Kommentar

4 Technologien für ein besseres Alter – wer baut sie?

(Grafik: Shutterstock/Zenzen)

Alle wollen alt werden, aber niemand will alt sein – warum eigentlich? Moderne Technik kann das Leben in jedem Alter besser machen. Was fehlt, ist die Umsetzung – zum Beispiel von diesen vier Ideen.

Wir werden alle irgendwann alt. Und wenn wir die moderne Medizin, unseren Lebensstil und die Bevölkerungsstatistik ansehen, steht zu vermuten: sogar sehr alt. Das soll niemanden erschrecken – gerade die Rentenzeit kann ungeheuer erfüllend sein. Senioren sind heute gesünder und mobiler als je zuvor. Doch es gibt noch Luft nach oben. Hier ist nicht nur die Medizin gefragt: Technik kann und soll den Alltag erleichtern. Viele altersbedingte Einschränkungen können mit moderner Technik und intelligenten digitalen Lösungen beseitigt werden. Zahlreiche gute Ideen müssten nur noch zur Marktreife gebracht werden. Andere sind momentan noch Science-Fiction. Doch die Fantasien von gestern sind heute schon Alltag – weil mutige Tüftler und Gründer sich von der Vision einer besseren Welt inspirieren ließen.

1. Smarter Homes dank schlauer Kombinationen

Digitale Assistenten, die Fragen beantworten und Bestellungen erledigen; Energiespar-Heizungen, die kurz vor der Rückkehr der Bewohner alle Zimmer auf Wohlfühltemperatur bringen – Smarthome-Ideen gibt es viele, Anbieter ebenfalls. Einiges davon ist geradezu perfekt für Senioren, deren Beweglichkeit nachlässt. Etwa die Universalfernbedienung für den Haushalt: Licht, Rollläden, Heizung – alles wird dank entsprechender Geräte per App gesteuert. Gesundheits-Apps helfen bei der gezielten Prävention vieler altersbedingter Leiden – und informieren Vertrauenspersonen über den Zustand der Senioren, damit im Notfall schnell Hilfe da ist. Sie erinnern an die Medikamenteneinnahme und achten darauf, dass ihre Nutzer genug trinken. Diabetiker können ihren Insulinbedarf berechnen, Hypertoniker ihren Blutdruck im Blick behalten.

All das gibt es schon. Doch wer mehrere Anwendungen kombinieren möchte, muss derzeit zig Apps herunterladen und Geräte verschiedenster Hersteller kaufen. Nicht alle sind kompatibel, und einige sind komplex in der Bedienung, besonders bei nachlassender Sehkraft. Das macht die Hemmschwelle gerade für Senioren größer, als sie sein müsste. Wo sind die Anbieter, die diese Anwendungen barrierefrei und systemoffen miteinander verknüpfen, um Smarthome- und Healthcare-Lösungen gezielt für ältere Menschen zur Verfügung zu stellen?

2. Privatsphäre bei der Körperpflege

Nach einem langen selbstständigen Leben auf Hilfe angewiesen zu sein, fühlt sich oft wie eine Katastrophe an. Am unangenehmsten ist das im Badezimmer, doch wenn der Körper nicht mehr mitmacht, kann schon das Stehen unter der Dusche zu viel sein, und manche Körperstellen sind nur noch mit Mühe erreichbar. Viele Senioren stehen dann vor der Frage, was peinlicher ist: ihre Hygiene zu vernachlässigen oder sich von einer Pflegekraft helfen zu lassen? Die Möglichkeit, im Badezimmer allein zu sein und selbständig entscheiden zu können, wie warm das Wasser sein soll, wann welche Körperstelle gewaschen wird und wie lange die Dusche dauert, ist eine Freiheit, die man erst zu schätzen lernt, wenn man sie verliert. Sicher, die meisten Pflegekräfte sind freundlich und kompetent, sie geben ihr Bestes, solche Situationen möglichst angenehm zu gestalten. Doch der Personalmangel und der Zeitdruck in der Pflege machen es ihnen schwer.

Dabei müsste in einer Welt, in der es ferngesteuerte Bidets mit Fön und Sitzheizung gibt, niemand auf fremde Hilfe im Bad angewiesen sein. Bislang werden sie als Luxusprodukte vermarktet; doch vieles, was heutzutage Standard ist, galt früher als Luxus. In Zukunft könnte das klassische Bidet mit einer barrierefreien Ganzkörperdusche kombiniert werden, in der mehrere Duschköpfe individuell steuerbar sind, sodass selbst jemand mit starker Bewegungseinschränkung den gesamten Körper selbständig reinigen kann. Es gibt bereits Modelle, bei denen Temperatur, Druck und Richtung des Strahls differenziert eingestellt werden können. Wo ist die Hightech-Dusche, mit der Körperpflege auch in hohem Alter Privatsache bleibt?

3. Spielerisch einfach vorsorgen und versorgen

Eines der häufigsten Altersleiden ist Demenz. Sie ist zumindest bisher nicht heilbar, doch es gibt etliche neue Methoden, um den Ausbruch und das Fortschreiten zu verzögern und die Lebensqualität selbst schwer dementer Menschen zu erhöhen: Die Roboter-Robbe Paro wird weltweit eingesetzt, um Senioren Trost und Gesellschaft zu spenden und sie zur Interaktion anzuregen. Sie reagiert auf Berührungen, wirkt gegen Einsamkeit und hilft den Patienten, Kontakt zu anderen Menschen zu finden. Der Therapieball von Ichó Systems ist ebenfalls für Demenzkranke, wird aber auch von behinderten und psychisch kranken Menschen genutzt. Er stellt sich individuell auf den Nutzer ein und hilft bei der spielerischen Kontaktaufnahme. Für andere altersbedingte Leiden gibt es ebenfalls erste Ansätze, etwa menschenähnliche Roboter mit Namen wie Pepper und Parlo, die Sing- und Bewegungsspiele anleiten.

Doch da geht noch mehr. Für viele altersbedingte Einschränkungen gibt es Übungen zur Prävention und zur Linderung der Symptome. Bisher müssen dafür allerdings Physiotherapeuten gefunden und Termine vereinbart werden. Niedliche Serviceroboter, wie sie in Japan schon zum Seniorenheim-Alltag gehören, können das einfacher und spaßiger machen – vor allem, wenn neue Programme für spezielle Therapien entwickelt werden. Wo ist der Roboter, der diese Übungen mit den Senioren durchführt?

4. Exoskelette statt Rollatoren

Wenn mit zunehmendem Alter schon der Gang zum Supermarkt anstrengend wird, ziehen sich viele Senioren immer mehr zurück. Kaputte Gelenke können zwar operativ ersetzt werden, doch das birgt Risiken, und gegen nachlassende Muskeln und brüchige Knochen hilft keine OP. Ein Rollator hilft beim Gehen, aber Treppen werden damit eher noch mühsamer. Es scheint kein Weg daran vorbeizuführen: Je älter die Menschen werden, desto kleiner wird ihr Aktionsradius. Dabei muss das nicht sein: Exoskelette kommen komplett ohne invasive Operation aus, und was bis vor einigen Jahren noch Science-Fiction war, wird inzwischen in der Realität erforscht.

2004 stellte die Universität Berkeley ein von der DARPA (der amerikanischen Defense Advanced Research Projects Agency) gefördertes robotisches Exoskelett vor, das Soldaten das Tragen schwerer Lasten durch unwegsames Gelände erleichtert. Auch als Unterstützung bei körperlicher Arbeit oder in der medizinischen Rehabilitation werden Exoskelette erprobt. Deutschland ist dabei ganz vorn: Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) hat einen Prototyp für die Schlaganfall-Reha entwickelt. Recupera hilft Betroffenen beim Gehen und führt mit ihnen tägliche Übungen durch, die zuvor mit Physiotherapeuten eingeübt wurden – in zwei bis drei Jahren soll das System marktreif sein. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen hat Exoskelette Anfang 2018 offiziell ins Hilfsmittelverzeichnis aufgenommen, sodass Krankenkassen verpflichtet sind, die Kosten zu übernehmen. Bisher geschieht das vor allem bei Wirbelsäulenverletzungen, doch warum sollte dort Schluss sein? Wo ist das Alltags-Exoskelett für Senioren?

Überrascht uns!

Wir brauchen neue Ideen für ein gutes Alter – und die müssen nicht nur aus der Medizin kommen. Je mehr Perspektiven es gibt, desto vielfältiger, origineller, besser werden die Lösungen. In der Startup-Szene gibt es Wissen über und Erfahrung mit digitalen Technologien ebenso wie die Bereitschaft, Neues auszuprobieren und Vorhandenes auf kreative Art anzuwenden. In der Pflegebranche fehlt oft die Zeit, sich neben dem laufenden Betrieb mit Neuerungen auseinanderzusetzen, deren Nutzen sich erst später zeigt. Allzu viele Betriebe leiden ohnehin unter Personalmangel und Zeitnot. Dafür gibt es dort die Kenntnis der alltäglichen Probleme und die Erfahrung, was gut läuft und was nicht. Wenn beide Seiten miteinander reden: Welche Ideen könnten daraus entstehen? In diesem Dialog steckt so viel Potenzial. Das Thema „Alter“ ist unangenehm, vor allem für die Jungen. Doch Innovationen in diesem Bereich bieten gleich doppelt Vorteile: Einmal, weil dieser Markt stark wächst. Und einmal, weil wir alle irgendwann alt werden.

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Ein Kommentar
Jan
Jan

Toll wären schon mal bezahlbare Hörgeräte. Die Elektronik wäre ja nicht teuer. Und das Einstellen durch einen Hörakustiker könnte auch eine künstliche Intelligenz übernehmen.

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