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Cohns fabelhafte digitale Welt oder: „Leg dich nicht mit Google an!“

Wenn Descartes heute lebte, würde er statt seinem berühmten „Ich denke, daher bin ich“ vermutlich „ich google mich, daher bin ich“ schreiben. Was aber tun, wenn Google gar keine Daten gespeichert haben will? Existiert man dann vielleicht gar nicht?

Von William Cohn
4 Min. Lesezeit
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(Bild: t3n)

Nun ist es endlich offiziell: Google gibt geheime Daten seiner Nutzer in einem ganz anderen Maße als erlaubt an die Strafverfolgungsbehörden weiter. So berichtete am 8. Oktober 2020 Cnet.com.

Das liest sich so lapidar, ist aber ein Erdbeben der Stärke 200 auf der nach oben offenen Wahnwitzskala. Vor allem, weil das alle Chancen hat, zur Gewohnheit zu werden.

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Was war geschehen? Im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten kam die Polizei auf die entzückende Idee, dass jemand, der die Adresse eines Mordopfers gegoogelt hat, zwangsläufig auch der Mörder sein muss. Dieser Logik – ich google, also töte ich, und lade nicht etwa nur zum Kaffee ein oder schlage dem Gegoogelten ein Geschäft vor oder will ihn einfach nur endlich einmal wiedersehen – kann man wirklich kaum widerstehen.

Was für grandiose amerikomische Ideen! Morgens um 4 Uhr früh steht bei Ihnen die Polizei im Schlafzimmer und nimmt Sie im Pyjama unter dem Vorwurf, irgendeinen Hans oder Franz, der durch irgendwelche unglücklichen Umstände Gegenstand polizeilicher Bespaßung geworden ist, gegoogelt zu haben, mit.

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Gut, wie wir in über 400 Folgen der erfolgreichsten TV-Serie der Welt – NCIS – regelmäßig sehen dürfen, kümmern sich Special Agent Gibbs und sein Team, also alles Vertreter einer Bundesbehörde und dadurch ziemlich mächtig, in Trumps own Country herzlich wenig um geltendes Recht und Gesetz. Da werden in großem Stil Banken, Behörden, Telefon- und Internetprovider, Firmen und Bürger bis tief in ihr geheimstes Privatleben gehackt und Informationen, so hilfreich sie zur Aufklärung eines Kapitalverbrechens auch sein mögen, veritabel geklaut.

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Wir werden spielerisch und unterhaltend darauf konditioniert, dass der Staat unsere Daten klaut

Wie ich finde, psychologisch betrachtet ein heißer Lauf, auf die Art und Weise werden wir spielerisch und unterhaltend darauf konditioniert, dass amtlicher Einbruch und Diebstahl unserer persönlichsten Daten im Lichte des „höheren Gutes“ einer Mordaufklärung nur ein vernachlässigbares Kavaliersdelikt ist, das keiner weiteren Erwähnung bedarf. Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass man für so einen Eingriff in die verfassungsmäßig garantierten Persönlichkeitsrechte und in die Privatsphäre zwingend einen Durchsuchungsbefehl respektive -beschluss, ausgestellt auf einen konkreten Tatverdächtigen, und nicht einfach nur eine vage Vermutung, braucht.


Ist es nicht ein absolut grauenvoller Gedanke, dass alle Menschen, die einen bestimmten Bürger oder ein bestimmtes Stich- respektive Schlagwort suchen, automatisch zu potenziellen Verdächtigen werden können? Eine ganz neue und ungeheuerliche Dimension, wie wir sie so noch nie zuvor erlebt haben! Vor allem, wenn es sich bei den Suchwörtern vielleicht um politisch oder gesellschaftlich relevante Themen handeln könnte?

Was, wenn Google gar keine Daten gespeichert haben will? Existiert man dann gar nicht?

Aufgeschreckt durch diesen Artikel recherchierte ich weiter und stieß dabei auf derselben Seite auf Dale Smiths Beitrag vom 28. Juni 2020 mit dem Titel: „Google collects a frightening amount of data about you. You can find and delete it now“.  Und weil ich neugierig war, wollte ich wissen, was Google so alles über mich weiß, und folgte den beschriebenen Anweisungen. Das Ergebnis war verblüffend: bei den ganzen kritischen Rubriken von myactivity.Google.com ließ mich Google mit einem schwarzen „Einfahrt verboten“ Schild lapidar wissen: „Blockierte Seite“. Circa 15 Mal: Blockierte Seite.

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(Screenshot: myactivity.google.com/William Cohn)

Als ich das Spiel abends wiederholte, kam außer bei den Routen von Google Maps statt des „Einfahrt verboten“-Schildes nur stumpf ein einsamer Kaktus in irgendeiner Wüste mit der Unterschrift: „Wir haben keine Daten von Ihnen gespeichert“. Sonst nichts. Hatte ich vielleicht in Mountain View einen Alarm ausgelöst und irgendein netter Googlist ist hergegangen und hat alle meine Daten gelöscht? Das wäre doch zu schön, um wahr zu sein. Oder vielleicht hat er doch nur den Link zu der „Ich heiße Googlehase und weiß von nichts“-Seite gelegt? Jedenfalls behauptet Google jetzt, außer meinem Namen, der E-Mail-Adresse und einer Telefonnummer niemals keine persönlichen und andere Daten nicht von mir gesammelt zu haben.

Warum drängt sich mir so sehr das Gefühl auf: Vergackeiern kann ich mich durchaus alleine!? Warum nur kann ich denen das so gar nicht glauben? Seit Jahren bin ich bei Google mit einem Account angemeldet, seit Monaten benölt mich Google, dass ich mich bei jeder Suche – egal, ob bei Maps oder einem anderen hauseigenen Programm – anzumelden und dabei jede Menge Cookies zu akzeptieren et cetera et cetera habe – und dann können die keine Daten von mir vorweisen? Echt jetzt? Das soll ich denen abnehmen? Nach allem, was Siri und Co so angestellt haben und immer noch anstellen? Für wie naiv halten die mich eigentlich? Für einen Amerikaner?

Aber die netten Boys von Google?!

Gut, wundern Sie sich eigentlich noch darüber, wenn wir von jeder x-beliebigen Daten- und/oder Internetfirma belogen und betrogen, belauscht und bespitzelt werden? Wenn uns sogar der eigene Staat einen Trojaner auf den Hals hetzen darf? Aber hätten Sie das von Google gedacht? Von diesen zwei kreuzbraven, hübschen Boys, die einmal antraten, eine honette, glaubwürdige und der Gesellschaft dienende Suchmaschine aufzubauen? Und was machen die heute? Im Vergleich zu Google wirken ja sogar die großen amerikanischen wie auch immer heißenden geheimen Dienste wie Schulbuben, die am Strand leere Muschelschalen sammeln. Wen wundert’s also, dass diese, die amerikanische Sicherheit bewachenden Agencys so gerne an die Google-Daten herankommen möchten? Und verblüfft wäre ich nicht, wenn die nicht schon lange eng zusammenarbeiten würden. Aber das sagen wir ja nur hinter vorgehaltener Hand, wir wollen uns ja bei gar niemandem nicht unbeliebt machen.
Bleibt mir nur die Frage: Wenn ich die Schufa zwingen kann, mir meine Daten herauszurücken, wie kann ich Google dazu bringen? Ihre Ideen sind mir herzlich willkommen.

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PS: Es gibt inzwischen eine fabelhafte deutsche Metasuchmaschine, deren Entwickler, eine Hochschule, versprechen, mit unseren Daten keinen Quatsch zu machen.

Was unsere fabelhafte digitale Welt sonst noch an Überraschungen für William Cohn bereithält, lest ihr hier.

 

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