Arbeiten an Weihnachten: Warum auch Kinderlose frei haben sollten – nicht nur Eltern

„Jetzt ist Schluss“, sagt meine Freundin. Mehrere Jahre lang hat sie ihrem Vorgesetzten sämtliche Feiertage überlassen. Nicht zähneknirschend, sondern gern, denn er hat Kinder und sie nicht. In diesem Jahr möchte sie in der Weihnachtswoche Urlaub nehmen und der Streit spitzt sich zu wie ein Kalter Krieg ums Eisbein. „Wir reden noch einmal darüber“, sagt er – immer wieder, seit Wochen. Moralisch natürlich die volle Breitseite: Aber sie hat doch gar nicht, dann muss sie doch!
Nee, muss sie nicht. Natürlich gibt es in unserer Gesellschaft die unausgesprochene Norm, dass Menschen mit Kindern in den Ferien und an Feiertagen freibekommen sollten. Das ist gut so, wichtig und freundlich. Und dennoch ist es kein Gesetz. Sollten wir also alle Rücksicht darauf nehmen? Ja, klar. Aber ein Anspruch ohne Ausnahme resultiert daraus nicht. Es wäre auch bedenklich, wenn es so wäre.
Wer ist immer verfügbar?
Was hier übersehen wird: Kinderlose, die auch mal einen Feiertag freihaben wollen, kämpfen für Mütter, nicht gegen sie. Denn Mütter werden – noch immer – auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, weil man davon ausgeht, dass sie immer mal fehlen, die Kinder krank werden, sie Mental Load bewältigen müssen, nach Feierabend schlechter erreichbar sind und familiär begründete Urlaubswünsche haben.
Gehen wir also davon aus, dass Eltern ausnahmslos günstige Regelungen bekommen, dann wird sich nichts an der Benachteiligung ändern. Und diese Benachteiligung trifft Frauen, das wurde immer wieder statistisch beobachtet.
Die vermeintliche Allverfügbarkeit der Kinderlosen ist natürlich wertvoll, um in einem Team Bedürfnisse auszugleichen. Sie darf aber nicht dazu führen, dass Menschen benachteiligt werden – Mütter bei Einstellungen und Beförderungen, Kinderlose bei der Urlaubsplanung. Und keinesfalls können wir anfangen, Begründungen gegeneinander abzuwägen. Eine solche Entscheidung ist immer subjektiv, das macht sie potenziell unfair.
Fairness unter dem Adventskranz
Dies ist kein Plädoyer dafür, nicht mehr umsichtig mit den Bedürfnissen der Kolleginnen und Kollegen umzugehen. Und ja, Familien benötigen ein wenig mehr Flexibilität – Menschen mit chronischen Krankheiten oder sehr alten Verwandten übrigens auch. Abwägen müssen wir aber: Wer kann etwas voraussetzen? Bekommt der Vater, der seit Jahren zu allen Feiertagen Urlaub nimmt, deshalb automatisch auch das Jahr frei? Spoiler: automatisch ohnehin nicht. Das Argument der eigenen Unersetzbarkeit (mal im Büro, mal zu Hause, je nachdem, wie es sich gerade bequem anfühlt) funktioniert nur, solange kein anderer mit dem gleichen Grund dagegen hält.
Menschen ohne Kinder sind nicht die Lösung für alle organisatorischen Probleme. Organisatorische Probleme lassen sich ohnehin, dies nur nebenbei, am besten ganz anders lösen: durch Organisation (it’s funny cause it’s true).
- Muss das Team an jedem Tag der umstrittenen Zeit erreichbar sein oder reicht ein verkürztes Zeitfenster, das vorher angekündigt wird?
- Müssen Schichten die üblichen Längen und Zeiten haben oder lassen sie sich verträglicher gestalten?
- Muss die Aufgabe zwingend von einer bestimmten Personengruppe erledigt werden? Oder gibt es in anderen Teams vielleicht Menschen, die an einem umstrittenen Tag gern einspringen?
- Ist die zwingende Aufgabe wirklich zwingend? An diesem Tag? Was, wenn sie es nicht wäre?
Viele Branchen lassen Änderungen zu, sobald man sich von der heiligen Kuh der eigenen Bedeutsamkeit löst. In anderen ist das nicht möglich. Wenn euer Job keine verträgliche Reorganisation zulässt:
- Und wenn du die vergangenen Jahre als organisatorische Einheit betrachtest: Was ist gerecht?
Fairness bedeutet, dass die Bedürfnisse von Familien angemessen berücksichtigt werden. Fairness bedeutet aber auch, dass ebenso kinderlose Beschäftigte noch die Wahl haben. Schaffen wir diese Freiheit ab, dann entmündigen wir Menschen. Und das bekommen am Ende die Mütter ab, denn sie bieten nicht die organisatorische Knautschzone, die der Chef mit 2,7 Kindern haben will. Und dann stehen wir wieder da, wo unsere Mütter vor Jahrzehnten angefangen haben.