Glosse

Cohns fabelhafte digitale Welt oder: Digitalisierte Kühe auf Abwegen

(Bild: t3n)

Lesezeit: 4 Min.
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Unsere Zukunft ist digital …! Unsere Zukunft ist rosig …!?? Oder: „Wozu Kuhglocken, wenn man einen GPS-Tracker haben kann“

Kennen Sie die Schweiz? Waren Sie schon mal dort? Ich liebe dieses kleine, freiheitsbewusste, unabhängige Ländchen mit weniger Einwohnern als London. Immerhin haben sie jetzt schon seit 700 Jahren Übung in gelebter Demokratie … Das muss man erst einmal hinbekommen, in Deutschland scheinen 30 Jahre Wiedervereinigung schon ein schier unüberwindliches Problem zu sein.

Nicht, dass die Schweizer nicht auch Probleme hätten. So wie den Konflikt über den sogenannten Röstigraben hinweg zwischen den Deutschschweizern und den Welschen (französischsprechenden Schweizern), den Baslern und den Zürchern oder eben den Ober- und den Unterländern. Wer die Oberländer sind? Man könnte sagen, alles was in einer Höhe über 600 Metern über dem Meeresspiegel lebt, ist ein Oberländer.

Und die mögen die Unterländer, die Städter, die Zürcher, die Deutschen in etwa so heftig wie Zahnschmerzen. Und natürlich gibt es darüber auch Witze: Wandert ein Bergsteiger durchs Gebirge, als er auf einer Alm einen Älpler sieht, der mit einem Kübel weißer Farbe und einem Quast bewaffnet auf jedes seiner Rindviecher groß das Wort „Kuh“ mahlt. Fragt der Tourist: „Was machen Sie denn da?“ – „I-Ju, wüsset’r, am Wuchenändi faht d’Jaagdsaisong a, u de chömmit d’Ungerländer cho jage!“ Auf Deutsch: „Am Wochenende beginnt die Jagdsaison und dann kommen die Unterländer zur Jagd.“

Okay, das war jetzt auf den ersten Blick nicht der schenkelklatschende Brüller, aber er umreißt entzückend präzise das Spannungsfeld zwischen Ober- und Unterland, zwischen Berglern und Städtern, die von ersteren meist als überheblich, vorlaut, großkotzig und unsympathisch empfunden und die vor allem dann geschätzt werden, wenn sie bar ihrer Barschaft wieder abreisen.

Und was hat das nun mit unserer digitalen Zukunft zu tun?

In den Bergen häuften sich in der letzten Zeit Unfälle mit „aggressiven“ Kühen und so erfreute vor einigen Tagen eine neue, typische Unterländeridee die Öffentlichkeit. Meistens hatten irgendwelche unterausgerüsteten, unbedarften und turnbeschuhten (in den Alpen (sic!)) Städter die Berge mit dem Zürcher Stadtpark verwechselt und sich mit unangeleinten Hunden friedlich grasenden Mutterkühen genähert und waren dann zutiefst erstaunt gewesen, dass diese sonst so friedlichen „Ungetüme“ doch etwas nervös wurden und ihren Nachwuchs verteidigt hatten. So weit, so natürlich.

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Und nun wurde die großartige, neueste Städteridee präsentiert: Alle Kühe sollten in Zukunft statt Glocken einen GPS-Sender tragen, mit dessen Hilfe die Schweiz-App den Touristen vor gefährlichen Muttertieren warnen kann …

Was für ein geistiger Schlafwandervorschlag!! Ich sehe den Bergsteiger nur noch mit dem Handy in der Hand durch die schöne Alpenwelt stolpern und sich vor Mutterkühen fürchten, anstatt auf den Weg zu achten, um nicht auszurutschen und Hunderte Meter in die Tiefe zu stürzen.

Flachlandtirolerischer kann dieser Vorschlag eigentlich nicht sein. Statt sich den Gegebenheiten in den Bergen anzupassen, müssen sich die Berge dem Städter anpassen? Hybris lässt grüßen.


Kann man diese Idee bitte mal vom Kopf auf die Füße stellen? Warum integriert man in dieser Swiss-App nicht eine Funktion mit Standorttracking, die bei Überschreiten eines bestimmten Perimeters aufpoppt und dem Touristen einen Endbenutzer-Lizenzvertrag vorlegt für das einmalige Betreten des Alpenraumes mit entsprechenden Bedingungen wie:

„Sie betreten jetzt den Alpenraum,

§ 1 das Mitführen von Hunden ist generell verboten. Außer mit Blinden-, Hüte- und anderen systemrelevanten Hunden.

§ 1a Nach einer nachgewiesenen Ungefährlichkeits- und Folgsamskeitsprüfung durch einen örtlichen Kynologenverband können Ausnahmebewilligungen beim Kanton beantragt werden.

§ 2 Kuhherden sind weitläufig zu umwandern. Das Füttern der Tiere ist zu unterlassen, das können die ganz gut selber.

§ 3 Geeignetes Schuhwerk ist mitzuführen, das Tragen von Turnschuhen und ähnlich ungeeigneten Schlapfen wird vor allem dann empfohlen, wenn Sie die Bergrettung und die Rettungsflugwacht wirtschaftlich unterstützen möchten, denn die Kosten, um Sie aus den Felsen zu kratzen, dürfen von Ihnen vollumfänglich übernommen werden.

§ 4 Das Verlassen markierter Wege erfolgt auf eigene Gefahr und eigenes Risiko, besonders wenn Sie das unter $ 3 genannte untaugliche Schuhwerk tragen.

§ 5 Den Anweisungen der Hüttenwarte ist unbedingt Folge zu leisten.

Und so weiter …

§ x Bei Nichtanerkennung dieser Bedingungen erlöschen Ihre Versicherungen automatisch und Sie betreten nun den Alpenraum auf eigenes Risiko und haften für sämtliche entstandenen Schäden …“

Damit wären doch alle Probleme effizient aus der Welt geschafft, der Alpenraum wäre wieder denen überlassen, die ihn artgerecht zu nutzen verstehen, und jene, welche für den ganzen Unfug verantwortlich zeichnen, wären erfolgreich in die Pflicht genommen.

Fragt sich nur: Werden die urbanen Möchtegernalpinisten das überhaupt verstehen können?

Ach ja, wenn Sie jetzt sagen, die Alpen gibt es aber nicht nur in der Schweiz, dann haben Sie vollkommen recht. Selbst Tobias Moretti, der berühmte österreichische Schauspieler mit seinem Bauernhof auf 1.000 Metern über dem Meeresspiegel kämpft in Tirol mit den gleichen, von Flachländern verursachten Problemen, nur habe ich bisher noch nichts von einer vergleichbaren Ösi-Äpp gehört.

Apropos, wo bleiben eigentlich die Tierschützer, die sich sonst so medienwirksam vehement für das Wohl der Kühe und gegen den Sound der Alpen, gegen Kuhglocken alteriert haben? Wurden denn schon einmal die Auswirkungen der GPS-Sender auf das Wohlbefinden und den sensiblen Stoffwechsel der Kühe untersucht? Und muss jetzt wegen der Kuhüberwachung, statt die Kühe mit Kuhglocken zu schmücken, die Bergwelt mit Handyumsetzermasten verschönt werden?

Und sorry, liebe Leute, wenn ich euch da gerade die schöne, wirtschaftlich interessante Idee des Kuhfunks madig gemacht habe.

Und ja, ich finde die Möglichkeiten unserer digitalen Zukunft äußerst spannend.

Was unsere fabelhafte digitale Welt sonst noch an Überraschungen für William Cohn bereithält, lest ihr hier.

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