Analyse

Warum Amazon mehr von der Krise profitiert als jeder andere Onlinehändler

Die Corona-Krise bringt im Handel Gewinner und Verlierer hervor. Klar ist schon heute, dass Amazon profitiert.  (Foto: dpa)

Die Corona-Krise wird für nachhaltige Veränderungen in der deutschen Handelswelt sorgen. Profitieren dürfte der Onlinehandel – und einmal mehr Amazon, die die Spielregeln vorgeben können.

In den Non-Food-Abteilungen der Kaufhäuser und Einzelhandelsgeschäfte gehen wohl über die nächsten Wochen die Rolläden runter und als großer Profiteur ist wohl schon jetzt der Onlinehandel auszumachen. Der wird, wenn er eine logistisch zuverlässige Lösung findet, von dieser Sondersituation in einer beeindruckenden Weise profitieren.

Amazon, ohnehin Platzhirsch im Onlinehandel in vielerlei Hinsicht, hat hier die beste Ausgangslage von allen: ein umfassendes Angebot, einen Ruf als zuverlässiger Lieferant, was für viele jetzt das Prime-Abo attraktiv macht, eine oft extrem schnelle Logistik und die vollständige Lieferkette bis zum Kunden. Das Unternehmen nutzt seine ohnehin marktbeherrschende Stellung, um aktuell seine Position auszubauen. Der IFH-Handelsexperte Kai Hudetz sieht die Corona-Krise als Katalysator für Amazon, wenn es darum geht, weitere Macht im Onlinehandel zu gewinnen.

Priorisierung bestimmter Warengruppen

In der Tat fokussiert sich der Online-Riese jetzt auf Artikel des täglichen Lebens und hat bereits angekündigt, man wolle aus Platz- und Ressourcengründen bestimmte Produkte der Marketplace-Händler, die nicht direkt unter diese FMCG-Gruppen fallen, nicht länger annehmen. So könnte Amazon länger als andere Händler auch bei gefragten Artikeln seine Liefermöglichkeiten bewahren. Prinzipiell ist das eine gute Strategie, würde man damit nicht die Marktplatzhändler vor den Kopf stoßen – diese bemerken einmal mehr, dass derjenige, der die Plattform betreibt, mehr oder weniger uneingeschränkt die Regeln vorgibt.

Was bleibt für die anderen Händler? Die Chance, bei bestimmten Produktgruppen, die Amazon jetzt vernachlässigen muss, vorne zu sein. Welche das sein werden und ob das seitens Amazon in den nächsten Wochen weiter justiert wird, ist so unklar, dass man sich als Händler nicht darauf verlassen kann. Davon abgesehen dürften die Chancen hierdurch aber auch eher kleiner sein, weil Amazon natürlich nur solche Rubriken vernachlässigt, die derzeit ohnehin nicht so attraktiv erscheinen.

Dass Amazon in den nächsten Wochen und Monaten weltweit alle Hände voll zu tun haben wird, weiß offenbar auch das Unternehmen selbst und sucht alleine in den USA nach 100.000 neuen Mitarbeitern. Außerdem hat das Unternehmen angekündigt, man wolle in bestimmten Märkten die Löhne erhöhen. Die Rede ist von 2 Euro mehr pro Stunde innerhalb der EU, was insbesondere in einigen osteuropäischen Märkten einen beträchtlichen Anstieg bedeutet.

Einstellungen dürfte es auch hierzulande reichlich geben – offenbar zielt das Unternehmen auch hier auf Arbeitskräfte aus dem Handel und der Gastronomie, die mangels Arbeitsmöglichkeiten ihren angestammten Job verlieren könnten: „Wir möchten, dass diese Personen wissen, dass wir sie in unseren Teams willkommen heißen, bis sich die Dinge wieder normalisieren und ihr früherer Arbeitgeber in der Lage ist, sie zurückzubringen“, heißt es in einem Blogbeitrag. Ähnlich wie die zahlreichen Anzeigen in der Umgebung von Warenlagern des Versenders ist das ein Zeichen dafür, dass Amazon sich eben doch nicht so leichttut, fähige Mitarbeiter für die Versandstützpunkte zu rekrutieren.

Nicht nur Amazon profitiert – der Präsenzhandel leidet

Doch all das ist auch für andere Onlinehändler eine gute Gelegenheit, sich zu positionieren. Vorausgesetzt, sie können liefern. Denn noch mehr als sonst wird das angesichts eines strengen Fernabsatzrechts der Knackpunkt für das Geschäft im E-Commerce sein. Nachfrage seitens der Kunden gibt es weiterhin – sicher nicht für alle Warengruppen, aber doch für sehr viele. Und insbesondere in Bereichen, in denen der lokale Handel derzeit die Füße still halten muss und in denen man einen Kauf aufgrund von Bedarf nicht bis zum Sommer aufschiebt, können Onlinehändler ihre Karten ausspielen.

Luxusartikel und das, was der Handel unter „Inspirationsshopping“ versteht, werden dagegen erst einmal ausfallen. Insbesondere für den Bekleidungshandel wird das zum echten Problem, wenn beispielsweise die Sommerkollektion in vier, sechs, acht wichtigen Wochen in den geschlossenen Filialen verstaubt. Hier sind Verluste über das ohnehin schon normal hohe Maß vorprogrammiert. Das betrifft übrigens dem Vernehmen nach nicht nur die Händler in den Innenstädten, sondern offenbar auch Versender wie Zalando, die ja gerade angekündigt hatten, mehr in die Luxusmode zu gehen.

Lebensmittelhandel: Preis wird weniger relevant

Dem Lebensmittelhandel via Internet, dem man schon seit einigen Jahren immer mal wieder einen Boom vorausgesagt hat, könnte all das im Übrigen guttun. Denn das Hindernis, dass Waren für den extrem preissensitiven deutschen Kunden teurer sind als im Laden um die Ecke, könnte angesichts der Corona-Gefahr in den Hintergrund rücken. Doch auch hier könnte vor allem Amazon zu den Gewinnern gehören, weil das Thema Logistik hier noch deutlich komplizierter ist als bei weniger verderblichen und leichter zuzustellenden Warengruppen.

Unterm Strich ist der infolge der Coronavirus-Krise staatlich verordnete Boom im Onlinehandel eine Art Abwrackprämie für den Einzelhandel in den Städten. Insbesondere einzelne Fachgeschäfte werden sich die hohen Mieten nicht mehr leisten können. Denn diese können schon unter normalen Voraussetzungen oft nur Ketten zahlen. Es könnte also sein, dass die aktuelle Situation einen Trend beschleunigt, den wir hierzulande schon seit Jahren beobachten können.

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2 Kommentare
Bernado
Bernado

Glanzleistung von den Menschen zu Hause. Darüber nachgedacht und mal nachgeschaut, dass das Coronavirus bereits auf Paketen und den Inhalten (zu Teils 6 Tage alte Pakete) festgestellt wurde, wäre in diesem Falle von Vorteil gewesen. Nun bestellen sich die Leute Covi-19 eben nach Hause.

Antworten
Chris
Chris

Es geht aber auch anders herum.

Wir bieten z.B. auf Amazon Artikel an, welche rein gar nichts mit dieser Krise zu tun haben. Unsere Angebote auf Amazon sind teilweise sehr viel günstiger als beispielsweise die Angebote direkt von Amazon.

Um das mal konkret zu machen. Wir bieten zum Beispiel einen Artikel für 39,95€ mit kostenlosem Versand an. Amazon bietet diesen Artikel für 59,95€ an und entfernt unser wesentlich günstigeres Angebot.

Es gibt allerdings sehr viel mehr Artikel, die genau eine solche Problematik aufweisen und Amazon teurere Preise listet als wir.

Da „Amazon-Verkäufer“ mittlerweile nicht einmal mehr Amazon telefonisch erreichen können, landen alle Nachrichten bezüglich dieser Problematik in einem Support-Büro, welches das Problem weder erkennen möchte, geschweige denn in der Lage ist das Problem zu lösen.

Wir haben alles mit Screenshots und auch offline-HTML Dateien dokumentiert ( sollte man uns nicht glauben )

Ich möchte noch einmal wiederholen, dass wir keinerlei systemrelevante Artikel, wie beispielsweise Atemschutzmasken oder ähnliches anbieten.

Was könnte es nun damit auf sich haben?

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