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Braucht Europa eigene Plattformen?

(Grafik: t3n)

Eine europäische Kommunikations- und Contentplattform könnte den Austausch zwischen den Bürgern fördern. Warum mehr Kommunikation in Europa wichtig ist und was die Herausforderungen sind.

Es klingt absurd, nicht realisierbar, abwegig und naiv. Eine europäische Kommunikationsplattform bauen – ernsthaft? Nicht nur, dass die Distribution von Inhalten im Netz gelöst ist. Allein die Netzwerkeffekte globaler Plattformen wie Facebook, Whatsapp oder Instagram zu erreichen, gilt heute als so gut wie unmöglich. Es gibt deshalb eine Liste voller Gründe, warum ein solches Vorhaben nur scheitern kann. Und die wichtigste Frage: Warum gerade jetzt?

In Zeiten aber, in denen mit Facebook die größte soziale Plattform der Welt wankt und ihre ohnehin eher schlecht ausgefüllte öffentlichkeitsbildende Funktion verliert, stellt sich zunehmend die Frage, wo im Netz eigentlich noch ein funktionierender Begegnungsraum vorhanden ist, in der sich die Gesellschaft zum Gespräch einfindet. Dass ein solcher Raum privatwirtschaftlich organisiert mehr oder weniger gescheitert ist, zeigt nicht zuletzt die Facebook-Krise und der angekündigte Pivot des Konzerns, die Kommunikation in Zukunft verstärkt ins Private – also in geschlossene Gruppen – zu verlagern. Aber heißt das jetzt, dass das soziale Experiment im Netz im Sinne einer digitalen Öffentlichkeit gescheitert ist?

Bürokratiemonster statt Identifikationsfigur

Gleichzeitig hat Europa noch immer das Problem, dass sich seine Bürger nicht als Gemeinschaft verstehen. Europa ist abstrakt und wird von seinen Bewohnern meist als bürokratisches, weit entferntes Gebilde erlebt – eine komplexe Institution, die in Brüssel und Straßburg Entscheidungen trifft. Es gibt kaum ein kollektives Gefühl der Zusammengehörigkeit. Gemeinschaftsgefühl entsteht aber nur durch gemeinsame Kommunikation – wenn die fehlt, mißlingt auch die Identifikation mit einer Idee.

Das zeigt sich beispielhaft daran, dass die Idee der vereinigten Staaten von Europa laut einer Yougov-Umfrage von Ende 2017 nur von jedem dritten Deutschen (30 Prozent) unterstützt wird. Bei den Franzosen sind es 28 Prozent. Im Vergleich dazu sind die Befragten der anderen Länder sogar noch weniger offen. In den skandinavischen Ländern nur jeder Achte (12 bis 13 Prozent) und in Großbritannien sogar nur jeder Zehnte. In einer Studie vom Pew Research Center von diesem Jahr bejahten 49 Prozent der Deutschen die Aussage, dass die EU die Bedürfnisse ihrer Bürger nicht verstehe. In Frankreich waren es sogar 65 Prozent.

Hinzu kommt, dass außereuropäische Identitätsangebote aus anderen Kontinenten diese Lücke zunehmend füllen. Der durchschlagende Erfolg etwa von Streaming-Angeboten wie Netflix oder Amazon Prime auch in Europa jedenfalls zeugt von einer zunehmenden US-amerikanischen Dominanz der Kulturproduktion. Laut einer kürzlich durchgeführten Yougov-Studie gaben 33 Prozent der 18- bis 34-Jährigen an, mindestens einmal pro Woche Netflix zu nutzen. 2015 waren es nur knapp drei Prozent. Wie soll sich ein europäisches Gemeinschaftsgefühl ausbilden, wenn sich die jungen Generationen immer stärker auf Erzählungen aus den USA beziehen?

Kaum Gemeinschaftsgefühl, keine gemeinsamen Kommunikationsräume, kaum gemeinsame kulturelle Angebote – wie soll ein starkes Europa entstehen, wenn schlicht die Basis dafür fehlt?

Mit neuen Technologien zu mehr Europa

Ein großes Problem für die Schaffung einer europäischen Öffentlichkeit ist die fehlende gemeinsame Sprachbasis. Europa ist ein sprachlicher Flickenteppich, es gibt 24 offizielle Amtssprachen, hinzu kommen noch deutlich mehr gesprochene Sprachen, von Dialekten gar nicht erst zu reden. Und obwohl es mit dem Internet ein supranationales Medium gäbe, auf europäischer Ebene viel stärker miteinander ins Gespräch zu kommen – etwa nationale Debatten in Zeitungen und Zeitschriften in ganz Europa sichtbar zu machen –, scheitert es schlicht an der Sprachbarriere. Es klingt profan, aber es kann keine europäische Öffentlichkeit entstehen, wenn es keine gemeinsame Sprache gibt.

(Grafik: t3n)

Vielleicht kann Technologie bei der Übersetzung helfen. Denn eine einzige offizielle Amtssprache einzuführen, dürfte vermutlich nicht wirklich helfen – zu unterschiedlich sind die europäischen Kultur- und Sprachräume. Wenn es aber möglich wäre, Inhalte in Echtzeit zu übersetzen, wäre das Problem der Sprachbarriere beseitigt. Künstliche Intelligenz und vor allem neuere Ansätze wie Deep Learning haben die Sprachübersetzung in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht, in Deutschland gibt es mit DeepL sogar einen Pionier in der Materie, der dem Branchenführer Google das Wasser reichen kann.

Wolfgang Blau, Auslandschef von Condé Nast, hat sich auf einer EU-Konferenz im vergangenen Jahr in Wien für eine solche Sprach-Schnittstelle ausgesprochen, die mithilfe von Machine Learning Echtzeit-Übersetzungen liefert: „Egal, ob in Kroatien oder Österreich: Gäbe es die Möglichkeit, (…) zum Beispiel auch journalistische Inhalte sofort in alle Sprachen Europas automatisch zu übersetzen, würde das ganz neue Möglichkeiten eröffnen und auch der Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit helfen.“

Wer die gleiche Sprache spricht, kann relativ unkompliziert miteinander ins Gespräch kommen – fehlt eigentlich nur noch der Begegnungsraum: eine eigene europäische Kommunikationsplattform. Es ist die vielleicht heikelste Frage, denn niemand traut sich ernsthaft an ein europäisches Facebook heran.

Eine europäische Plattform – jetzt echt?

Vielleicht muss eine europäische Kommuikationsplattform aber von einer anderen Perspektive aus gedacht werden und an ein Konstrukt ansetzen, das es längst gibt: die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Der ARD-Vorsitzende und Intendant des Bayrischen Rundfunks Ullrich Wilhelm wirbt für ein europäisches Youtube – „mit Elementen von Facebook für den direkten Austausch mit den Nutzern sowie einer guten Suchfunktion – also ein Angebot, das von Youtube, Facebook und Google gelernt hat, aber auf europäischen Idealen von Vielfalt, Qualität und Offenheit aufbaut“, erklärt Wilhelm in einem Handelsblatt-Interview aus dem vergangenen Jahr. Wenn Algorithmen US-amerikanischer Unternehmen darüber entscheiden, welche Inhalte relevant sind, dann kratze das an der Souveränität der europäischen Staaten. „Europa ist in Gefahr, die digitale Hoheit über seine prägenden Werte zu verlieren“, so Wilhelm.

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Ein Kommentar
icu
icu

Braucht Europa eine Plattform? Nö.
Was Europa braucht sind einheitliche Schnittstellen für verschiedene Arten von „Plattformen“.
Bei Telefon, E-Mail und MMS/SMS geht es ja, dass ich unabhängig vom Provider meine Kommunikationsgegenstelle erreiche oder Inhalte teile.
Ja, und warum sollte man die Inhalte von verschiedenen Plattformen, z. B. Video oder Musik, nicht gegenseitig vernetzen? Wie im Artikel schon geschrieben, der Konsument sucht nach einem bestimmten Film oder eine bestimmten Band, da sollte es doch egal sein, auf welcher Plattform der Film gerade verfügbar ist oder welche Dienst das aktuelle Album im Angebot hat.

Antworten

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