fraktion waren. Keine vernunftbegabte Person hätte damals vorhergesagt, dass ­diese Gruppierung innerhalb von nur vier Jahren die Kontrolle über das russische Imperium erlangen würde.

t3n Magazin: Und in Bezug auf unsere Zukunft, sagen wir mal im Jahr 2050? Wie sehr müssen wir mit unerwarteten Entwicklungen rechnen?

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