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Ein Abgesang auf die aktive Twitter-Homepage: Hier spielte die nationale Musik

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Im Schaufenster, das neue Nutzer für Twitter begeistern sollte, zeigten sich überdeutlich die Schattenseiten des Netzwerkes im Bereich der politischen Repräsentativität. Nun wird die aktive Homepage durch eine statische Version ersetzt: Die Probleme bleiben.

In den kommenden Tagen dürfte es soweit sein: Die aktive Twitter-Homepage, die im deutschen Netz noch vereinzelt ausgespielt wird, wenn man Twitter.de im Browser aufruft, wird durch die statische Log-in-Seite endgültig ersetzt. Wie aus Unternehmenskreisen zu erfahren war, fiel vor kurzem in San Francisco die Entscheidung für die minimalistisch gestaltete Homepage mit den senkrecht unterteilten blauen und weißen Farbfeldern als globaler Standard.

Ein Screenshot der statischen Homepage vom 01. März 2018. (Screenshot: Twitter)

Damit wird einem seit Monaten dauernden Experiment ein Ende gesetzt, das zwar an vielen regelmäßigen Twitter-Usern fast spurlos vorbeiging, dabei aber die problematische Rolle des Netzwerks im politischen Diskurs geradezu versinnbildlichte. Die aktive Homepage, die in Deutschland ab Herbst 2017 verstärkt und im Dezember und Januar teilweise durchgehend im Desktop-Browser ausgesteuert wurde, setzte sich aus in verschiedene Rubriken wie „Wetter & Verkehr“, „Nachrichten“ und „Bundesliga“ unterteilte Tweets zusammen und sollte vermutlich als buntes Schaufenster Internet-Nutzer mit diversen Interessen dazu bewegen, sich auf der Plattform umzusehen. Im Ressort Politik ging es unter Überschriften wie „Parteien in Deutschland“ und „Mitglieder des Bundestages“ allerdings nicht sonderlich bunt, sondern eher farblich eintönig zu.

Wer sich vorwiegend mobil auf Twitter aufhält, ahnt zwar, dass Vertreter der hellblauen Partei im Netzwerk überdurchschnittlich aktiv sind und dort enormen Zulauf erfahren. Allerdings würden ihm ohne weitere Recherche eindeutige Belege dafür fehlen. Zumal der eigene Feed durch persönliches Follow-Verhalten sowie die algorithmische Timeline das Netzwerk insgesamt nicht abbilden kann oder soll. So war es höchst interessant, auf der aktiven Homepage einen Querschnitt der politischen Tweets ausgesteuert zu bekommen, die entweder rege geteilt und geliked wurden oder aus anderen Gründen von Twitter als schaufenstertauglich erachtet wurden – ohne die Personalisierung, die nach dem Einloggen für die User-Experience prägend ist. Kurz gesagt: Mit welchen politischen Inhalten ging Twitter monatelang auf Nutzerfang?

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„Parteien in Deutschland“: Politische Tendenzen sichtbar gemacht

Die Antwort ist eindeutig. In einem zweimonatigen Beobachtungszeitraum besetzten Tweets von der AfD die Rubrik „Parteien in Deutschland“ zu rund 60 Prozent. An 50 Tagen zwischen dem 1. Januar 2018 und dem 28. Februar riefen wir die Twitter-Hompeage auf dem Desktop auf: An 25 Tagen wurde die aktive Seite ausgesteuert – und an 15 dieser Tage war ein Tweet von @Afd als erster unter „Parteien in Deutschland“ zu sehen. Weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz landete @dieLinke mit sechs Tweets. Wäre diese Homepage der Bundestag, hätte die Linke damit 24 Prozent der Sitze inne. Die CDU würde in dem Fall 16 Prozent der Mandate beanspruchen, während die FDP, die Grünen und die SPD alle mit jeweils vier Prozent draußen bleiben müssten. Mit null Prozent fand die CSU auf der aktiven Homepage nicht statt. Mit ihren 60 Prozent wäre die AfD fast fünfmal so stark wie im echten Bundestag.

Ein Screenshot der aktiven Homepage vom 19. Janaur 2018. (Screenshot: Twitter)

Dieses Missverhältnis zwischen Netz und Urne wundert langjährige Kenner der Parteipolitik im Netz überhaupt nicht. „Abgesehen von @AfD haben auch die individuellen Politiker der Alternative für Deutschland extrem viele Accounts,“ sagt der auf digitale Kommunikation spezialisierte Politikberater Martin Fuchs (@wahl_beobachter), „die dann die Tweets des Partei-Accounts retweeten und liken. Sie sind damit schon fast an der Spitze und setzen sich mit gegenseitiger Unterstützung algorithmisch gegen andere Parteien durch.“ Er erinnert an eine ähnliche Entwicklung vor zwei Jahren, als in den „Wem folgen?“-Empfehlungen überproportional oft @AfD sowie AfD-Politiker auftauchten. Ein europaweit aktiver Blogger, der Autor und Berater Jon Worth (@jonworth), hat schon einmal durch eine Analyse der Followerzahlen von deutschen Politikern der anderen Parteien eindrucksvoll bewiesen, wie schwach sie sich im Netzwerk ausnehmen: „Im europäischen Vergleich haben deutsche Parteien und Politiker Twitter vielleicht am allerwenigsten verstanden.“ Obendrein kämen dann „die ganzen Rassisten und die russischen Bots“, die den AfD-Tweets Vorschub leisteten und die Verzerrungen noch heftiger ausfallen ließen.

Screenshots des AfD-Tweets von der aktiven Homepage am 19. Januar sowie am 1. März 2018; Screenshots der Tweets von anderen Parteien. (Screenshots: Twitter)

Obwohl sowohl Fuchs als auch Worth davon ausgehen, dass Twitter eine solche Homepage eher algorithmisch bestücken ließ, bleibt die genaue Funktionsweise undurchsichtig. Das Unternehmen wollte auf Anfrage von t3n.de die nun scheidende Seite im Detail nicht kommentieren. So wird nicht mehr in Erfahrung zu bringen sein, warum etwa der am Morgen des 10. Januar in der Rubrik „Parteien in Deutschland“ vorgestellte @AfD-Tweet über das Netzdurchsetzungsgesetz bereits mit bloß 15 Retweets und 39 Likes ausgespielt wurde. Es ist zwar möglich, dass er schon damit eine stärkere Interaktivität erzeugte als sämtliche andere aktuelle Tweets von allen Parteien – hat er doch bis dato 273 Retweets und 806 Likes, während der stärkste Tweet jenes Tages von @Die_Gruenen beispielsweise bislang nur 84 mal geretweetet und 270 mal geliked worden ist. Erklärt ist damit aber nicht, warum am Nachmittag die CDU den Platz zweitweise besetzte, obwohl keiner der von @CDU gesendeten Tweets am 10. Januar auch nur annähernd dreistellige Ergebnisse erzeugte. Die SPD legte jedenfalls wohl wegen des GroKo-Umschwenk-Chaos zwischen dem 5. Januar und dem 12. Januar eine Twitter-Pause ein. Dass sich aber hier ein Algorithmus ausgerechnet für die sonst so wenig auf der Homepage vorkommende CDU entschied, während Tweets von der AfD und den Grünen höhere Interaktivität erzeugten, erscheint gelinde gesagt merkwürdig.

„(Nicht-)Mitglieder des Bundestages“: Ein Zerrbild der parlamentarischen Öffentlichkeit

Mit solchen Unwägbarkeiten bekommt es jeder zu tun, der versucht, die genaue Funktionsweise eines Algorithmus oder das Verhältnis zwischen automatisch und redaktionell erstellten Elementen bei Twitter herauszufinden. Klar ist allerdings, dass die Rubriken der Startseite mindestens ansatzweise redaktionell betreut wurden: Musste doch irgendwer festlegen, wer als „Journalist“ in Frage kommt oder welche Accounts sich für „Wetter & Verkehr“ eignen.

Screenshot vom 16. Februar 2018. (Screenshot: Twitter)

Aber diese redaktionelle Arbeit wurde denkbar schlecht erledigt. Es ist schon fragwürdig, was der vorwiegend über das Weltall tweetende Account des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt @DLR_next wirklich zum Ressort „Wetter und Verkehr“ beitragen sollte. Dass allerdings über unseren Beobachtungszeitraum die am häufigsten vorkommende Personalie in der politischen Rubrik „Mitglieder des Bundestages“ seit September 2017 dem deutschen Bundestag nicht mehr angehörte, stellt einen ziemlich groben Schnitzer dar. Erika Steinbach kandidierte bei der letzten Bundestagswahl nicht mehr und führt seit ihrem Ausscheiden aus dem Parlament in ihrem Profil keinerlei Vokabel, die eine falsche Zuordnung durch Mensch oder Maschine verursachen könnte. Nicht einmal als „ehemaliges Mitglied des Bundestages“ oder „ex-MdB“ bezeichnet sich die nunmehr als AfD-nah geltende CDU-Politikerin außer Dienst.

Dennoch erschien @SteinbachErika zwischen dem 1. Januar und dem 28. Februar an neun von 21 Tagen, an denen die Rubrik „Mitglieder des Bundestages“ beim Abruf der aktiven Homepage sichtbar war. Damit hätte sie 43 Prozent der Redezeit in einem virtuellen Homepage-Bundestag gehabt. Nur Christian Lindner hätte mit seinen drei Auftritten im Beobachtungszeitraum annähernd so oft am Pult gestanden. Politiker der Linken hätten sich mit insgesamt sieben Tweets in der Rubrik und somit 33 Prozent der Redezeit als Opposition gegen eine Bundeskanzlerin Steinbach Wortgefechten geliefert.

Screenshot vom 23. Februar. (Screenshot: Twitter)

Für Jon Worth stellt dies „die mittlerweile als typisch zu bezeichnende Faulheit von Twitter“ bloß. „Da wird ein unausgegorener Algorithmus mit veralteten, manuell erstellten Listen angerührt und ein Deckel draufgesetzt: Danach guckt keiner mehr rein und es fängt irgendwann mal an zu stinken.“ Martin Fuchs vermutet, dass es „einfach niemanden mehr im Unternehmen gibt, der sich mit dem deutschen Markt beschäftigt – erst recht nicht in so einer redaktionellen Rolle.“ Früher habe er Listen von Bundes- und Landestagmitgliedern gegen Bezahlung für das Twitter-Büro Berlin erstellt. Die Zeiten dieser Aufträge seien lange her. Und der Standort Berlin wurde im Zuge einer Neuorientierung hin zur Zentrale in Dublin unzeremoniell geschlossen.

Screenshot vom 22. Januar. (Screenshot: Twitter)

Allein die teils schlampig übersetzten Ressort-Bezeichnungen auf der aktiven Homepage lassen vermuten, dass sich Twitter schon vor geraumer Zeit aus einer näheren redaktionellen Beschäftigung mit Deutschland zurückzog. Wer im deutschen Markt eine Rubrik „Nationale Musik“ führt, hat sich offenkundig keine Gedanken über die Konnotationen von „national“ gemacht. Auf Englisch heißt national meist nur „von überregionalem Rang“; beim deutschen Kognat schwingen ja ganz andere Konnotation mit – nicht zuletzt im Bereich Musik. Dass sich die Band Kraftklub freiwillig als national bezeichnen würde, gilt jedenfalls als ausgeschlossen.

Insofern musste Twitter allein aus Qualitätsgründen auf die aktive Homepage verzichten. So konnte man sich auf gar keinen Fall sehen lassen – frei nach dem (tatsächlichen) Mitglied des Bundestags Christian Lindner: „Lieber nicht machen als schlecht machen.“ Ferner zeigt der Ende vergangener Woche vom Gründer Jack Dorsey veröffentlichte Thread zur Rolle von Twitter im öffentlichen Diskurs, dass sich beim Unternehmen Problembewusstsein ausbreitet. Wie letztens in Menlo Park ahnt man jetzt auch in San Francisco, dass es sich zwar mit ramponiertem Ruf herrlich ungeniert leben lässt, man aber damit dem Gesetzgeber eine Steilvorlage liefert und Nutzer sowie noch-nicht-Nutzer zu vergraulen droht. Vor diesem Hintergrund kann das Aus für die aktive Homepage als Richtungsanzeiger verstanden werden.

Ein schaler Beigeschmack bleibt trotzdem. Hier wurde über Monate ein blasenartiges Abbild der Gesellschaft mit teilweise eklatanten Unwahrheiten präsentiert. Damit stellte Twitter mal wieder die Frage danach, ob soziale Netzwerke neutrale Plattformen oder redaktionell arbeitende Medienanbieter sind – und zwar viel nachdringlicher, als es dem Unternehmen selbst lieb sein kann. Wie Jon Worth es formuliert: „Hier sind wir an der Schnittstelle zwischen Journalismus, Politik und Netzöffentlichkeit. Da reicht es nicht, auf Algorithmen zu verweisen. Der Mensch entscheidet, welchen Regeln sie folgen. Wer hier falsch agiert, richtet Schäden an.“

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