Kolumne

Die 4 Krisen des Silicon Valley

(Foto: zimmytws / Shutterstock)

Die berühmten Mantras „Move fast and break things“ und „Ask for forgiveness, not for permission“ sind nicht mehr cool. Heute stehen sie für die mehrschichtige Krise des Silicon Valley, konstatiert Martin Weigert in seiner Kolumne Weigerts World.

Das Silicon Valley befindet sich derzeit in seiner größten Krise seit dem Dotcom-Crash. Genau genommen sind es vier Krisen, die sich parallel abspielen. Es folgt ein Überblick:

Wegbrechender innenpolitischer Rückhalt

Führende Techfirmen des Silicon Valley wie Facebook, Google und Twitter werden systematisch zur politischen Manipulation genutzt. Daran gibt es mittlerweile keine Zweifel mehr. Nur das Ausmaß ist bislang unklar. Die Untersuchungen laufen. Parallel stehen die Anbieter aufgrund ihres je nach Sichtweise zu abwartenden oder zu restriktiven Umgangs mit Hetze und von der Norm abweichenden Äußerungen in der Kritik. Zudem rückt die Rolle des Technologiesektors bei der Verstärkung der Kluft zwischen arm und reich in der Region in den Fokus. Es gibt vielleicht keinen anderen Ort, zumindest in den wirtschaftlich entwickelten Ländern, an dem jeden Tag so viele Millionäre an so vielen Obdachlosen vorbeilaufen und -fahren, wie San Francisco. Die Folge von all dem: Der politische Rückhalt für das Silicon Valley bricht auf beiden Seiten des politischen Spektrums weg.

Polarisierender kultureller Wandel

Bislang war das Silicon Valley eine Männerdomäne mit hoher ethnischer Homogenität. Doch der kulturelle Wandel macht vor dem Valley nicht halt. Die Kritik an der einseitigen strukturellen Zusammensetzung des Techsektors wird lauter. Die von stereotypisch-männlichen Eigenschaften geprägte Monokultur des Silicon Valleys kollidiert mit einer für sie neuen Wirklichkeit, in der sexuelle Belästigung, Ungleichbehandlung und Entscheidungen auf Basis einer eindimensionalen Weltsicht angeprangert statt unter den Teppich gekehrt werden. Die Debatten dazu sind notwendig. Sie verlaufen aber häufig derartig hitzig, ideologisch aufgeladen und polarisierend, dass die Handlungsfähigkeit des Valleys für einige Zeit eingeschränkt werden dürfte. Denn man ist notgedrungen viel mit sich selbst beschäftigt.

Globale Regulierung

Die Steuervermeidungspraktiken der US-amerikanischen Techfirmen sind der EU schon lange ein Dorn im Auge. Zuletzt erhöhte sie den Druck deutlich. Die Debatten um Wahlmanipulationen, monopolistische Tendenzen und systematisches Regelbrechen von Google, Facebook oder Uber liefern zusätzliche Motive für Länder und Regionen, den kalifornischen Firmen Daumenschrauben anzulegen. Die berühmten Valley-Mantras wie „Move fast and break things“ oder „Ask for forgiveness, not for permission“ haben ihren positiv-rebellenhaften Ton verloren und stehen heute eher für die Arroganz und Ignoranz der Silicon-Valley-Ideologie.

Technologie-Backlash

Auf jede Euphorie folgt eine Periode der Ernüchterung und Enttäuschung. Es deutet einiges darauf hin, dass wir in Sachen digitaler Technologien gerade eine solche Phase erleben. Kritische Berichte zu den negativen Folgen der Omnipräsenz von Gadgets und Connectivity in unserem Alltag werden nicht mehr länger von technophoben Ewiggestrigen geschrieben und herumgereicht, sondern von den bisherigen Early Adoptern, die alles ausprobiert haben und mit ihrem Smartphone verwachsen sind. Sie beginnen, die Schattenseiten der neuen Technologie für ihr eigenes Wohlbefinden und für die Menschheit insgesamt zu erahnen. Dieser Prozess ist normal und wahrscheinlich notwendig. Das Pendel schwingt erst in die eine Richtung, dann in die andere, bis es sich einpegelt. Doch jede verblassende Begeisterung über das unermüdliche Streben nach digitaler Consumer-Innovation schadet zumindest kurzfristig gesehen dem Silicon Valley, wo man dieses Streben in den vergangenen Jahrzehnten perfektioniert und in sprudelnde Milliardengewinne umgemünzt hat.

Es ist unklar, wie es weitergeht. Wenig Zweifel bestehen aber daran, dass sich das Silicon Valley radikal verändern wird.

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