Interview

„Das ist wie 500 Gramm Hackfleisch für 49 Cent“ – Krankenversicherungen für digitale Nomaden

(Grafik: t3n)

Ein Interview mit einem Experten zum Thema Auslandskrankenversicherung für digitale Nomaden.

Tim Penopp ist Experte für internationale Krankenversicherungen bei E.I.C. Expatriates Insurance Consulting, einem Maklerbüro, das sich auf Versicherungen für Expats und digitale Nomaden spezialisiert hat. Also kein Hörensagen, keine Infos aus einem Blog, der mit Affiliate-Links gespickt ist, sondern Expertenwissen und -erfahrungen.

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Tim Penopp von Expatriates Insurance Consulting. (Foto: E.I.C.)

t3n: Hallo Tim, schön, dass du dich bereit erklärt hast, mir hier ein paar Fragen zum Thema Auslandskrankenversicherung, sprich AKV, zu beantworten. Denn ich glaube, nicht nur ich fühle mich mit dem Thema bisweilen etwas überfordert…

Tim Penopp: Hallo, sehr gerne. Ist ja für mich nichts Neues. Das mache ich jeden Tag.

t3n: Zu dir, zu euch, kommen also viele Leute? Was sind das für Leute?

Unterschiedlich. Zum einen arbeiten wir für Unternehmen, die Mitarbeiter für eine gewisse Zeit ins Ausland entsenden und unsere Unterstützung brauchen. Zum anderen für Menschen, die dauerhaft in ein bestimmtes Land auswandern wollen, aber eine deutsche AKV wollen. Und dann noch die digitalen Nomaden.

t3n: Okay, Expats und Unternehmen mal außen vor gelassen, konzentrieren wir uns auf digitale Nomaden. Ich bin auf euch durch Recherche gekommen, weil ich selber gerade eine neue AKV brauche. Ihr seid ja preislich etwas höher angesiedelt als eure Konkurrenz… Warum?

Nun, grundsätzlich können wir als Makler auf nahezu alle Angebote auf dem Markt zurückgreifen und auch wir können einige billige Tarife vermitteln. Die Frage ist aber, was man dann wirklich davon am Ende hat?

t3n: Warum? Krankenversicherung ist doch Krankenversicherung – sollte man meinen, oder?

Nein. Es gibt sehr große Unterschiede und ich habe gerade auch nicht ohne Grund zu einigen Angeboten „billig“ gesagt. Die sind nämlich leider nicht einfach preiswert, sondern auch wirklich billig. Aber ich stimme dir zu, es ist nicht einfach, herauszufinden, wo die Unterschiede wirklich liegen und vor allem, welche Lösung zu einem selbst passt.

t3n: Was meinst du genau?

Es fängt damit an, dass wir es mit einem internationalen Markt zu tun haben und die meisten Anbieter – auch wenn sie international aktiv sind – ihre Produkte, also ihre Versicherungen, so aufbauen, wie es in ihren Heimatmärkten üblich ist. Das führt dann dazu, dass zum Beispiel die Versicherer, die nicht aus dem kontinental-europäischen Markt kommen, ihre Leistungen jährlich limitieren. Beispiele hierfür sind die Cigna oder die Allianz Care. Das sind jetzt nicht zwingend schlechte Versicherer und auch noch nicht das, was ich gerade als billig bezeichnet habe, aber hier kannst du das Problem bekommen, dass irgendwann das Limit deiner Versicherung erreicht ist, wenn du schwer erkrankst oder einen schweren Unfall hast. Und dann zahlt von heute auf morgen niemand mehr für deine vielleicht lebensnotwendige Behandlung. Im nächsten Jahr würden die dann wieder zahlen – wenn du bis dahin durchkommst.

t3n: Okay, dann halte ich mich an die europäischen Versicherungen und alles ist gut?

Es wäre schön, wenn es so wäre. Aber auch zwischen denen gibt es große Unterschiede. In Deutschland sind einige Reiseversicherer ziemlich bekannt, die Europäische, der ADAC macht sowas, die Hansemerkur…

t3n: Hör mir auf mit Hansemerkur…

Ja, eben, und ich weiß, dass du da schlechte Erfahrungen gemacht hast. Es liegt aber eben auch an der Art der Versicherung. Reiseversicherungen sind dann okay, wenn du ein paar Wochen in den Urlaub fliegst und während deines Urlaubs passiert akut etwas. Dann kommen die für die Behandlungskosten auf und vielleicht auch noch für den Rücktransport nach Deutschland, wenn es sinnvoll ist, dass die Behandlung nicht im Urlaubsland zu Ende gebracht, sondern in Deutschland fortgesetzt wird. Wenn du aber ein halbes Jahr oder länger wirklich im Ausland leben willst, stößt so etwas an seine Grenzen. Hier sind wir nämlich dann auch bei billig. Solche Reiseversicherungen schließen in der Regel alle Erkrankungen und deren Folgen aus, die bei Reiseantritt bestanden haben. Und das Schöne ist, wenn du dann im Ausland mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegst und auf deine Kostenübernahme wartest, darfst du erstmal deinem Versicherer beweisen, dass du nicht auch schon vorher Herzprobleme hattest. Oder sie schreiben in ihre Bedingungen, der Versicherungsschutz endet mit Wegzug aus Deutschland… und wann liegt jetzt so ein Wegzug vor? Wenn du über ein Jahr im Ausland leben willst, musst du dich an deinem Wohnsitz in Deutschland abmelden. Bist du dann weggezogen im Sinne der Bedingungen der Reiseversicherer wie ADAC und Co.? Sowas ist dann wirklich billig, du hast zwar wenig bezahlt, dafür bekommst du aber auch nix. Das ist wie 500 Gramm Hackfleisch für 49 Cent, da muss man über Qualität nicht groß reden.

t3n: Aber wie finde ich denn dann Qualität?

Am Ende immer durch lesen! Versicherungsbedingungen lesen und vergleichen. Am Ende ist das der einzige Weg.

t3n: Klingt ein wenig zu aufwendig für mich, wenn ich mir jetzt die Bedingungen aller Krankenversicherer durchlesen soll?

[lacht] In der Tat, die Alternative ist, du suchst dir jemanden, der solche Bedingungen für dich liest.

t3n: Und das bist dann du?

Genau. Das ist der eine Teil meines Berufs. Ich beschäftige mich sehr viel damit, Versicherungsbedingungen zu lesen, zu vergleichen, zu analysieren. Und immer, wenn irgendein Versicherer mit einem neuen Produkt um die Ecke kommt, geht das Ganze von vorne los. Teilweise fangen wir dann auch noch an, mit den Gesellschaften zu verhandeln, wenn wir zum Beispiel der Meinung sind, dass eine Klausel in den Bedingungen zu gefährlich ist.

t3n: Was heißt zu gefährlich?

Gefährlich heißt in diesem Zusammenhang, dass in der Krankenversicherung irgendwo in den Bedingungen ein Kostenrisiko für die Versicherten schlummert. Also ein Grund, warum der Versicherer Leistungen für Behandlungen verweigern kann. Manchmal gelingt es uns, dass Versicherer dann für unsere Kunden auf so eine Klausel verzichten, weil sie wollen, dass wir ihre Versicherungen weiterhin oder überhaupt erst unseren Kunden anbieten. In den Fällen, in denen uns das nicht gelingt, bieten wir es gar nicht erst an oder nur mit sehr eindringlichen Warnungen.

t3n: Verstehe. Aber wie komme ich jetzt zu meiner Krankenversicherung?

Das ist dann der zweite große Teil meiner Arbeit. Wir versuchen, für unsere Kunden die passende Versicherung zu finden.

t3n: Was bedeutet das genau?

Zuerst müssen wir dafür rausfinden, was du wirklich brauchst. Welche Länder müssen versichert sein, wie sieht die medizinische Versorgung dort aus und was kostet sie? Hast du eventuell bestehende Erkrankungen, die mitversichert sein sollen? Wie lange wirst du voraussichtlich im Ausland sein? Und am Ende auch: Was ist dir selbst wichtig, was erwartest du von deiner Krankenversicherung? Aus all diesen Angaben erstellen wir ein Anforderungsprofil und sehen dann, welche Versicherung am besten dazu passt.

t3n: Gibt es nicht einfach eine Versicherung, die am besten ist?

Nein, es ergibt zum Beispiel keinen Sinn, für einen 20-jährigen alleinstehenden Mann, der für ein Jahr ins Ausland geht, eine Krankenversicherung einzurichten, die hohe Leistungen für Schwangerschaft ohne Wartezeit vorsieht. Das wäre dann so, als ob du dir für deine kalten Füße eine Mütze kaufst. Die hält zwar auch irgendwie warm, aber deine Füße sind noch immer kalt. Krankenversicherung ist immer auch eine sehr individuelle Frage: Was muss und was kann ich mir leisten? Dieses Profil zu erstellen und dann am Ende die Versicherung zu finden, die am besten dazu passt, das ist letztendlich die Essenz unserer Arbeit.

t3n: Und wenn wir das durchgezogen haben, bin ich am Ende gut abgesichert?

Das ist das Ziel. Wir haben als Makler den großen Vorteil, dass wir nicht an eine oder zwei Versicherungen gebunden sind. Wir können uns praktisch im gesamten Versicherungsmarkt in Deutschland und auch international bedienen und die am besten passende Absicherung für unsere Kunden suchen. Du kannst das ein bisschen mit einem Handwerker vergleichen. Die Versicherungen sind in diesem Bild die Werkzeuge und für jede Anforderung gibt es eben ein Werkzeug, das am besten passt. Natürlich kannst du eine Schraube mit einer Zange festziehen, aber ein Schraubenschlüssel passt eben besser und du hast nicht das Risiko, dass du mit der Zange den Schraubenkopf kaputt machst. Davon profitieren dann unsere Kunden, dass wir immer oder zumindest meistens das richtige Werkzeug benutzen. Der zweite Vorteil für unsere Kunden ist, dass wir für unsere Beratung auch selbst haften. Wenn ich einem Kunden sage, dass eine bestimmte Behandlung mitversichert ist, dann muss ich am Ende auch dafür geradestehen. Wenn diese Behandlung am Ende nicht versichert wäre, geht es soweit, dass wir dann die Kosten für so etwas tragen müssen.

t3n: Also ich bekomme dadurch eine zusätzliche Sicherheit?

Genau. Ein Rat, den wir erteilen, ist immer verbindlich und er muss immer die Bedürfnisse des Kunden in den Mittelpunkt stellen.

t3n: Und wer sind so eure Kunden? Digitale Nomaden ist ja eher ein Sammelbegriff für eine sehr diverse Gruppe von Menschen…

Bei uns ist es sehr unterschiedlich. Bei den digitalen Nomaden sind es aber oft auch die Eltern, die zu uns kommen.

t3n: Die Eltern?!

Ja, interessant, nicht wahr? Sie sind es, die größtenteils auf uns zukommen. Das liegt daran, dass viele angehende digitale Nomaden sich – in den Augen derer Eltern – zu wenig Gedanken zum Thema Krankenversicherung machen. Sie würden etwas günstig im Internet bei Safety Wing und ähnlichen Anbietern abschließen oder zu Cigna oder anderen amerikanischen Anbietern gehen, deren Name den meisten in Deutschland überhaupt nichts sagt. Die Eltern werden skeptisch, googeln etwas genauer, und machen sich dann Sorgen. Dass ihr Kind in die Welt geht, macht sie schon grundsätzlich genug nervös. Aber dann „soll das Kind wenigstens gut abgesichert sein!“ Und die Eltern sind mehr als bereit, dafür etwas mehr zu bezahlen, meist übernehmen sie die kompletten Kosten. Hauptsache, ihr Kind ist abgesichert. Das beruhigt sie.

t3n: Also weniger die digitalen Nomaden selbst?

Zumindest seltener. Und wenn, dann oft die, die schon unterwegs sind und schlechte Erfahrungen gemacht haben. Dann wird es oft aber auch schwierig. Die schlechten Erfahrungen entstehen ja dann, wenn bei einer Erkrankung oder nach einem Unfall die medizinische Versorgung eben nicht so war, wie man es sich gewünscht hätte und vielleicht auch Folgen zurückbleiben. Das ist dann auch etwas, was für den „neuen Versicherer“ natürlich nicht so toll ist und es wird auch für uns dann aufwendig, noch eine gute Absicherung hinzubekommen. Kennst du, oder?

t3n: Ja ja… Wie sieht das dann jetzt finanziell aus? Du hast vor Billigversicherungen gewarnt, aber was ist denn nun nicht billig?

Genau kann ich das nicht sagen – weil es eben individuell ist und auch auf die Anforderungen ankommt. Aber ich sage mal, ab 100 bis 150 Euro im Monat geht es los.

t3n: Einiges mehr als die anderen…

Das mag durchaus sein, aber du musst auch sehen, was Versicherungen machen. Letztendlich verteilen Versicherungen Geld um. Bei Krankenversicherungen ist es vereinfacht gesprochen so: Alle Versicherten zahlen ihren jeweiligen Beitrag und weil einige von den Versicherten gesund sind und es hoffentlich auch bleiben, können deren Beiträge dazu verwendet werden, die Behandlungskosten von denen zu finanzieren, die erkrankt sind oder einen Unfall hatten. Wenn jetzt alle aber nur 20 oder 30 Euro im Monat bezahlen, kannst du hochrechnen, wie viele Gesunde du brauchst, um einen zu finanzieren, der wegen eines Unfalls eine Operation braucht, vielleicht zehn Tage im Krankenhaus liegt und im schlimmsten Fall dann auch noch mit einem Ambulanzflugzeug nach Deutschland zurücktransportiert werden muss. Das ganze kostet schnell einen fünfstelligen Betrag und am Ende zahlen das eben alle Versicherten als Kollektiv.

t3n: Okay, danke. Ich danke dir wirklich sehr für deine Offenheit und deine Zeit.

Gern geschehen!

t3n: Cheers!

Du hast Lust, mehr über das Leben als digitaler Nomade zu erfahren? Kein Problem, bei Rob’n’Roll around the World liest du mehr!

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