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AMP ist tot

Zumindest stirbt es. Endlich! Langsam zwar, aber der Irrweg des Web Development findet endlich ein Ende. Das AMP-Projekt verliert Mitarbeiter, Befürworter und steht möglicherweise bald auch vor Gericht. Doch der Reihe nach.

3 Min. Lesezeit

(Foto: Piotr Swat / shutterstock)

Google hat das Format seit 2015 gepusht. „Ihr könnt damit schneller schnelle Mobile-Seiten bauen“, sagte Google. Weil das als Begründung nicht ausreichte, gab es exklusive Benefits in der Google-Suche für AMP-Seiten: Ranking-Vorteile in News (insbesondere im News-Carousel) und kleine Icons in den SERPs für jede AMP-Seite. Außerdem noch Ranking-Vorteile und Prozessvereinfachungen in Google Discover (das Traffic-Biest für Android-Phones, auf dem iPhone ist es kompliziert).

Kurz: Google musste das System mit externen Belohnungen nach vorn prügeln, weil AMP nicht aus sich selbst heraus besser ist. Es ist nicht grundsätzlich schneller als eine Seite ohne AMP, es spart keinen Entwicklungsaufwand (im Gegenteil). Eine händisch optimierte HTML-Seite kann auch auf dem Smartphone schneller als AMP sein. Aber dafür braucht es dedizierte Entwicklerzeit.

Warum pusht Google AMP?

Stellt sich die Frage nach dem Warum: „Warum hat Google so viel Energie investiert, das Netz ein System adaptieren zu lassen, welches eigentlich nicht gebraucht wird?“
Google hätte auch stärkere Anreize für schnellere Seiten bieten können (so wie Google es jetzt auch mit den Core Web Vitals macht). Vielleicht war dafür vor sechs Jahren noch nicht die Zeit gekommen. Vielleicht war die Einschätzung, dass das Bottleneck in Caching und Hosting von Website-Betreibern nicht lösbar ist.

Wahrscheinlicher ist aber, dass Geld eine Rolle gespielt hat. Google verdient sein Geld mit Werbung. Publisher sind die großen Litfaßsäulen des Internets (neben der Google Suchergebnisseite). Und wer das HTML der Publisher kontrolliert, der kontrolliert die Werbeformate. Wer die Werbeformate kontrolliert, der kontrolliert die Werbenetzwerke.

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AMP ist eine gefährliche Droge für Publisher

Für Publisher ist AMP ein zweischneidiges Schwert. Bisher wurde AMP benötigt, um bei News-Themen wirklich Traffic generieren zu können, denn Suchen nach nachrichtlichen Inhalten werden vor allem auf dem Smartphone durchgeführt.

Gleichzeitig hatte AMP Mehrkosten und geringere Einnahmen zur Folge. Der Wechsel des Nutzers von der AMP-Version auf die HTML-Variante war nervig zu tracken. Aufgrund des Nutzungsszenarios sind die Absprungraten ohnehin schon übel. Und aufgrund der Limitierungen des AMP-HTMLs ist es doppelt aufwendig, interessante Navigationsmöglichkeiten für Nutzerinnen und Nutzer zu schaffen.

Die AMP-Features von Google sollen den Content in den Mittelpunkt stellen. In der Realität wird Branding anspruchsvoller und Nutzer können leichter von einem Publisher zu einem anderen wechseln. Auch das verhindert eine Bindung zwischen Leserinnen und Lesern und dem Publisher. Diese Bindung ist wichtig, um langfristige Unabhängigkeit des Publishers von Google zu ermöglichen.

Warum AMP sterben muss

Der Tod von AMP ist überfällig. Das System war schon von Beginn an ein konzeptioneller Irrweg:

  • Fast immer ist AMP zusätzlich zur mobilen Seite gebaut worden. Nicht alles war mit AMP machbar, vieles gar nicht umsetzbar und AMP-Seiten verdienen weniger Geld als Non-AMP-Seiten.
  • Das führt dazu, dass die mobile Seite weniger Ressourcen zur Verfügung hat. Wer AMP baut, hat meist für Mobile-User, die nicht über Google kommen, eine schlechtere Experience, weil Ressourcen fehlen.
  • Für bessere Rankings bin ich als SEO bereit, auch kleinere Verrenkungen in Kauf zu nehmen. Aber komplett eigenes HTML mit schlechterer Experience für den User geht auch mir zu weit.

Warum AMP endlich stirbt

Google hat die Schraube überdreht. Wettbewerbshüter nehmen AMP ins Visier. Bedenken der Mitarbeiter nehmen zu.

Google hat das erkannt. Mit der Einführung des Page Experience Updates im Mai 2021 wird Google das News-Carousel endlich auch Non-AMP-Pages zugänglich machen.

Gleichzeitig experimentiert Google mit einem AMP-ähnlichen Icon für schnelle mobile Seiten, die nicht AMP sind. Eventuell bleiben nach Mai die Ranking-Vorteile in Google Discover. Wahrscheinlich werden aber auch die verschwinden, dazu gibt es allerdings noch kein Statement.

AMP hat dann noch in einem einzigen Segment Vorteile: dort, wo Seitenbetreiber keine eigene technische Expertise haben, um mobile Seiten schnell zu bekommen. Vor allem also kleinere Publisher und Affiliates auf WordPress-Basis.

Ich werde im Mai ein Glas Sprudelwasser darauf trinken, dass SEOs nicht mehr den Irrweg gehen müssen, sondern endlich wieder die Experience für alle Nutzer in den Mittelpunkt stellen können.

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9 Kommentare
Zero
Zero

Au ja, bitte! Nieder mit AMP. Ich hab die UX immer gehasst und manuell die „echte“ Seite geöffnet.

AMP macht Probleme mit dem Reader-Modus des Browsers und zudem nervt es, das beim versehentlichen Seitwärts-Swipe plötzlich der aktuelle Artikel weg ist oder häufig die „Seite-Zurück-Geste“ des Browsers nicht sauber funktioniert.
So nutze ich lieber meinen Desktop, um in Google News zu stöbern.

Dass diese Krücke für anständige Sichtbarkeit vorausgesetzt wird, ist aber das größte Übel.

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NanoPolymer
NanoPolymer

Ich mag AMP auch nicht, aber das liegt erst mal am Aufwand und wie Google damit umgeht. Nachweinen tue ich den also nicht.

Im Ansatz hatte es definitiv einen guten Punkte, den es zwang einen dazu im Grunde nicht mehr als den Inhalt anbieten zu können. Kein nerviges Müll UI vom Anbieter welches ewig lädt und sich schlecht darstellt.

Die Aussage im Artikel hätte ich gerne mal mit Links belegt das eine nicht AMP Seite schneller ist. Kam mir bisher nicht unter. AMP war und ist Sau schnell.

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Johan Hülsen
Johan Hülsen

Wenn Du Deine Seite um Features reduzierst und die Performance optimierst, kein externes JS einbaust, restliches asynchron lädst, CDN optimierst, etc. dann erreichst Du mit HTML die gleiche Performance, wie mit AMP.

Hier ein Beispiel, wie AMP eine optimierte Seite langsamer gemacht hat: https://unlikekinds.com/article/google-amp-page-speed

Der große Showcase BMW schafft gerade so die Core Web Vitals-Schwellenwerte. Im Labobericht deutlich zu langsam: https://www.thinkwithgoogle.com/intl/de-de/marketing-strategien/apps-und-mobile/der-weg-von-bmw-zu-einer-schnellen-und-zuverlaessigen-mobilen-website/, https://developers.google.com/speed/pagespeed/insights/?url=https%3A%2F%2Fwww.bmw.com%2Fde%2Findex.html

Die Seite von Audi mit klassischem HTML (ja, andere Seite, kein sauberer Vergleich) ist schneller: https://developers.google.com/speed/pagespeed/insights/?url=https%3A%2F%2Fwww.audi.com%2Fde.html

Bringt mich auf eine Metapher, die meine ich Malte Ubl auf Twitter gepostet hatte (finde ich gerade nicht, mag mich irren): Optimiertes HTML ist schneller als AMP, aber AMP macht den Großteil des Internets deutlich schneller. Aber nur für Nutzer, die auf der AMP-Seite landen. Landen Nutzer auf der mobilen Seite, dann schnarcht ihnen das Internet entgegen. Und den Devs fehlt die Zeit die mobile Seite schnell zu machen, weil sie parallel AMP pflegen müssen.

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NanoPolymer
NanoPolymer

Hätte hätte Fahrradkette. Die Realität sieht aber halt so aus das viele irgendein überladenes Template und tausend Popups und Popovers einbauen und das ganze dann gepaart mit einem CCK. Da bin ich froh wenn die irgendein AMP Plugin installiert und ich eine schnelle Seite bekommen.

Deine Beispiele bewegen sich genau auf der anderen Seite von Dummheit. Die haben zwar das technische Wissen, sind aber zu blöd das auch richtig anzuwenden. Meist natürlich von außen beeinflusst (Kunde). Die anderen haben kein wissen „Punkt“. Die genau dazwischen sind leider eine Ausnahme.

Ich selber baue kleine Seiten auch gerne händisch rein in HTML. Ich komprimiere auch jedes Bild einzeln und entscheide welcher Dateityp am besten geeignet ist. Da funktioniert aber immer nur zu einem gewiesen Punkt.

DE
DE

Als Nutzer sind die AMP Versionen so viel besser als die JS-überladenen Versionen…
Nicht ein Pop-up nach dem anderen, sondern schön reduzierter content.
Aber ja, fürs Geld ist eine angenehme Nutzererfahrung natürlich Gift…

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Johan Hülsen
Johan Hülsen

Das ist aber eher politisches, als ein technisches Thema.
AMP verpflichtet den Seitenbetreiber auf viele Elemente zu verzichten.
Würde der Publisher die gleiche Energie, Maßnahmen und Optimierung in die Mobile Seite stecken, dann könnte die ebenso schlank zu bedienen sein. Aber: Forciert durch falsche Incentives setzt er auf AMP und macht die Seite für Google Nutzer schneller. Der Mobile-User — der über einen anderen Kanal einsteigt oder gar auf der Startseite — bekommt Schneckeninternet. Das gewöhnt den Nutzern die Nutzung der mobilen Seite ab. Treibt sie noch mehr zu Google. Die Abhängigkeit von Google steigt. AMP kriegt noch mehr Focus. Für die eigentliche mobile Variante bleiben noch weniger Ressourcen.

Am Ende: Die gleiche Nutzererfahrung ist auch mit normalem HTML erreichbar. Der Druck da zu optimieren wäre ohne AMP sogar größer. Aber: Google zwingt Publisher in AMP.

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q2314e
q2314e

Ich finde an AMP die Übersichtlichkeit wirklich gut, alles andere ist wirklich ein Albtraum, was User Experience angeht.

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Andreas Wollin
Andreas Wollin

Wieso ein Glas Sprudelwasser? Ist das ein Insider?

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Johan Hülsen
Johan Hülsen

Vielleicht trinke ich danach noch eine Apfelschorle, wenn ich ganz wild bin. ;)

Eigentlich kein Insider, aber man muss ja nicht immer was Alkoholisches nehmen. Vor allem, wenn man nicht weiß zu welcher Uhrzeit man dazu kommt.

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