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Corona und Coworking: Was das für digitale Nomaden bedeutet

(Grafik: t3n)

Fast alles wird dichtgemacht – dazu zählen natürlich auch Coworking-Spaces. Oder? Rob, unser Berichterstatter zum digitalen Nomadentum, hat sich mal umgehört.


Coworking bedeutet ja eigentlich, dass viele Menschen an einem Ort arbeiten. Mit der Coronakrise ist das jetzt nicht nur unmöglich, sondern sogar höchst gefährlich. Also habe ich mal mit drei Betreibern von Coworking-Spaces gesprochen. Ich wollte Interviews machen, wie sie mit der Situation umgehen. Doch was dabei herausgekommen ist, konnte ich so nicht an die Redaktion weitergeben. Beim besten Willen nicht. Ein Erfahrungsbericht und eine Einschätzung.

Ho Chi Minh City (Saigon), Hanoi und Da Nang – drei Hotspots für digitale Nomaden in Vietnam und ganz Südost-Asien. Neben unzähligen „Digital-Nomad-Friendly-Places“ gibt es dort auch eine Vielzahl von Coworking-Stations. Groß, modern, angesagt, hip, bestens frequentiert, weil digitale Nomaden dort eben gerne arbeiten und anzutreffen sind. Normalerweise. Doch jetzt eher nicht. Dachte ich mir. Ich habe mir drei Coworking-Spaces rausgesucht (klein, mittel und groß) und sie kontaktiert, um mit den Betreiber über die aktuelle Situation zu sprechen, über Herausforderungen, über Maßnahmen und Einschätzungen und so Dinge. Natürlich per E-Mail, Skype oder Telefon, nicht direkt. Sehr, sehr ernüchternd und erschütternd.

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Dunkelrote Flaggen

Angesprochen darauf, wie sie damit umgehen, dass Coworking-Stations ja eigentlich absolute Infektionsherde sind, kamen nur ausweichende Aussagen: „Wir bleiben geöffnet!“ Ich meinte, es wäre doch etwas verantwortungslos, einen Betrieb geöffnet zu halten, in dem sich Menschen aus allen möglichen Ländern treffen, sich eventuell anstecken, und dann weiter um die Welt ziehen – mit dem Virus. „Wird nicht passieren!“, sagten alle drei unisono. Sie würden alle drei Stunden alle Oberflächen desinfizieren. Ob sie denn wenigstens Gesichtsmasken gratis verteilen würden und das Tragen verpflichtend wäre? „Nein, wir haben eine gute Klimaanlage, die beseitigt alles!“

Ich war, ehrlich gesagt, ziemlich bestürzt ob dieser Aussagen. Vietnam hat es bisher geschafft, Corona fast komplett einzudämmen. Und diese drei Typen öffnen weiter ihre Türen, lassen digitale Nomaden aus aller Herren Länder rein und laden geradezu dazu ein, dass die Verbreitung voranschreitet. Von den 91 gemeldeten Corona-Fällen in Vietnam (Stand: 21. März 2020) sind über die Hälfte Reisende aus Europa kommend. Hauptsächlich junge Menschen. Lasst mal einen digitalen Nomaden mit Corona aus Großbritannien da hingehen und einen, der vor kurzem noch in Italien oder Spanien war. Er oder sie infiziert 50 andere, die dann am nächsten Tag weiterziehen – in den nächste Coworking-Space. Das Nachvollziehen von Infektionsketten ist im Nachhinein schier unmöglich.

Überlebenskampf im wahrsten Sinne des Wortes

Weitere Nachfragen zu diesem Punkt wurden erneut ignoriert. Stattdessen wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass sie ja alles Erdenkbare machen würden. Und dass junge Menschen ja nicht so gefährdet wären. Auf meine Bemerkung, das Coworking-Spaces in Deutschland, eigentlich ganz Europa und in vielen anderen Ländern, geschlossen wurden, hieß es nur: „Selber schuld, zu wenig desinfiziert!“. Es war mehr als deutlich zu spüren, dass sie verzweifelt versuchten, alles herunterzuspielen, damit die weitere Öffnung ihres Betriebs gerechtfertigt erschien. Keine Frage, da sind finanzielle Gründe für verantwortlich. Sie kämpfen ums wirtschaftliche Überleben, so wie viele andere KMU auch. Doch die Hochrisikogruppe der digitalen Nomaden (ich klassifiziere sie so) … Ich weiß ja nicht.

Dann eben darauf reagieren?

Der nächste Punkt, den ich ansprach, war, ob es nicht vielleicht auch eine gute Gelegenheit wäre, neue Wege zu gehen und auszuprobieren? Beispielsweise virtuelles Coworking für die Mitglieder/Abonnenten/registrierten User. Also geschlossene, exklusive Gruppen, etwa in Zoom, die auch für die Zeit nach Corona aktiv sind. Sodass Leute sich weiterhin connecten und austauschen können. Die normalerweise üblichen Gruppenveranstaltungen und Fortbildungen sowie Barcamps fänden eben online, virtuell statt. Stichwort: Virtual Reality. Als Coworking-Space, in dem Top-Leute und Nerds arbeiten, die sie da sicherlich unterstützen würden, wäre das doch recht einfach machbar. Ob sie da irgendwelche Ideen hätten. Ich hätte auch kochende Teekessel fragen können – da kam heiße Luft. Wenn überhaupt. Ich bezweifle, dass sie überhaupt die Frage verstanden haben. Es wurde aber noch besser.

Absurder geht es nicht

Dann fragte ich sie mit der Bitte um ehrliche Antwort, ob sie es nicht doch für besser hielten, digitalen Nomaden aktuell zu raten, im Homeoffice zu arbeiten und Sozialkontakte zu vermeiden. Auch wenn es für sie selber wirtschaftlich eventuell katastrophal wäre. Ja, Homeoffice wäre eine Möglichkeit. Aber im Coworking-Space zu arbeiten, sei wirklich kein Problem. Das würden sie (als ob sich die drei abgesprochen hatten) garantieren. Wirtschaftlich hätten sie absolut keine Probleme, denn: „Unternehmen sourcen gerade ganze Abteilungen zu uns aus, damit sie niemanden in der Firma anstecken“. Ja, Unternehmen schicken (angeblich?) beispielsweise ihr Marketing in einen Coworking-Space, um von dort aus zu arbeiten, das wäre ja so etwas wie Homeoffice, sie wären dann ja nicht in der Firma. Ernsthaft?!

Es folgten dann (wieder: wie abgesprochen) Aussagen über die rosigen Zeiten, die da kommen werden, da bald viel mehr Remote Work akzeptiert werden würde. Das wäre das Gute an Corona. Alles gut, alles kein Problem, kommt vorbei, wir haben geöffnet. Roger, over and out.

Ich hatte etwas ganz anderes erhofft und erwartet. War aber nicht. Sorry, diese Interviews will ich so im Original nicht weitergeben. Ich hoffe, ihr versteht das. Immerhin, wie ich in vielen Foren verfolgen kann, gehen digitale Nomaden gerade selber auf Distanz und meiden Coworking-Spaces. Sie scheinen die Gefahr, der sie sich und andere aussetzen, begriffen zu haben. Oder doch nicht? Na ja, wenn ich dann sehe, dass sie sich dann lieber gemeinsam in einem Café treffen – wo ist da der Unterschied? Logik? Ich habe es an anderer Stelle erwähnt, die aktuelle Krise wird später auch positive Effekte haben, gerade für digitale Nomaden. Doch im Moment kann ich nur strengstens davon abraten, Coworking zu betreiben – sei es in einem speziellem Ort dafür oder zwanglos in einem Café. Zudem: Wenn nicht schon geschehen, werden bald auch Coworking-Stations zwangsweise geschlossen. Die, die dann noch geöffnet haben werden, sind das nur, weil sie nebenbei Essen servieren, sprich: eine Restaurant-Lizenz haben. Also eine Ausnahmeregelung.

Jammern auf höchstem Niveau

Fast überall auf der Welt wird Homeoffice angeordnet. Für manche ist das ein Segen, für viele aber ungewohnt und anstrengend. Warum aber halten sich viele digitale Nomaden nicht daran und wollen unbedingt in Coworking-Spaces oder zu privaten Gruppentreffen in Cafés? Nun, ich sage mal, weil sie eh schon sozial isoliert und vereinsamt sind (dazu an anderer Stelle mehr). Dann auch noch Homeoffice alleine? Scheint zu viel zu sein. Gerade heute morgen habe ich einen Post einer Frau gesehen, die darüber klagt, dass sie aktuell nicht weiterziehen kann und festsitzt und alles ganz schlimm ist und sie Kontakt vermisst. Oh. My. God. Das Bild, das sie dazu postete, zeigte sie, wie sie auf einer Palme über glasklarem Wasser am Strand im Bikini in der Sonne liegt. In der Karibik, Belize. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. So ein Homeoffice würden sich sicherlich gerade viele Menschen wünschen, oder? Lieber mal den Ball flach halten und Hände weg von Social Media.

Was jetzt?

Ich kann mir gut vorstellen, dass einige von euch gerade die Pläne zum digitalen Nomadentum auf Eis gelegt haben. Zu Recht. Wie soll das auch gehen? Selbst wenn ihr es schafft, in irgendein Land zu kommen, dann wärt ihr dort nicht digitaler Nomade, sondern digitaler Einsiedler. Und wenn ihr schon unterwegs seid oder gerade eben noch den Absprung geschafft habt: Stay safe, stay home! Meidet Coworking-Stations und Digital-Nomad-Meetings, zumindest für eine Zeit. Wenn ihr unbedingt sozial interagieren und kollaborieren wollt oder müsst – täglich, fast stündlich, poppen im Netz Einladungen zu virtuellen Treffen auf. Heißen dann halt nicht Meeting, sondern Gathering, Socializing oder wie auch immer. Macht das digital. Tools dafür gibt es ja wie Sand am Meer ;-)

Das ist Coworking in Zeiten von Corona.

Cheers, Rob

Du hast Lust, mehr über das Leben als digitaler Nomade zu erfahren? Kein Problem, bei Rob’n’Roll around the World liest du mehr!

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